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Jüdische Rundschau · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 202 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 20 genheit gegeben. Das was Herr Lilienthal eine Verteidigungsschrift nennt, ist eine historische Abhandlung über den Auserwählungsgedanken im Judentum, die meine jüdische Gesinnung begründen sollte, weiter nichts. Zu dem, was soll die Redensart bedeuten: man habe mir Gelegenheit gegeben usw.? Die Gelegenheit, die man mir gab, bestand darrn, dass die Herren sich nicht wehren konnten, dass der Postbote eines Tages ihnen eine Drucksache von mir brachte. Die von mir beabsichtigte Verteidigungsschrift wurde mir im Gegenteil durch den Vorstand unmöglich gemach t, indem man mir die Niederschrift des Direktors vorenthielt. Was der Vorstand nicht ableugnet: Er habe sich nicht dazu ״ermächtigt“ gefühlt. Die Ermächtigung! war leicht zu bekommen, Herr Lilienthal! Der Herr Direktor hat mir selbst zu verstehen gegeben, dass ׳es sehr in seinem Sinne wäre, wenn mir alle Mittel zu meiner Verteidigung geboten würden. Sie aber und die Herren vom Vorstand wollten mir die Möglichkeit benehmen, mich zu verteidigen. Das war’s. Was soll ich noch dazu sagen, dass der Vorstand den Vorwurf der Verschleppung zurückweist? Und dass ■er von der milden Form der Erledigung spricht? Drei Monate seien wenig für solchen Fall. Meine Herren, drei Monate sind viel für einen Mann, dem die Ehre abgcschnittcn ist und der für die Wiedsrherstellung seiner Ehre kämpfen muss. ״Wir mussten die Sache wohl erwägen.“ Ja, meine Herren, so wohl erwogen haben Sie die Sache, dass Sie in drei Monaten nicht einmal Zeit gefunden haben, mit dem Direktar Rücksprache zu nehmen. Und nicht blcss ihr Vorstand hat diese Zeit nicht gefunden. Auch ihre zur genauesten Untersuchung eingesetzte gemischte Deputation — auf die Sie sich so viel zu Gute tun. Sie In Ihrem Gerechtigkeftssinn — sie war so unglaublich mit dem Arbei'en zu meinem Heile überbürdet, dass sie ebenfalls nicht Zelt gefunden hat, den Direktor um Aufklärung zu bitten. Ja, noch mehr: Diese Ihre Kommission war so eifrig, so ^sorgfältig, so gewissenhaft, dass ihr schliesslich nicht *einmal Zeit blieb, mich selbst offiziell zu vernehmen. Und schliesslich: so wen'g übers Knie gebrochen haben Sie die Sache, dass Sie mich erst beinahe drei Wochen nach dem endgült'gen letzten Gemcindebeschluss von meinem Schicksal in Kenntnis gesetzt haben. Und wie milde haben Sie versucht, die Angelegenheit zur Erledigung zu bringen. Ich sollte kündigen, rieten Sie mir. Ich, der ich ein Recht hatte, klar wie das Licht des Tages, eine Wahrheit, die mir nicht einmal ein so gewiegter Advo kat wie Herr Syndikus Lilienthal einer ist, erschüttern konnte, Ich sollte kündigen? Sollte mich selbst entmannen in meiner reinen und gerechten Sache? Wo ist die Milde? Aber man höre, was mir sonst vorgeschlagen wurde: Ein Repräsentant, ein Gehclmrat, riet mir, ich sollte mir von meinem Arzte ein Attest geben lassen, dass ich schwer nervös sei und einer Kaltwasserkur dringend bedürfe. Ich sollte dann in eine Anstalt gehen und nach einem halben Jahre wiederkommen. Dann würde man meine •Aeusserungen dem Direktor gegenüber auf auf eine vorübergehende geistige Störung schieben. Und dieses mich so tief erniedrigenden Rates tut sich der betreffende Herr Dritten gegenüber noch etwas zu Oute. Genug über die Milde der Herren Vorsteher und Vertreter. Aber die Art und Weise des Herrn Syndikus Lilienthal noch zu beleuchten, kann ich mir nicht versagen. Was für ein Verfahren ist es, mir erst die Niederschrift des Direktors zu verweigern, dreimal zu verweigern, und nachher, da ich sie aus dem Kopfe niederschreiben muss, laut zu verkünden, ich hätte dieses oder jenes ״w 0 h 1 w e i s l i cc h“ verschwiegen? Und was für •ein Verfahren ist es, aus meiner Erklärung, die spezielle Verbreitung deutschnationaler Gesinnung sei höchstens Sache des Geschichtsfehrcrs, gewaltsam den Schluss zu ziehen, ich hätte gesagt: Jüdische Lehrer dürfen nur ׳ jüdischen Religionsunterricht erteilen? Ich weise derartige Unterstellungen zurück! Und dann all die Verdrehungen, die man mit meinen unbefangenen Aeusserungcn vorgenommen hat! Der Verstand läuft mir davon, wenn man mir erzählt, ein Mann, der aus Furcht einmal die Sachlage vertuscht, sei ein Lügner oder Heuchler, und angesichts solcher Rabulistereien wagt mir Herr LilienthaJ noch ״eitel Spiegelfechterei“ vorzuwerfen? r Doch genug davon. Es widerstrebt mir. all die Ent- Steilungen zu buchen, die sich Herr Syndikus Lilienthal erlaubt hat, oder gar ein Wort zu verlieren über die uerhörte Verdächtigung zwischen den Zeilen, ich hätte die ganze Angelegenheit in die Redaktion der STAATSBÜRGERZEITUNG gebracht, während doch die STAATSBÜRGERZEiTUNG ganz deutlich erklärt, wie sie zur Kenntnis über den Fall gelangte. Nur eines Mannes muss ich noch Erwähnung tun. Ich tue es widerwillig. Er ist ein Greis von über 80 Jahren. Aber er hat mich Lügen gestraft: Julius Jacoby, erster Vor- Steher der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er hat durch Herrn Syndikus Lilienthal öffentlich erklären lassen: Dass er bei der Verhandlung am 31. Januar die ihm von Herrn Dr. Cohn in den Mund gelegten Worte nicht gebraucht habe: Sie sind bei uns In Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten. Übrigens das einzige, was an den objektiven Dingen aus meiner Darstellung bestritten wurde. Ich gebe hiermit im Hinblick auf die Makellosigkeit meiner Vergangenheit, im vollen Bewusstsein der Verantwortlichkeit, die ich auf mich lade, auf Ehre und Gewissen die feierliche Erklärung ab, die ich jederzeit bereit bin, eidlich zu erhärten: Herr Julius Jacoby hat den Ausdruck gebraucht so, wie Ich Ihn zitiert habe. Ich habe ihn sofort nach meiner Heimkehr in mein Tagebuch eingetragen, zu einer Zeit *also, wo ich an ein Hinaustreten an die Oeffentiichkeit und selbst an eine Durchführung der Suspension noch nicht im entferntesten dachte, habe ihn auch sofort meinen Freunden erzählt. Jetzt leugnet ihn Herr Jacoby. Aber ich habe Ausdrücke schon von ihm anhören müssen, die brutaler waren, als dieser. Am 1. März 1906 suchte ich auf dem Bureau der Gemeinde bei Herrn Jacoby vergeblich die Übertragung der Dirigentcnstelle einer Reügionsschuie an mich durchzusetzen. Da sagte mir Herr Jacoby — es war noch vor meinem Amtsantritt —: ״Was Auftreten anbelangt, haben Sie die Qualifikation zu einem Berliner Rabbiner in vollstem Masse! Doch nur immer zu! Glauben Sie mir. Ich versteh’s, 011t Rabbinern umzugehen! Ich habe la Übung darin!1‘ Doch ich bin nicht der einzige, dem Herr Jacoby so gegenübertrat. Man frage das ganze Beamtenpersonal der Jüdischen Gemeinde

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