Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Herr Pr. Rieger, einer der beiden Seelsorger an dieser historischen Stätte der Reform, hat seine Stelle gekündigt infolge der Differenzen mit dem Vorstand «,der — wie der offizielle, sehr treffende und auch für andre liberale Gemeinden empfehlenswerte Name lautet — mit der ״Direktion‘־. Die Direktion s«,!! schon lange mit Herrn Dr. Rieger unzufrieden sein, weil er mit erfrischender Offenheit und konsequenter Logik den ״unentwegt** liberalen Standpunkt vertritt mit allen seinen assimilatorischen uni antinationalen Schlussfolgerungen. Wir schätzen Herrn Dr. Rieger als einen ehrlichen und tapferen Vertreter der von uns aufs ausserste bekämpften liberalen Richtung und können ihn! daher bei dem Konflikt mit seiner Direktion unsere Teilnähme nicht versagen. Der Anlass war, wie wir hören, folgender: Herr Dr. Rieger hatte ini Krematorium bei einer Bestattung, die eine Jüdin betraf, aber von dem Christiichen H. Anschar-Beerdigungs-Verein besorgt war, eine Leichenrede int Ornat gehalten. Im Krematoriuni Leichenreden zu halten, gestattet die Direktion ihren Angestellten. Neu war der Fall, dass die christliche Beerdigungsgesellschaft in Funktion trat. Das war zu viel. Herr Dr. Rieger hatte verabsäumt, die Erlaubnis seiner Direktion dazu einzuholen. Er wurde nachträglich zur Rede gestellt, verteidigte sein liberales Verhalten, aber überzeugte seine Brotherren nicht; er kündigte und seine Kündigung wurde in vergangener Woche angenommen. Eine Anstellung seiner Seelsorger auf Lebenszeit* kennt nämlich der Tcmpclverband nicht; es besteht dort nach liberalem Prinzip halbjährliche Kündigung. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit an einen 2 Jahre zurückliegenden, ebenfalls interessanten Konflikt der Direktion mit dem andern Tempelprediger Herrn Dr. Lcintdörfer. Wie wir s. Zt. berichteten, hatte Herr Dr. L.( der auf einem weniger konsequenten Standpunkte steht, von der Kanzel herab mit scharfen Worten auf bestimmte allgemein bekannte Fälle von Taufen in Familien von Tempelvorstehern und insbesondere bei den Nachkommen eines früheren Tcmpclpredigers hingewiesen. Diese Kühnheit trug ihm von Seiten der Direktion eine Rüge ein; Kündigung erfolgte nicht. Damals wurde behauptet, dass der 83jührigc Vorsitzende der Direktion des israelitischen Tempelverbandes zu Hamburg, Herr Josef Schönfeld bei sich gedacht haben soll; ״Sie stehen bei uns in Lohn und Brot und haben unsere Anschauungen zu vertreten.“ Wir wissen hingegen mit Bestimmtheit, dass solche Worte in Hamburg nicht gefallen sind. Oie Gründung von Erholungsstätten auf genossenschaftlicher Basis, eine flulgata der jüdischen Frauenoereine Von Dr. med. H. L. Eisenstadt. Arzt in Berlin. Das obige Thema führt uns auf ein bisher etwas stiefmütterlich bclianddtcs Gebiet, aut die soziale Gesundheitspflege •der Juden. Vielleicht wird man über meine Behauptung erstaunt sein, es ist eine brennende Frage, um die es sich hier handelt. •In der medizinischen Literatur der Gegenwart werden den Juden gewisse Krankheiten als besonders häufig, sogar als ihnen eigentümlich zugesprochen, nämlich Konstitutionskrank־ heiten, wie Fettsucht, Gicht und Zuckerkrankheit, ferner das Glaukom, nervöse Reizbarkeit, welche sich in der vermehrten Zahl von Beleidigungsprozessen kundgeben soll, überhaupt Nervenkrankheiten, darunter auch die durch die Unfallver- Sicherung ausgelöste Rentenhysterie und Geisteskrankheiten Lieber die Frequenz gerade der Nerven- und Geisteskrankheiten ist man aus dem Grunde erstaunt, weil eine Hauptursache, nämlich die Trunksucht, bei den Juden fortfällt. Es ist durchaus nicht notwendig, die vermehrte Häufigkeit der genannten Krankheiten als zweifellose Tatsache anzunehmen. Vielmehr handelt cs sich um eine Behauptung, die erst durch eine sorgfältige Krankheitsstatistik zu beweisen ist, die es aber noch nicht gibt. Denn Berichte aus Krankenhäusern und Kliniken genügen dazu nicht, sondern erst sogenannte Familienkrankengcsehichten, verfasst vom Hausarzt oder den behandelnden Acrzten, wurden eine Grundlage der Krankheits- Statistik abgeben. Dann könnte man nach ausreichender Beobachtung näheres über die Zunahme von Krankheiten statistisch ermitteln. Es wird ja auch die Zunahme von Stoffwechselkrankheiten für die Gegenwart in Deutschland überhaupt von einigen Autoren angenommen. Nun haben auch diejenigen Aerzte, welche diese Zunahme der genannten Krankheiten bei den Juden als feststehend auffassten, sich nach einer Erklärung für diese Erscheinung umgesehen. Es handelt sich um drei Möglichkeiten, entweder werden, populär ausgedrückt, die Krankheiten als solche für das ganze Leben vererbt, oder sic sind nicht erblich und nur im höheren Alter erworben, oder nur ihre Krankhcitsanlage wird vererbt und bei gewissen äusseren •Bedingungen tritt die Nervenkrankheit in Erscheinung. Die letzte Ansicht hat, wenn man berücksichtigt, dass die medizinische Forschung dieses dunkle Gebiet noch nicht erhellt hat, die meisten Fürsprecher