Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651520--04679-2661663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 20 JÜDISCHE RU Nbsch AÜ Seite 206 den sie während des Gebets mit seinen vier Kindern überraschten: sie schleppten ihn in den Zimmern umher und schlugen mit den Flintenkolben auf ihn los. Einen anderen Juden. Romanoviz, der sich aus dem brennenden Hause rctieu wollte, verstümmelten die Soldaten, schleppten ihn ins Hospital und töteten ihn dort In ähnlicher Weise ermordete man 32 Mensehen, darunter ein vierjähriges Kind, einen 72jährigen Greis und 7 Frauen. Verwundet wurden über 100 Menschen. Die Soldaten haben etwa 30 000 Kugeln abgefeuert. Um den Pogrom irgendwie zu rechtfertigen, stellten seine Urheber die Behauptung auf. die Stadt Siedlec soll von Revolutionären überfüllt gewesen. Ule einen bewaffneten Aufstand vorbcrci'teten, die Revolutionäre hätten die Hauptwachc beschossen usw׳. Aber im Laufe von 36 Stunden haben die 2 Regimenter Soldaten bei der allgemeinen Durchsuchung weder ein Waficnlager. noch einen einzigen bewafinctcn Burger geiunden. das ist Beweis genug, dass tatsächlich keine Revolutionäre zugegen waren. Die Revolverschüsse in der Nähe der Hauptwache sind, wie die gerichtliche Untersuchung ergeben hat. von der Hauptwache aus abgeuert worden und nicht von der Strasse her. Das geschah alles am 26. August v. J. Am 27. August lud Oberst Tichanowskv einige Vertreter der Stadt zu sich und verkündigte ihnen, dass er die ganze Stadt vernichten würde, falls man ihm ״die Waficn der Revolutionäre“ nicht sofort ausliefcre. Kein Fichen halt. Die Bitte. Frauen und Kinder aus der der Vernichtung geweihten Sladt entfernen zu dürfen, blieb unerhört. Später verhaftete man die geladenen Stadt- Vertreter. Herr Tichanowskv bezeichnete sogar das Haus, von w'0 her angeblich die Revolutionäre das Militär beschossen hätten. Im betreffenden Hause fand sich aber nur ein altes Ehepaar. Nichtsdestoweniger setzte das Militär das Schlesien fort. Nach dem Pogrom, als die lokalen Behörden die Hauptschuldigen völlig unbestraft und frei Hessen, richteten die Vertreter der Stadt eine Beschwerde an den Minister des Innern, der antwortete, dass die ..Schuldigen“ bestraft werden würden. Statt einer Strafe erhielten aber die schuldigen Offiziere und Mannschaften eine öffentliche Danksagung seitens des Warschauer General-Gouverneurs. Niemand von den Schuldigen w׳urde vor Gericht gezogen. So wet't die Begründung der Interpellation Die Interpellation, der viele Dokumente und Aktenstücke beigelegt sind. ist an die Minister des Innern, der Justiz und des Kriegswesens gerichtet. Die Pogrom-Saison Beim Herannahen des Osterfestes wird die jüdische Bexölkerunz des Ansiedelungsrayons alljährlich in eine gewisse Unruhe und Furcht vor Pogromen versetzt Die Erfahrungen der Vergangenheit beweisen, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet sind. Die ersten jüdischen Pogrome der neuesten Zeit die von Kischinew und Schitornir wurden an den Ostertagen ausgeführt an Tagen des Festes der Liebe und des Fricdens. Im laufenden Jahre ist angesichts der Rolle, die der Verband der ״echt-russischen“ Leute spielt, die Gefahr solcher Exzesse keineswegs geringer. Aus verschiedenen Städten des Südens und Westens kommen beunruhigende Nachrichten über das aggressive und provozierende Treiben der Verbandsmitglicder, die ganze Städte und Ortschaften terrorisieren. Die bedrohte und geängstigte Bevölkerung wendet sich nach alter Gewohnheit an die Fehörden: ihre Deputierten unterhandein darüber mit Stolypin. Der Ministerpräsident bemüht sich, die Bittsteller zu beruhigen, indem er versichert, dass alle Massnahmen zur Verhinderung von Exzessen getroffen seien. Und doch wird die allgemeine Unruhe nicht geringer. Herr Stolvpin richtete neulich ein Zirkular an die Gouverneure, in dem kategorisch erklärt wird, dass im Falle von Ruhestörungen de Verantwortung dafür die provinziellen Bchörden und die Gouverneure persönlich tragen müssten. Aber ähnliche Zirkulare erliess man auch früher: auch damals machte man die Gouverneure auf ihre Verantwortlichkeit aufmerksam. Es ist Jedoch kein einziger Fall bekannt, dass schuldige Beamte tatsächlich zur Verantwortung gezogen worden. Im Gegenteil, sie blieben in ihren Acmtern und Würden und wurden oft sogar noch befördert. Es sind aber auch Fälle bekannt, dass Beamte und sogar Qooverneure. die pflichttreu ihres Amtes walteten und Pcgrome zu verhindern suchten, die Unzufriedenheit ihrer Vorgesetzten erregten und gemassrcgelt worden. Ein Beispiel zeigt, wie gering die reale Bedeutung der Verlügung des Mi* nlsters ist. Nach den Pogromen von Kischinew und Hornel kam Im April 1905, die Stadt Schitornir an die Reihe. Am dritten Ostertag wurde hier eine gut vorbereitete Judenmetzelei planmässig ausgeführt. Es war ein Vorspiel zu jenen Greueltaten der Gegenrevolution, die nachher In den Oktobertagen 200 Städte und zahllose Dörfer mit Blut Überschwemmten. Der Schitomlrer Pogrom ging ganz ״ordnungsmässig“ vor sich. Man tötete und raubte am hellen Tage in Gegenwart von Polizei und Militär. Gleichzeitig huschten plötzlich aufgetauchte Hooli-! gans hin und her und verbreiteten die albernsten Märchen über angebliche Greueltatcn von Juden gegen Christen und Christliehe Heiligtümer. Endlich gelang es. dem Pogrom ein Ende zu‘ machen. Kaum war die Ruhe, wenigstens nach aussen hin. hcrgcstcllt. als schon eine offizielle Mitteilung des Ministcriums cintraf. wonach die böswilligen Märchen als festgestellte Tatsachen offiziell bestätigt wurden. Die Regierung teilte mit. die Juden hätten selbst den Pogrom provoziert, sie hätten auf das Bild des Kaisers geschossen, hätten die Christen angegriffen und misshandelt, das Kloster und die Mönche bedroht und beschimpft usw־. Zur Bekräftigung dieser Angaben w־urdcn eine Reihe von Personen genannt, die von den Juden angeblich misshandelt sein sollten. Später hat sich erwiesen, dass die Begründung der ministeriellen Mitteilung erdichtet w׳ar: die darin genannten Personen leugneten, irgend etwas zu wissen, und die offizielle Lüge zeigte sücl» in schönster Qcstalt. Damals aber rief die durch ..Tatsachen begründete" offizielle Mitteilung in dem bisher ruhigen und friedlichen Schitomir eine begreifliche Empörung gegen die Juden hervor. Um neuen schrecklichen Exzessen vorzubeugen, wandte sich der Schitomircr Gouverneur. Herr Katolev. telegraphisch an seinen unmittelbaren Vorgesetzten, den Kicwer General-Gouverneur Klcigels mit der Bitte um Richtigstellung der offiziellen Mittcilung. Er wies auf die drohende Gefahr hin und bat um Ein• Setzung einer Senatorenkommission zur Untersuchung der ganzen Angelegenheit. Die Bitte des Gouverneurs wurde abschlägig bcschicdcn. Zur Untersuchung wurde nur ein Polizeibeamter kommandiert. Bald nachher wurde der Gouverneur Knfolev nach Petersburg befohlen und seines Postens enthoben. Er hatte seine Pflicht. Pogromen vorzubeugen, zu ernst aufgefasst. Solche Gouverneure sind zu unbequem. Dagegen be• giinstigt und befördert man die Pogrommachcr. Darum verfehlt auch das neueste Zirkular Stolypins sein Ziel: man kann sich nicht beruhigen, weil man weiss. dass solche Kundgebungen stets den Pogromen vorangchcn und in der Regel erfolglos bleiben. Auch versendet der Verband der ״Echt-russischen*' ein Gcgen-Zirkuhr. worin erklärt w ird, dass die Verfügung des bestochenen ..jüdischen‘‘ Ministeriums, den gerechten Zorn des Volkes nicht aufhalten dürfe. Ein zionistisches und natfonaljüdisches Organ In Wien. Anlässlich der Wahl in der Leopoldstadt geben unsere Wiener Gesinnungsgenossen die erste Nummer ihres neuen Organs JÜDISCHE ZEITUNG heraus und verbreiten sie als Wahlnummer in 12 000 Exemplaren. Das Blatt wird offi׳- zielles Organ der zionistischen und der östcrreich isch-nationaljiidischcn Partei sein. Es soll anfänglich alle 14 Tage, später wöchentl'ch erscheinen. Die Leitung liegt in den Händen des Pressausschusses des innerösteri ethischen Distriktskomitecs. Gesinnungsgenosse Dr. Isidor Margulics (Chefredakteur). Adolf Böhm und D r. Paul W c i s e n g r fi n. Die erste Nummer, die uns bei Schluss der Redaktion vorliegt ist vortrefflich. °r. Lippe’s Jubiläum. Am Sonntag, dem 5. Mai. feiert der Jassy-er Arz*. Dr Karpel Lippe, sein 50jähriges Doktorjubiläum. — Der *eit über die Grenzen Rumän ens bekannte Gelehrte ist einer ״er ältesten Vorkämpfer der zionistischen Bewegung und es dürfte wohl allen bekannt sein, dass er mit Rülf und Pinsker das sogenannte zionistische Trio der vorherzlischen Zeit gebildet hat. — Dr. Lippe, dessen Biographie wir in dieser Zeitschrift bereits gebracht haben (1904. No. 45) hat S'ch um das Judentum ganz hervorragende Verdienste erworben, die heute von jedem Nationaljuden in Dankbarkeit anerkannt werden müssen. Noch zurzeit, da das Assimilantentum hier in Blüte stand, hat Dr. Lippe trotz vielen Anfeindungen mit einer unermüdlichen Arbeit eingesetzt und sich langsam eine Schaar nationatjüdischer Elemente erzogen, die sich mit der Zeit zu Führern der zionistischen Bewegung im Lande ausgebildet haben. Durch seine grossartige Bewanderung in der jüdischen VVissenschaft und Veröffentlichung ausgezeichneter Werke hat sich Lippe weit und breit berühmt gemacht. Ganz originell und für ihn charakteristisch ist die Methode, mit der er den Antisemitismus bekämpft. Er begnügt sich nicht, das ange• _ von vornherein den Feind angreift und den Kampf auf das feindliche Gebiet verlegt.“ Einen ausserordentlichen Genuss bietet das Lesen seiner im höchsten Grade interessanten Werke: 1. .Die Gesetzes• Sammlung des Judenspiegels,“ eine Polemik gegen den Renegaten Aron Briman (Dr. Justus) (1885), 2. .Das Evangefium Matthäi vor dem Forum der Bibel und des Talmud“ (18-9). 3. .Rabbinisch-wissenschaftliche Vorträge“, 4. Die 10 Gebote im Sinne des Judentumes und der Kirche (1891), 5. «Meine 1 25jährige zionistische Agitation“, (1902) etc —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.