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Jüdische Rundschau · 1907-05-31 · Heft 22 (31.5.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 222 JÜDISCHE RUNDSCHAU י ' No. 22 und ist erst Jüngst von dem bekannten Kliniker Oeh. Rat Ebstein in Göttingen in einem Aufsatze der Deutsch, med. NVochenschr. 0907 Nr. 16) über Natur und Anlage der Gicht vertreten worden. Genau so gibt Heinrich Singer, der eine Broschüre ״Allgemeine und spezielle Krankheitslehrc der Juden“ verfasst hat. vor allem dem Beruf an der Entstehung der Judenkrankheiten Schuld. Die moderne Wirtschaftsweise hat charakteristische, ge• sundhcitsschädliche Nebenwirkungen, weiche die Juden der Gegenwart besonders schwer treffen und in abseh• barer Zeit nicht beseitigt werden können. Denn es ist unmöglich, in den einzelnen Beruf helfend ciuzugrcifen, und die Selbsthilfe der Bcruisvcreinc steht noch wenigstens, was die mit Juden besonders besetzten Berufe betrifft, in den ersten Anfängen und nicht minder aussichtslos ist es, das Klein• satdtlebcn der Juden in Deutschland zu erhalten, sie hier zu einer landsässigen Bevölkerung zu machen. Wenn man aber auch in die bcruilichcn Verhältnisse nicht eilig reiten kann, so vermögen wir uns doch der auf ihrem Boden erwachsenen Cicsundheitsschädigungcn zu erwehren. Wie das zu machen ist, lehren uns die ärztlichen Sachvcrständigen. Da hat man zunächst auf die Notwendigkeit der Muskeltätigkcit bei einseitiger geistiger Arbeit hingewiesen und zahlreiche jüdische Turnvereine gegründet. Das ist schon helfende Medizin, die allein jedoch nicht ausreicht. Noch mehr Erfolge können wir erzielen, wenn wir den fiskalischen Weg beschreiten, den der Staat in seiner gesetzlichen Arbeitcrvcr- Sicherung angebahnt hat, indem die Konsumenten aus eigenen Mitteln eine besondere Steuer erheben, um durch die gcnossenschaftüchc Vereinigung Gesundheit und Arbeitsfähigkeit des Individuums im Erkrankungsialle wieder hcrzustcllen. Ganz besonders nützlich hat sich das prophylactischc Heilverfahren erwiesen. Seit dem Wirken der staatlichen Krankenversicherung ist in Deutschland mit der zunehmenden Erkenntnis der Möglich־ keit sowie der wirtschaftlichen und nationalen Erfolge der Krankheitsverhütung eine immer grössere Anzahl von Er־ holungsstätten gegründet worden. Wir Juden haben uns diesen Zweig der Prophylaxe bisher noch wenig zu nutze gemacht. Vom ärztlichen Standpunkte aus möchte ich daher einen Blick auf die Organisierung der Erholung bezw. Schonung oder Fürsorge für Leichtkranke werfen, in der Hoffnung, die jüdische.*. Fraaenvercine zur Stellungnahme zu veranlassen. Beginnen wir mit dem Kindesalter. Der Zug nach den Grossstädten, eine mit dem Wirtschaftsleben der Juden en.> verknüpfte Bewegung, die dortige grössere Wohndichte, die überhaupt bei den KuUurnationcn abnehmende Stillfähigkcit der Mütter, die Bequemlichkeit der künstlichen Säuglingsemährung, das alles wirkt zusammen, um gewisse Erkrankungen im Säuglingsalter, nämlich die Rachitis (englische Krankheit) und die verschiedenartigen Magendarmstörungen, zu wahren Massenerkrankungen zu machen. Nun hat die ärztliche Erfahrung gelehrt, dass zwei klimatische Heilfaktorcn, Wald und Seeluft, für die Behandlung der englischen Krankheit sehr wertvoll sind. Schon der längere Aufenthalt im NadelwalJc der Ebene bringt diesen Kindern vermehrten Appetit, Förderung der Verdauung, auch Kühlung, die krankhafte Knochen- Veränderung wird rückgängig. Der bekannte Kinderarzt Priv.- Doz. Dr H. Neumann, mein hochverehrter Lehrer, sagt in seinen Briefen an einen jungen Arzt (1S99 S. 83): ״Wohl dem rachitischen Kind, welches den ganzen Tag — ausser den kühlen Abenden und den heissen Mittagsstunden — in Waldluft oder am Strande der See während mindestens 6—8 Wochen, womöglich aber während des ganzen Sommers, zubringen kann.“ Selbstverständlich eignet sich auch der Hochwald oder die Verbindung von Wald- und Seeluft, z. B. an der Ostsee, für derartige Patienten. Und was für die Rachitis gilt, ist ebenso wichtig für magendarmkranke und blutarme Kinder. Ich meine nun, dass unsere Frauenvereine nicht Waldpensionen mit ständigem Aufenthalt der Kinder gründen brauchten, obwohl solche auch nicht sehr kostspielig sein dürften. Es lässt sich nämlich hier an Stelle der Kollektivpflege die Einzelpension billig durchführen. Es gehören dazu ja nur drei Bestandteil.', der Wald, die gute Kuhmilch und cm ortsansässiger Arzt. Die Frauenvereine resp. ihre geschüftsführende Zentralstelle iiir ganz Deutschland — ich werde nöeh weiter ausführen, wie nützlich hier die Zentralisation ist ־־ müssten erstens die Angebote ermitteln, d. h. ein Adressen* Verzeichnis derjenigen kleinen, mit Wald umgebenen Städte und Dörfer auiweisen, in welchen die Kinder und Angehörige bei geeigneten jüdischen Familien untergebracht werden künnten. Natürlich wird man erst allmählich über deien Befühlgu:1g zu solchen Einzelpcnsionen ein Urteil gewinnen können: man wird mit ihnen eine Abmachung treffen über die Vcrpilegungskosten, ihnen eine gedruckte Instruktion geben über das hygienische Verhalten zum Pilegling tisw. Was die Aufgaben des die Aufsicht führenden ortsansässigen Arztes betrifft, soll hier ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Haus- und Badearzt bestehen. Der Hausarzt kennt die Entstehung und den Verlauf der Krankheit, der Badearzt kennt die!(•knien klimatischen und W itterungsverliältuissc, das Wesen und die Gicnzcn seiner Heilmethode. So müsste prinzipiell jedes Kind vom behandelnden Arzte ein Attest mitbringen, in welchem das nach seiner Ueberzeugung geeignete Heilverfahren empfohlen wird. Die Gefahren der Milchvcr׳falschung sind im kleinen Orte jedenfalls geringer als in der Qrossstadt, weil die Kontrolle leichter durchführbar ist; das Melken selbst kann dort bequem beaufsichtigt werden. Die Vorteile dieser Einzel* Pensionen im Gegensatz zur kostspieligen Erbauung besonderer Heilstätten liegen auf der Hand. Vor allem besteht hier nicht wie beim Zusammcnströmcn der Kinder in Ostseebädern die Gefahr der Ansteckung mit Masern, Scharlach und besonders Keuchhusten. Jedenfalls wird der ortsansässige Arzt Meldung machen oder eine dahingehende Anfrage seitens der Zentrale beantworten, wenn eine derartige Anstcckungsgefahr besteht, damit das bei der Wahl der Einzelpcnsionen berücksichtigt wird. Dieses Institut halte ich auch für zweckmassig für das spätere Kindesalter. Da sind es besonders die Anfänge der Tuberkulose, Folgezuständc von Masern, Stickhusten, Lungenentzündung, welche unsere Aufmerksamkeit erheischen. Im Kindesalter sind die Anfänge der Tubcfkulose einer weit dankbareren Behandlung zugänglich als bei Erwachscncn; freilich muss immer der Grundsatz der langdauernden Behandlung gewahrt werden. Durch eine einmalige Eerienkur wird man jedenfalls schon eine Besserung erzielen, aber erst durch öftere Wiederholung werden wir den Aus- Bruch der offenen Lungentuberkulose verhüten können, die gerade im Alter von 20—30 Jahren die meisten Opfer fordert. Ferner bedürfen auch diejenigen Grossstadtkinder, die sich nervös oder sehr unartig zeigen, oder körperlich wenig sich entwickeln, vielleicht auch auffällig blutarm sind, gemäss ärztlieber Prüfung des Landaufenthaltes. Alle derartigen Kinder werden bis zum 6. Jahr während des ganzen Sommers oder eines Teiles desselben, während der Schulzeit in den Ferien, in den Einzelpensioucn aufgenommen werden können. Nun wird aber bei den älteren Kindern die Kollcktiverholung (die Kolonie) förderlich und durchführbar sein; es werden zwei oder mehr Schüler in Einzelpcnsionen oder in besondere Kinderheimc gegeben werden können, zumal im schulpflichtigen Alter die Ansteckungsgefahr für Masern tpt'd Keuchhusten weniger zu fürchten sind. Die Erholung von Knaben und Mädchen müsste in besonderen Gruppen erfolgen, welche nach ärztlichem Urteile zusammenzustcllen sind. Beispielsweise wird eir. Soolsecbadcort für Blutarme und Skrofulöse geeignet sein, während das kalte Fluss- oder Seebad nicht völlig gcsunden Kindern eher Schaden als Nutzen bringen kann. Be* kanntlich Ist das gemeinsame Wandern bei Lehrern und El-

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