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Jüdische Rundschau · 1907-05-24 · Heft 21 (24.5.1907) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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i % No.21 JÜDISCHE RUNDSCHAU _Seite 211 . —1\ - -- - י —AB. -— - — seine klare Pflicht ist der Gemeinde gegenüber, der er dient: nämlich die Wahrheit seines Herzens zu lehren. Dann behauptet Herr Levy, dass Rabbi Cohn einigen seiner Schüler zionistische Ideen einflösste. und ent- ׳weder infolgedessen oder infolge eines unerfreulichen Streites mit einem seiner Lehrer, was für ein Streit es war, erklärt Herr Levy nicht, entliess ihn der Direktor. ,Was die ״zionistischen Ideen“ waren, die Rabbi Cohn seinen Schülern einflösste, wird uns nicht gesagt; aber die Phrase kann alles bedeuten. Es kann z. B. heissen, dass Rabbi Cohn seinen Schülern erzählte, dass das Wochenfest eines der drei Feste sei, die besonders dazu bestimmt sind, den innigen Zusammenhang unsres Volkes mit dem nationalen Leben des alten Palästina zu erhalfen; aber wie er ein solches Einflüssen zionistischer Ideen vermeiden könnte, wenn er überhaupt das Scliabuotheft im Unterricht zu behandeln hatte, ist schwer zu sagen. Drittens wird Rabbi Cohn angeklagt, an einer Gedenkfeier für Theodor Herzl teilgenommen zu haben. Das Blut kocht einem vor Entrüstung, wenn man sicht, dass ein Jude, welches auch seine Ansichten seien, daraus •eine Sache der Anklage machen konnte. Dass der Berliner Gemeindevorstand Rabbi Cohn tatsächlich einen Vorwurf daraus gemacht hat. dass er dem Andenken des grössten Juden unserer Tage, der sein Leben einer jüdischen Sache opferte, seinen Tribut zollte, lässt wenig für oder gegen ihn zu sagen übrig. Aber die vierte Anklage, die Herr Levy erhebt, rechtfertigt vollständig alles, was wir über den Fall gesagt hatten. Er erzählt uns, dass Rabbi Cohn, ganz ohne Veran- Jassung, wie er uns glauben machen will, dem Direktor erzählte, dass er die Juden in Deutschland in erster Linie als Juden und dann, erst als Deutsche ansehe. Infofgedessen und in Folge der Besorgnis auf Seiten der jüdischen Lehrer, ihre Treue als Deutsche müsse in Zweifel gestellt werden, wurde Rabbi Cohn suspendiert. Das ist der Ghettogeist, den wir meinten.’ die feige Furcht, von dfcr wir sprachen, nicht bloss, sei es gesagt, vor dem Direktor, sondern auch vor ihren nichtjüdischen Nachbarn, die der Vorstand mit den Lehrern teilte. Man braucht nicht antisemitisch zu sein, um die Kriecherei •derer zu verachten, die sich brüsten. Deutsche zu sein und zugleich Gewohnheiten annehmen, deren jeder Deutsche, der des Namens würdig ist, sich schämen würde. Wir schreiben natürlich nicht mit Parteigeist Es ist uns gleich, dass Rabbi Cohn zufällig Zionist ist Das Vorurteil darf nicht ermutigt werden, sich itn Judenturne niederzulassen, intoleranter und bigotter Verfolgung darf nicht Raum gegeben werden in seiner Mitte. Wenn aber dieser Geist ausgespielt wird gegen den Prediger, den bezahlten Angestellten einer Gemeinde, so nimmt er eine besonders brutale Form an, denn die Rabbiner sind abhängig von ihrer Gemeinde, und die Gemeinden sollten vor dein Amt ihrer Rabbiner genug Achtung haben, um ihnen Gedankenfreiheit in den weiten Grenzen dessen, was jüdisch ist, zu lassen. Wir bemerken, dass ein ähnlicher Protest, wife der in Berlin, in New York erhoben worden ist, wo unsere Leute gleichfalls versucht haben, ihre Rabbiner ihrer Gesinnung wegen zu verfolgen.“ Die österreichischen Reichsrafswahlen Die Hauptschlacht ist vorüber. Sie hat fast für jede Partei Ueberraschungcn gebracht, auch für die iüdisch-nationale. Uns interessieren in erster Linie die Wahlresultate in den sogenannten jüdischen Wahlkreisen. Offiziell gehören diese Wahlkreise zu den dcutscchen resp. zu den polnischen; da jedoch darin die Mehrheit der Wühler Juden sind, so werden sie vom Volke einfach als jüdische Wahlkreise bezeichnet. In Wien w'urde itn ersten Wahlgang in der Inneren Stadt (Kaiviertel) Ministerialrat Kuranda, ein Sohn des früheren jüdischen Kultusvorstehers, als ..Deutschiortschrittlicher“ fast ausschliesslich von Juden gewählt. In der Minorität blieb der Antisemit Welsskircliner. In der Leopoldstadt (der sogenannten Judcninscl) kommt der Sozialpolitiker Dr. Ofner in sichere Stichwahl mit dem Christlich-sozialen Zesevvitz. Der ״Deutschfreisinnige״ Dr. Gustav Kohn und unser Gg. Dr. Schalit blieben in der Minorität. Ein Resultat das Kenner der Verhältnisse nicht im mindesten überraschte, da die Leopoldstadt in Wien auch bei den Kultusgemeindewahlen eine antizionistische Majorität ergeben hatte. Den Wiener Parteigenossen war es natürlich unmöglich, den Ansturm der von der gesamten Tages- und jüdischen Fachpresse in Wien unterstützten Gegner standzuhalten. Ausserdem ist die jüdischnationale politische Organi- Einst warf sich ein zerlumpter junger Mensch dem Pan Potocki zu Füssen. ״Erlauchtester Wohltäter! Rette einen familien- und heimatlosen Schlachziz vom Huhgertode; nimm den Unglücklichen in deirten hohen Dienst.“ ״Was kannst du?“ *,Nichts!“ ״Willst du in das Hofkommando?“ ״Ich bin sehr furchtsam.“ ״Willst du unter die Haiducken. Pferde- oder Nundcvvärter?“ ״Ich bin sehr schwach.“ ״Möchtest du vielleicht Ökonomie-Aufseher *werden?“ ״Ich bin sehr diebisch.“ ,.Willst du Koch werden?" ״Ich bin sehr gefrässig.“ ״Willst du Lakai werden?“ ״Ich bir. sehr ungeschickt.“ ״Oder willst du dich im allgemeinen nützlich machen?“ ״Ich bin sehr faul.“ ״Wte nennt man dich?“ ,.Simon Dcrnjewitsch.“ ״,Willst du Durujewitsch Stern heissen?“ ״Ich will essen, trinken schlafen und gar nichts tun.“ ״Schön, du gefällst mir.“ An demselben Tage wurde Dernjewitsch in Durnjewitsch umgetauft und mit dem ehrenvollen Posten eines Hofnarren belehnt. Und es wäre schwer, eine Persönlichkeit zu finden, die nach ihrem Aeusseren, ihren Manieren und ihrer ungewöhnlichen Eaulheit für dieses jämmerliche Amt des dolce far niente besser gepasst hätte als Simon Durnjcwitsch. Klein, hager, beweglich, etwas verwachsen, mit kleinen, scharfen, tiefsitzende.n Aeuglein, einem krummen Nasenstummel, einem breiten Mund mit weissen, scharfen Zähnen, den dicke aufgeworfene Lippen umrahmten mit übermässig langen, mageren Armen — so hatte Durnjcwitsch viel Aehnlichkeit mit einem jungen, etwas gezähmten Orang- Utang. Er besass bedeutend mehr Raffiniertheit und natürliche Komik als Scharfsinn und Findigkeit. Wenn man es ihm erlaubte, so plapperte er ohne Unterlass, so dass In diesem Geplapper zuweilen etwas Gelungenes, Pikanties oder Anzügliches mit unterlief. Allein die Pans duldeten die Wahrheit selbst nicht in dem Mundfe eines Narren, und ahndeten jedes freie Wort in grausamer Weise. Der Narr durfte Gesichter schneiden. Purzelbäume schlagen, wie ein Hahn krähen, allein die Zunge — musste er fast zwischen die Zähne schliessen. \

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