Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651520--04678-2661662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 20 ■־! ■ Rundschau. <— =■■* 1_!_ Die von einem unabhängigen Komitee in der Viktoriabrauerei einberufene Protestversammlung gegen die Vcrgewaltlgung Dr. Emil Cohns war von mehr als 2000 Personen besucht und viele Hunderte mussten unverrichteter Sache wieder abziehen. weil sie in den überfüllten Saal ued seine Nebensäle keinen Einlass finden konnten. Nach einem sehr sachlichen Referat des Dr. A. B i r a m und einem nicht minder von Sachkenntnis und Sachlichkeit zeugenden Referat Dr. I. Zwirn s. sprach M. A. K I a u s n e r in seiner schart pointierten und glänzenden Weise. Dr. Z w i r n war trn.ächtigt. einen scharfen Protest des Repräsentanten Prof. D r. Haginsk v vorzulcsen. der durch Majorisation in der fainosen Repräsentantenversammlung verhindert war. Protest gegen die Verwaltung des Rechts einznlegen. Von liberaler Seite sprach Herr Rechtsanwalt Stein, der sich Mühe gab. Herrn L i I i c n t h al.wciss zu waschen. Nur mit Mühe konnte der Vorsitzende. Dr. Julius K a t z. es durchsetzen, dass die Versammlung die wiederholten Reden des Herrn ruhig anhörte. In glänzender Weise widerlegte Herr Liehten stein die seichten Auseinandersetzungen. Ober- Ich rer D r. Johannes Joel erklärte namens seiner Kollegen, dass der eine Vermittler der Direktorbotschait an den Vorstand, der Lehrer Hanf f. kein Oberlehrer, sondern Gcmcindclehrer sei. dass er und seine Kollegen aber entrüstet jede Gemeinschaft mit den Angebern zurückwicsen. Rechtsanwalt Stein sprach zum zweiten Male und zitierte einen Fall. wonach seinem Wissen Dr. Cohn mit seinem Unterricht Missbrruch getrieben habe, wollte er aber keineswegs der. Namen nennen. Dr. Rosenkranz, der zufällig die Sache genau kannte, nannte den Kalen und widerlegte unter allgemeiner Heiterkeit das schwächte Gerede des Herrn Hechtsanwalt Stein. Dr. Alfred Klee, stürmisch begrüsst. hielt sodann eine seiner Meisterreden mit vielem Geist und sachlicher Schärfe. Nach nochmaligem Gebrauch der Geduld durch Herrn Stein und einer Rede Karfunkels sprach H e i 1! r i c I! L o e w e ein Schlusswort und mit allen gegen eine S t i in m e wurde eine Resolution angenommen, die in ruhiger aber nicht minder entschiedener Weise dem Proteste und der Entrüstung Ausdruck gibt. Wem man bedenkt, dass, init Ausnahme des Herrn Stein, lauter vorzügliche Reden gchalten wurden, st» begreift man den imposanten und erhebenden Eindruck, den die Versammlung hlntcrlässt. Vivant scciicntcs. Der Erühlingssturm beginnt zu brausen und wird tafle Stämme nicdcrbrcchcn und welkes l.aub zur Erde streuen. Das ii.r.gc Leben wird leben! h—s. Der ״Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums“ in der Gemeinde Berlin hatte eine Versammlung 1r;t dem Thema ..Brennende Tagesfragen“ in die Residenzsäle berufen. Das gesamte Interesse konzentrierte sich naturgemäss auf den ••Fall Cohn“. Der Referent des Abends. Herr Karfunkel, beleuchtete zunächst in sehr Heftenden Ausführungen die allgemeine, wenig angemessene Stellung der Berliner Rabbiner, und nahm dann zu dem Konflikt• zwischen der Gemeindeleitung und Herrn Dr. Colin Stellung. Er erklärte, dass Dr. Cohn als aufrechter Mann und tieuer Jude gehandelt habe, und dass ihm formell und sachlich schweres Unrecht zugefügt worden sei. Die Versammlung gab durch lauten Beifall ihre Zustimmung zu diesen Ausführungen zu erkennen. — In der -sehr lebhaften Debatte, die sich anschloss, wurde mit grosser Einmütigkeit das Verhalten des Gemeinde-Vorstandes gemissbilligt. Bcsonders scharf sich in dieser Richtung unter stürmischem Beifall Herr Dr. Lichtenstciit aus. der es für die Ehrenpflicht jcdec Einzelnen erklärte gegen .ei'ne solche unleidliche Unduldsamkeit aufzutreten. Herr Dr. Rosenkranz teilte die interessante Tatsache mit. dass die Vorfälle am Falk-Realgymnasium, die Dr. Cohl als -Vertragsbruch“ zur Last gelegt wurden, v o r seiner Anstellung als Rabbiner der Gemeinde lagen; ausserdem erfuhren wir eine ganze Reihe neuer Materialien. Herr Dr. Zwirn führte aus. dass der Verein sich eji hohes Verdienst dadureh ei werbe, dass er als erster die Sache öffentlich behandle. Gegenüber einigen Herren, die nicht wünschten, dass der -Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums“ sich mit dieser Sache befasste, wiesen Herr Dr- Leszynskv und Dr. Elias Auerbach mit Nachdruck darauf hin, dass es sich hier in eminentem Masse um Erhaltung überlieferten Judentums gegenüber uferlosen Assimilatioiisbestrebuugeu handle. Diese Redner sowie vor allem Herr Dr. Bancth behandelten auch das Verhältnis von Deutschtum und Judentum. Allgemeine Zustimmung fand der Standpunkt Dr. Auerbachs dass man in Jüdischen Fragen zuerst Jude, in deutschen zuerst Deutscher zu se!n habe. Herr Dr. Bauet(! führte in glänzender We&e aus. dass alle Gefühle des traditionstreucn Juden Herrn Dr, Gohn das zu sagen berechtigten, was er gesagt bat. — Ob- Seite 205 wohl die Versammlung erst um Uhr geschlossen'wurde, hatte kaum einer der gespannt lauschenden Zuhörer den Saal verlassen. Der Gang der Verhandlungen lässt erhofien. dass die wahrhaft konservativen Elemente des Berliner Judentums die Sache des Herrn Rabbiner Cohn als ihre eigene weiterhin durthkämpfen werden. Bialystoker Krawallprozess Man schreibt der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ am, Petersburg; Die gerichtliche Verhandlung im Bialystoker Kraw3il- Prozess musste bekanntlich unterbrochen und die A1׳- klage zwecks Vervollkommnung der Voruntersuchung der Staatsanwaltschaft z u r ii c k g e g e b e 11 werden, nachdem im Kreuzverhör der Zeugen und der Verletzten sich herausgcstellt hatte, dass gegen eine ganze Reihe von Beamten, die der Nichtverhinderung und zum Teil auch der Mitwirkung an den erbrechen schuldig sind, nur sehr wenige von den vielen festgestellten. belastenden Momenten in der Anklage erwähnt sind. Doch bezieht sich dieser Beschluss des Gerichtshofes mir auf diejenigen Beamten, die als Angeklagte bereits im Prozess fungieren. Die nachträgliche Untersuchung soll sch dagegen n.cht aui die schuldigen Beamten, wie den Stutionskommaiidanten von Bialystok. Oberst Schröter, den Chef der Stationsgen Janncrie. Riunvistcr Tra putzin. den Leutnant dciselben Gendarmerie. P o m e r i n z e w und den Unter- Offizier \V ichano erst recken. obwohl s ä m t! i c 11 e Zeugen gegen die genannten Beamten hoch st belastende eidliche Aussagen machten. Das Treiben dieser Beamten ist bekannt, es wurde schon während der Vorunters!:chung fesigcstellt. Die Protokolle der Zeugenaussagen beziiglich der Judenmetzeleiei! am .Bialystoker Bahnhoi. am I. und 2. Juli 1906. bilden einen stattlichen Band von ■R») Druckseiten, und auf jeder Seite liest man von den Taten der Herren Schröter. Michano. Traputziu und Kometanzew. Der Untersiicnaiig.srichter hatte beschlossen, sie vor Gericht zu ziehen. * Auch der Staatsanwalt war damit einverstanden. Nicht einverstanden waren aber die Vorgesetzten der genannten Beamten, die mit dem Vci halte;! ihrer Untergebenen offenbar ganz zufrieden waren. Ohne Zustimmung der unmittelbar vorgesetzten Behörde können aber Beamte in Russland nicht vor Gericht gezogen werde:׳. Der Staatsanwalt hat freilich bereits an den Senat appelliert. Inzwischen leitet aber die Behörde keine Disziplinaruntersuchung ein. obgleich der Sachverhalt jetzt vollständig aufgeklärt ist. und es dauert die Straflösigkeit fort. Unter solchen Umständen sollte eigentlich der Gerichtshof die Hauptverhandlung■ bis zur Entscheidung des Senats wegen der Beschwerde des Staatsanwalts vertagen, um dann über die blinden Werkzeuge des crbrechens zusammen mit ihren intellektuellcn Urhebern zu richten. Der Gerichtshof scheint aber um die Hau p t fi b c 11 a t e r sich nicht kümmern zu wo'len. . _ . nierpellation über den Siedlezer Pogrom Die polnische Fraktion hat in der Duma eine Interpellation wegen des Sicdleccr Pogroms eiiigebraeht. ln der umfangreichen Begründung heisst es u. a.: ..Der erste Pogrom in Point war der in Siedlce. Dem ״grossen Pogrom“ ging ein ..kleiner" voran. Am Tage der Ermordung des Polizeimeisters Holzen wurden sechs Menschen getötet. Am selben Tage ging die Obergewalt über die Stadt an den Oberst Ticlianowsky über, der srgort über die ..Schuldigen" Gericht zu halten begann Auf seinen Befehl mussten um 6 Uhr abends Tore. Türen •g.!d Läden geschlossen werden; nach 6 Uhr durften die Einwohner ihre Häuser bis zum Morgen nicht mehr verlassen. Uebcrall wurden Patrouillen zu Euss und zu Pferde aufgcstellt. Gleichzeitig erschien an! Polizeigebäude ein langer Piahl. der, wie man ei zählte, als c1./־ Alarmsignal dienen sollte. Die Häuser und Wohnungen vieler Einwohner wurden mit geheimnisvollen Zeichen versehen. Abends wollten die Soldaten die Ladenbesitzer überreden, die Laden zu öffnen, doch war die Panik so gross.־ dass alle die Läden schlossen und nach Hause eilten. Am selben Abend umstellte das Militär auf Befehl des Chefs die Stadt von allen Seiten und liess niemanden weder 1h die Stadt, noch aus der Stadt heraus. Der telegraphische Verkehr wurde für Niehtbcamte eingestellt. Auf einmal hörte man Re voW erschösse in der Nähe der Hauptwache, und augenblicklich begann das Beschiessen der Wohnhäuser, das 36 Stunden lang dauerte. Zum Schluss wurden auch Kanonenschüsse abgegeben. Die Einzelheiten dieser unerhörten Untaten kann man im offiziellen Rapport des Gendarmerie-Rittmeisters Pjetuchow lesen. Die Soldaten drangen in die Wohnungen und Läden ein und erzwangen unter Drohungen. Schlü- - gen. und Motdtaten sfeh Geld und Wertsachen.. So .iibetfiyJen die Soldaten, in Gegenwart eines Offiziers, einen Juden Wolf. JÜDISCHE RUNDSCHAU *•"•ןיןנ ~,f*T H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.