Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 21 JÜDISCHE “RUNDSCHAU Seite 217 rechtes spielen noch die geringste Rolle. Sic stören bloss die Agitation, verletzen das Gesetz. Plötzlich entdeckte Baufälligkc»it. Feuersgefahr. Scuchengcfahr und ähnliche Willkürlieh hcrausgesuchte Ciriinde sollen Versammlungen unmöglich machen. Im Stanislau wurde sogar die Affichicrung von Pia- Raten verbotet!, weil die Einberufung einer Versammlung ungesetzlich erfolgt sein soll Der offizielle Terror arbeitet mit allen Mitteln. Sanitätspolizeiliche, gewerbe- und finanzbehördliehe Revisionen sollen die oppositionellen Wähler kirre machen. Irgendein blutjunger Konzeptspraktikant aus Leinberg erscheint in einem Ort. von einem einheimischen Agitator begleitet und arbeitet unter dessen Kommando so: Raseurläden müssen gesperrt werden, weil — die Messer nicht rein sind: Besitzer von Bäckerstuben werden mit empfindlichen Qeldstrafer. belegt, weil — vor der Geschäftstür ein Ttircisen zum Putzen der Schuhe fehlt: Häuser in guiem Bauzustandc werden als sanitätswidrig und baufälig bezeichnet. Und so geht cs fort. Die Wähler werden systematisch eingeschüchtert. Nicht nur die jüdischen Oppositionellen, sondern alle Parteien, die gegen die Schlachta im erbitterten Wahlkampfe stehen. Obwohl die Zentralrcßionme erfahrungsgemäss zur Besserune solcher schmachvoller Verhältnisse wenig beitragen kann, weil man sie and ihre Aufträge einfach unbeachtet lässt, ist der Plan aufgetaucht, eine Abordnung aus allen Parteien und Wahlkreisen nach Wien zu entsenden. Die polnische Volks- Partei, die unabhängigen Polen. Ruthcnen und Zionisten kamen in Betracht. Die Ausführung des Planes, für die die Intervention Dr. Isidor Sclialits in Anspruch genommen wurde, scheiterte daran, dass wegen der Kürze der Zeit und der Wahlarbeiten in Galizien eine Vertretung aller Wahlkreise^ nicht möglich war Die Deputation, die am 11. Mai;״׳,lter Führung Dr. Sclialits beim Minister des Innern. Freiherrn von Bicnerth. vorsprach, bestand aus Vertretern der oppositionellen Parteien in Stanislau. Buczacz. Lemberg. Dr. Sclialit stellte die Herren dem Minister vor und entwickelte ein allgemeines Bild über die Wahlkämpfe in Galizien. Dr. Birnbaum ergänzte den Bericht durch Details aus seinem Wahlbezirke, ebenso Dr. Läufer, der naments des vereinigten Komitees zum Schutze der Wahürcihcit (Stanislau) sprach. Freiherr von Bienerth versprach, die Beschwerden zu untersuchen. Erhebungen anstellen zu lassen und sofort alle notwendigen Schritte zum Schutze der Wahlfreiheit zu unternehmen. Die Antwort war sicherlich gut gemeint. Kein Österreich!- scher Minister des Innern kann auf Klagen über das galizische Wahlsystem anders erwidern Aber uns scheint, seine Macht hört an den Grenzen Galiziens auf Im Paschalik des Lernberger Statthalters haben zivilisierte Beamte mit europäischen Manieren und Verwaltur.gsgrundsätzen nichts dreinzureden. Man berichtet ierner aus Lemberg: Eine in Lemberg von den oppositionellen demokratischen Parteien, ferner von der polnischen Volkspartei, den Sozialdemokraten und Zionisten, sowie deren Kandidaten unter Vorsitz des gewesenen Abgeordneten Dr. Roszkowski abgehaltene Protestvcrsammlung hat eine Resolution des Inhalts angenommen, dass man die im polnischen Nationalrate vereinigten Parteien und politischen Gruppen für die antinatlonalen und frcihcitswidrig'en Wahimissbräuchc. sowie die zahlreichen Rechtsverletzungen in vielen galizischcn Wahlbezirken moralisch verantwortlich mache und dass maji diejenigen Kandidaten, welche sich gewisser, die Nationalehre verletzender Wahlpraktikcn schuldig machen, als des Vertrauens und des Abgcordnetcnmandats unwürdig erachte. Aus: DIE WELT. Nationales Gefühl und ״nationale“ Hetzen Man schreibt der RUSS. KORR, aus Petersburg: Der sozialdemokratische Abgeordnete Subarow, der letzthin mit dem Kriegsminister einen scharten Zusammenstoss hatte, ist armenischer Herkunft. Das merkt sich die reaktionäre Presse wohl. Sic weiss die Umstände atiszunutzen. Bei uns tappen die Volksmassen noch im Dunkeln und sind zum langen Nachdenken und Ueberlegcn nicht bereit. Der einfache, aber ausdrucksvolle Ruf: .Nieder mit den Armeniern!“ ..Nieder mit den Juden!“ wirkt mächtiger, als irgend welche Argumente: ..Ein Armenier hat die russische Armee beleidigt! ‘ ״Die Juden verhöhnen die nationalen Heiligtümer!" Solche Rufe zum Bürgerkrieg finden leichten Zugang in die Köpfe einfachcr Leute, bei denen die Vernunft vom Gefühl niedergehalten wird. Sehen wir uns die Kongresse. Kohfcrcnzen und Manifcstationen der Schwarzen HmnkTtu. der ״echtrnssisehen“ Leute näher an: Ucbcrall ist das charakteristische Merkmal samtlieber solcher Veranstaltungen das Fehlen klarer Gedanken. Skr würden nur die Einheitlichkeit der Stimmung zerstören. Daher beeilt man sich, das Bewusstsein des Pöbels durch Nationalhymnen und aufreizende Aufrufe zu betüulxm und durch den Anblick bunter Fahnen die Augen zu blenden. Von allen politischen Gefühlen »st das nationale das stärkste. Man kann sich also denken, welche Folgen eine künstliche nationaie Hetze, die jeder Aufrichtigkeit und Uebcrzcugung bar ist, namentlich in Russland haben muss, wo zahlreiche und die verschicdenartigsten Völkcrstämme neben einander wohnen. Was soll werden, wenn man die sämtlichen Völkerschaften gegen emnndcd hetzt? Die Politik Plchwes, sowie die des Fürsten Golvzin im Kaukasus haben uns das Endresultat gezeitigt. Die jüdischen Pogrome, das tatarisch-armenische Gemetzel, die grusischarmenischen Wirrnisse waren die ersten Anfänge der heillosesten Politik. Jetzt will man wcitcrschreitcn auf diesem Wege.;Bei gemeinsamer Arbeit der gewissenlosen Presse, der verwilderten Fanatiker und der unehrlichen Vertreter der Regierungsgewalt kann es gelingen, mit der Zeit Russland in einen siedenden Kessel des Hasses und Haders zu verwandeln, während eine vernünftige Politik verlangt, dass in Russland in den zahlreichen Völkerschaften das einigende Gefühl der staatsbürgerlichen Zusammengehörigkeit empor gehoben und gefestigt wird. Eine vernünftige Politik fordert dass man denen, die nicht zum russischen Stamme gehören (und das sind etwa 35—*10 Prozent der Gesamtbevölkerung) nicht immerfort vor wirft, dass sic ״Fremde" sind: sondern dass man sic daran gewöhnt, sich als gleichberechtigte Glieder eines und desselben Staatsganzen, eines gemeinsamen Vaterlandes zu fühlen. Aus Rumänien Herr G. Can t a cu z i 11 o. Chef der konservativen Partci. hat demissioniert und Herrn I». p. Carp sein Amt angeboten. Dadurch ist die sogenannte iunmiistischc (jungkonservative) Partei mit der konservativen fusioniert und es gibt daher nur noch 2 Parteien, die sich in der Regierung abwecliseln. Bekanntlich sind seit kurzem die ..Liberalen" mit Herrn D. Sturdza an der Spitze am Ruder und die Konservativen in der Opposition. — Herr P. Caro ist vielleicht der einzige rumänische Staatsmann, der den Juden wohlgesinnt ist. Das Deutsche Bureau der Alliance Israeli tc Universelle stellt uns folgende Mitteilungen zur Verfügüng: Bukarest, N. Mai. Ich habe Ihnen die betrübliche Mitteilung zu machen, dass die Ausweisungen sich vervielfältigen und zahllose Familien zur Verzweiflung treiben. Dicht an den Toren von Bacau ist die Gemeinde Staucrcsti. Dort wohnten seit Jahren 6 jüdische Familien, die mit 2 oder 3 Ausnahmen regelrechte Niedcrlassungserlatibnis hntten. Alle diese Familien haben nachstehenden Beiehl erhalten: ״Befehl. Wir. Bürgermeister der Gemeinde Saueresti. Bezirk Bacau. In Anbetracht, dass Avram Bercowici die Bedingungen des Artikel 5 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden nicht erfüllt In Anbetracht, dass der genannte bisher die in diesem Artikel vorgesehenen Akten zur Erlangung der Niederlassungserlaubnis nicht cingercicht hat. Demgemäss und auf Grund des Gesetzes sowie der einschlägigen Ministerial-Verfiigungcn. befehlen, diss der gennnnte Avram Bcrcowici die Gcmeiride binnen 5 Tagen nach Empfang dieses zu verlassen hat, und tun ihm kund, dass er eventuell nach den Bestinimungen des Gesetzes abgcscliobcn werden wird. Der Bürgermeister: V. Anghiel. Der Sekretär: (unleserlich.) No. 1*129. 1907. April 25. Unter Bezugnahme auf den Befehl No. 1*129 vom heutigen Tage teile ich Ihnen mit. dass Ihnen eine Frist zum Verlassen der Gemeinde von nur *IS Stunden nach Empfang dieses gewährt ist. nicht von 5 Tagen, wie irrtümlich angcgeben war. Der Bürgermeister: V. Anghiel. Der Sekretär: (unleserlich.) No. 1*163. 1907. April 25.“ Herr Radon Porumbaru. Präfekt von Bacau. einer der wildesten Antisemiten Rumäniens derselbe, der einmal einem jungen jüdischen Kutscher mit Vitriol Brandwunden beibringen licss, will den völligen Ruin der Juden von Stgueresti, von denen einige nach Buearest gekommen sind, unsere Hilfe und unseren Beistand v.u erbitten. Neue Bemühungen bei dem Ministerium, wenigstens einen Aufschub von einigen Tagen zu erlangen, sind vergeblich gewesen. Herr Bratianu zeigt sich unbeugsam. Fortgesetzt laufen beunruhigende Nachrichten über die Ernte ein. Die Trockenheit nimmt von Tag zu Tag zu. Man spricht bereits von Hungersnot. Die Land wirtschaftlichen Aussichten sind nichts weniger als beruhigend.