Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651520--04677-2661661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 20 Seite 204 _י־ ־־“ JÜDISCHE RUNDSCHAU kussion zugelassen werden 'darf. In der Zwischenzeit haben nämlich in einigen Logen Debatten darüber stattgehl nden, die zu Streitigkeiten und Unfrieden geführt hatten. Daher die •schärfere Fassung. Die Grosslegc verwarf in 4er Sitzung vom 22. Mai 1899 das gänzliche Verbot der Diskussion, hielt die Warnung an die Lofcön für ausreichend und sanktionierte den ersten Beschluss des Gen.-Kom. vom 27. Juni 1897. Damit hielt man ״t.kj Sache für erledigt, die Stellung des Ordens war klar ge׳/cichnet, die Logen waren auf die Gefahren aufmerksam gemacht. Trotzdem kamen häufig Streitigkeiten wegen des Zionismus in den Logen vor, und darum wurde in der O.rosslogen-Sitzung vom 4. Mai 1902 derselbe Beschluss *vic'jcrholt. Die zionistische Bewegung nahm an Umfang zu. und viele Logen-AUtgliedcr nahmen an dieser Bewegung teil. So konnte es nicht fehler., dass tui dem Zionistcn-Kongrcss in Basel 1903 zahlreiche Brüder teilnahmen. Darin lag nichts, was den Orden irgendwie berühren konnte. Allein 35 Brüder, darunter auch mehrere aus deutschen Logen, hatten eine besondere Sitzung cinbcrufcn, worin auf die Verwandtschaft des Zionismus mit dem Orden hingewiesen wurde und djb Brüder auf* gefordert wurden, den Orden mit dem Gedanken des modernen Judentums zu erfüllen. Fs wurde auch das Bedauern ausgesprochen, dass einige Logen geflissentlich Diskussionen über •die zionistische, Bewegung zu verhindern suchen. Fin solches Vorgehen erklärten alle anwesenden Brüder für unwürdig und dein Logengedanken zuwider, die Logen hätten das Recht, von der mächtigen Renaissance-Bewegung des modernen Juden* ttums Kenntnis zu erhalten. Diesen Sitzungsbericht sandten sic ckr Grosslogc ein mit dem Verlangen, denselben im Monatsbericht zu veröffentlichen. Offenbar glaubten die zionistischen Brüder die Zeit gekommen, iin Orden für den Zionismus Propaganda zu machen. Die Tendenz ist zwar in verblümter Weise ausgesprochen, aber immerhin doch deutlich erkennbar. Zudem waren d?e .Bemerkungen über die Nichtzulassung von Diskussionen für die Logen verletzend. Darob erhoben viele Logen Protest, und die Sache kam in der Sitzung des Gen.־ Kom. am 25. Oktober 1903 zur Verhandlung, in welcher Beer (München) ein ausführliches und erschöpfendes Referat cctrebcn hatte. Man griff auf den früheren zu Recht bestehenden Beschluss zurück und erklärte, dass cs damit auch ferner sein Bewenden haben müsse. Der Orden kann nach der *ganzen Art seiner Entwicklung. Tendenz und Tätigkeit nicht mit dem Zionismus Zusammengehen, darf s:ch weder direkt noch indirekt mit ihm befassen. Immerhin ist die Bewegung -eine beachtenswerte, woran sich Juden aller Welt beteiligen dass die Logen von ihr. als einer Teilerschcinung im Leben der Jndenheit, wohl KcuntinH zu nehmen befugt sind, aber cs darf nur in der Form der Berichterstattung geschehen. Ein Eingehen in die Matene des Zionismus ist nicht statthaft, und bei den! prinzipiellen Gegensätze ist Zwist und Unfrieden nicht zu vermelden. Das ist der unwiderlegliche Sinn aller Beratungen, die darüber in den verschiedenen Sitzungen gepflogen sind. So rasch die zionistische Bewegung sich in allen Ländern aushrcitete. so tief sie die Gemüter erregte, sic konnte doch in Deutschland nicht zur rechten Geltung gelangen; die intellügcntcii und finanziell mächtigen Kreise hielten sich im ganzen und grossen fern. Trotz der verschiedenen Richtungen im Zionismus ist doch das wesentliche Motiv, dem grausigen Judenelend in Osteuropa zu steuern. Das war auch der Boden, auf dem man mit ihm in gewissen Grenzen zusammen zu : arbeiten die Möglichkeit hatte. Als infolge der traurigen Judenpiassakrcs in Russland die Notwendigkeit sich ergab, alle jüdischen Kräfte zur Linderung der Not in Russland zusammen- .zufassen, hatte der Orden in Gemeinschaft mit dem Hilfsvercin Konferenzen in Berlin und Frankfurt berufen und die Zionisten zugezogen. Hingegen durfte die Grossloge die Konferenz, . welche die Zionisten nach Brüssel beriefen. In Anbetracht ihrer •wiederholt betonten grundsätzlichen Anschauungen nicht beschicken. Die deutschen Logen stehen auf nationalem• StandptiukH und düiic’ft denselben unter keinen Umstünden Vcflassen, sie thirfen sich nicht an Bestrebungen beteiligen, die auch nur im entferntesten politische!) Charakter traget!. Uebcr die Türen der deutschen Bnc-Brithlogen und der übrigen ״intelligenten und finanziell mächtigen Kreise“ in .der deutschen Judctihcit möchte ich Prof. Martin Philippsohn’s Worte setzen: ,.Die Devise ״Furcbdos und treu“ haben die deutschen Juden noch immer den wackeren Schwaben überlassen." Nicht ihr eigenes Gewissen gibt ihtten die Richtschnur für ihr Tun u:1J Lassen, sondern der Eindruck, den ihre Handlungen möglicherweise auf die Herren Antisemiten zu machen imstande sind. Nicht darauf kommt cs an. oh der Zionismus eine edle und nützliche Bewegung ist, sondern ob die ,Gefahr" besteht, dass diese Bewegung missdeutenden Antisemiten Angrlffswatien in die Hände gibt und dadurch den deutschen Juddn gcfährlicii werden kann. Den deutschen Juden, dem! Was htviiictil Nachbarn •Böses geschieht, das scheft tnich nicht. Wie das zitternde Bäuerlein beim Gewitter: Lieber Gott, lass doch deii Blitz in Steffens Haus e'inscblagcn. Als der erste Kongress bl München statlflitüen sollte, da wurde, wie es in dem schonen Deutsch heisst, das die ganze ,.Geschichte des Ordens“ auszeichnet. ..von Seiten der .Loge Expräsident Dr. Mcrzbacher nach Wien gesandt uni auf Dr. Herzl persönlich einzuwirkeii. Die Sendung hatte den Ern *lg. dass München für die Abhaltung des Kongresses ausser Frage blieb." Die Sendung hatte den Erfolg! Wer lacht da? •Jclt kann mir so recht vorstellen, wie ein Seufzer der Erleichterung sich der schmalen Brust der zitternden Zwerglein entrang, als der königliche Mann, indes ein leises Lächeln seine Lippen umspielte, sie auf ihr inständiges Bitten aus der furchtbare!'! Beklemmung befreite und das drohende Gewitter auf das Haupt des Nachbarn zu lenken versprach. Wie kläglich ist es anzusehen, w^e der Orden, der nach seinen Gesetzen ״gleichgesinnte Israeliten *im Dienste der höchsten Interessen und Ideale der Menschheit vereinigt“, ängstlich bestrebt ist, eine Aussprache über eine .,die deutsche Judcnheit tief bewegende Frage" zu verhindern, derselbe Orden, der Erörterungen über alle möglichen Dinge in der Welt Z'ilässt, über Hygiene, über Liliencron. über Kindererziehung, über Kaufmannsgcrichtc. Die Grosslogc erklärt, der Zionis* mus gehe die Logen nichts an, weil er in das Gebiet der Politik und Religion falle. Wenn dem so ist, dann hat sich also die Grossloge nicht um den Zionismus zu kümmern. Sic erklärt aber im gleichen Atemzuge, dass die Bewegung den Grund- Sätzen der Loge widerspreche. Wenn aber der Zionis• rtms den Grundsätzen der Loge widerspricht, so ist es UueG klärlich. wie die Loge dulden kann, dass viele Logcnmitgliedcr au dieser Bewegung tcilnclimcn." Die ungehorsamen Tat- Sachen gehen eben ah den schönen Beschlüssen der Grosshre achtlos vorüber. Einer der ersten Ziouisteugcgner in Deutschland stellte vor etwa zwei Jahren in einer westdeutschen Bne- Brithloge den Zionismus zur Diskussion» und mehrere Logen- Sitzungen wurden mit der Erörterung dieser Frage ausgefüllt. Vor 1'צ׳ Jahren hat man in Amerika, dem Geburtslandc und dem Sitz der Gesamtleitung des Ordens, das auf jüdisch• nationaler Basis beruhende Ordcnsgrundgesetz abgeändert, weil man befürchtete; auf Grund dieser Bestimmung könne in Amerika derselbe Antisemitismus ausbrechen, der in Deutsch* land bestehe. Die neue Welt hat etwas von der alten gelernt, die Furcht. Aber die Furcht ist eine schlechte Beraterin, und alle Maulkorbdekrete nützen nichts: der Zionismus ist aut dem Wege und nichts wird ihn aufhalten. Wie wohl ists mir zumute, wie hoch erhaben dünke ich mich über ״die intelligenten und finanziell mächtigen Kreise“, wenn ich hiuabsehc auf die bang sich zusammendrängende, ängstliche Schar. Kinder, verlernt nicht das herzhafte, befreiende, göttliche Lachen! Naphtali.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.