Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 194 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 19 Siid-Wesl-Eiscnbalm sieben Gendarmen und zehn Soldaten. .Iber weder der Stationsvorsteher noch die Gendarmen ergriffen irgendwelche energische Massnahmen, um die Verbrecnen zu verhindern. Nur an den Türen der ersten Wagenklassen wurden einige Soldaten aufgcstellt. Da cs ihnen aber an Instruktionen fehlte, verteidigten sic die angegriffenen , Juden nicht. Allerdings erfreuten sich am I. Juli einige Juden des Beistandes der Bahnhofsvcrwaltung, aber nur solche, die dem Stationsvorsteher bekannt waren und die sich in den Warenspeicher geflüchtet hatten. Die Gendarmen erklärten, sie hätten einige Juden * in Schutz genommen, als Beispiel nannten sie Herrn Abramowski. Dieser aber stellt das entschieden in Abrede. Erst auf Veranlassung des Stationschefs von Grodno wurden die Juden mit einem Zuge vom Bahnhof entfernt und in Sicherheit gebracht. Die Untätigkeit der Gendarmen bei den Greueln ist kla. erwiesen. Eine direkte Beteiligung an dem Pogrom durch Beibringung von Säbelhieben, Plünderung und Rufe, wie: ״Schlagt die Juden tot!“ konnte den Gendarmen nicht zweifellos bewiesen werden, obgleich die meisten Verletzten dies behaupten. Am 2. Juli begannen die Exzesse schon am Morgen, und cs war bald ersichtlich, dass sic an diesem Tage noch nu% verstärkter Gewalt einsetzen würden. Nichtsdestoweniger verlangte der Bahnhofsvorsteher kein Militär; erst späterhin ersuchte er um -- 20 Soldaten. Der Vorsteher entschuldigte sich damit, dass die telephonische Verbindung mit dem Garnisonchef unterbrochen war und dass er keinen Boten auftreiben konnte. Diese Gründe sind nicht stichhaltig; denn von 7 Uhr abends am 1. Juli bis zum Morgen des 2. Juli war cs aut dem Bahnhot ganz ruhig. Der Verkehr mit der Militär- Verwaltung war durchaus nicht unterbrochen. Rittmeister Traputzin wies die Bitte des Wohinter Gendarmericchefs um Hilfe an den Vorsitzenden des örtlichen Komitees des verstärkten Schutzes, den Ingenieur Kassunerowitsch, der bekanntlich erst in 24 Stunden Hilfe bringen konnte. Diese Handlungsweise des Rittmeisters ist geradezu ungesetzlich. Er musste sofort, ohne erst den Gouverneur zu befragen. Militär von der benachbarter» Garnison requirieren. Erst am 2. Juli um 11 Uhr 40 M.. nachdem zahlreiche balle von Judenmisshandlungen!vorgekommen waren, erinnerte sich der Rittmeister der gesetzlichen Vorschriften. Am 2. Juli wurden von den Gendarmen nur beschützt der Inhaber des Nühmaschmen-Magazins Göttlich und der Ritter des militärisehen Verdienst-Ordens Kuchcrt. die Bekannte des Gendarmeriechcts waren. In allen übrigen Fällen schritten die Gendarmen nicht ein. Einige Gendarmen machten zwar Anstalten, als die Plünderungen überhand nahmen und Juden getötet wurden. Sie licssen aber jede Energie dabei vermissen. Sie erschienen nur dann, wenn die Opfer schon getötet oder schwer verwundet waren und nach der Klinik transportiert werden sollten. Meist wurde aber von ihnen jede Hilfe geradezu verweigert. Sie Hessen sogar die Juden nicht in den Wartesaal zweiter Klasse, der ihnen eine Zuflucht geboten hatte. Sie erklärten im Wider- Spruch zu den Gesetzen, sie hätten nicht die Pflicht, die miss¬ ״Was ist da zutun? Das ist alles dank dem Vater Bcncdiktus geschehen.*‘ ,,Wieso?“ ״Er protegiert ihn. Hat doch Chtnclniecki die Jesuitenschulc besucht, und Pater Bcncdiktus will in seinem Schüler eine Menge von Verstand. Charakter etc. entdeckt haben.‘־ ״Verstand in dieser Bauernfratze? Das ist köstlich, auf Ehre.“ ״Jawohl, eben in dieser ßaucrnfratze, ha, ha, ha! Und, wie euch bekannt ist, tanzt mein Vater nach Pater Bcncdiktus* Pfeife, und mm liebkost er auch diesen Tölpel, obwohl er ihn hasst und verabscheut.“ ..Und warum jagt er ihn nicht fort?" ״Ich habe es dir ja schon gesagt, es Ist der Protege des Geistliclicn meines Vaters, des Pater Bcncdiktus.“ ״Ist es nur das?“ bemerkte ein anderer Freund des jungen Potocki. ״Mir will es scheinen, als ob die Gewalt Patuta Odas deinen Vater beeinflusst.“ ״Nun, its es denn nicht ein und dasselbe? Unsere Weiber wirken auf die Patres und die Patres wirken auf ans durch die Weiber. Das sind von jeher die treuesten Verbündeten gewesen.“ handelten Juden in Schutz zu nehmen. Der Platz vor dem Bahnhöfe gehöre zu dem Bereich der allgemeinen Polizei. Sic Hessen die Juden miller, Altmann und Trivling nicht auf die sichere Plattform, sondern zwangen sic in den Kreis der Plünderer zurück, ln den rettenden Zug nach G.rodno Hessen sie Juden nur mit Fahrkarten. Der Stationsvorsteher benahm sich nicht anders. Als er sah, wie die Aufrührer Juden misshandelten und auf den Bahnhofsplatz hinschleppten, zog er sich in den Wartesaal erster Klasse zurück und traf keinerlei Massnahmen, um die Greueltaten zu verhindern. Seine Behauptung, er habe die Dragoner zum Einschreiten uufgefordert und diese hatten nicht gehorcht, widerspricht allen Zeugenaussagen. Er hat die Dragoner nicht aufgefordert, die rohe Menge zu zerstreuen. Diese, unter der Führung des Leutnants Pomcranzcw II, griffen daher auch nicht ein. Auch die Mörder verfolgten sie nicht. Weder am 1. noch am 2. Juli wurden die Pliittderer verhaftet, obgleich am Nachmittage des 2. Juli und am 3. Juli Dragoner und Soldaten vom Wladimirschen Regiment eintrafen und die Plünderer sich vor ihren Augen in der Trunkenheit auf dem Boden wälzten. Die Anstifter des Pogroms waren im .Gesicht, an den Händen und Kleidern mit Blut besudelt, also!eicht erkenntlich. Niemand aber dachte daran, sie festzunehmen. Sogar die Leichen der getöteten Juden wurden vor dem Hohn und Spott der Menge durch die Soldaten nicht geschützt. Das rohe Volk schlug auch auf die Leiclutahnie noch wild ein. Es wurde kein Protokoll über die furchtbaren Taten autgenommen, die Leichen wurden nicht rekognosziert, so dass allmählich alle Spuren der Verbrechen verwischt werden konnten. Das Gerücht, das sich in der Stadt verbreitet hatte, dass der Gouverneur erlaubt habe, die Juden zu töten, wurde von keiner Seite zerstreut. Auch als Militär anlangte, blieb der Bahnhof unbewacht. Man liess die Plünderer weiter wüten, das Militär schaute ruhig zu; Offiziere und Mannschaften waren darin einig. Selbst auf dringende Aufforderungen und Bitten hin, rührten sie sich nicht. Alle Offiziere, die mit ihren Soldaten den Bahnhof besetzt hatten, haben sich dieses Verhrechens schuldig gemacht. Das Kriminalgericht hat infolgedessen bestimmt; Ueber die Handlungsweise des Wohimer Sektionschefs der Gendarmerie der Polizeiverwaltung der Eisenbahn. Rittmeister Tarputzin. des Unteroffiziers derselben Abteilung Peter Michanow, des Leutnants des 11. Charkower Dragonerregiments Pomeranzow II und des Kommandanten der Station Bialistoek, Oberstleutnant Schröter, dem Prokurator des Grodnoer Schwurgerichts zur weiteren gerichtlichen Verfolgung Mitteilung zu machen. Soweit die Akten der Voruntersuchung. In Wirklichkeit ist jede Verfolgung unterblieben und es haben aRe obengenannten Angeklagten Beförderungen und Belohnungen erhalten. Polownew, welcher der Ermordung Herzensteins verdächtig ist. aber von den russischen Behörden nicht gefunden wurde, richtete einen Stadtpostbrief an den Justiz- ״Sieh, sieh doch, Kasimir, welch wütende Blicke Panna Oda der Panna Wattda zuwirft. als wolle sie sie verschlingen. Wenn die alte Bärin morgen so wütend st in wird, wie Panna Oda, dann w erde ich nichts fcltafien, ha, ha, 11a!“ ״Ich bewundere meinen Vater,“ sagte Kasimir achselzuckend. ״Was findet er denn Verlockendes an dieser alten Kokette? Ich an seiner Stelle würde mir schon etwas jüngeres ausgesucht haben.“ ,.Na, Pater Bcncdiktus würde schön aufmucken, wenn matt seine Verbündete beleidigte. Ei, ei, wenn' man den Wolf nennt, kommt er geraunt. Da tritt er gerade auf deinen Vater zu." (Fortsetzung folgt.)