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Jüdische Rundschau · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No• 19 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 193 Religion anzunuhmen; warum aber, so fragen sic. sollen wir j nicht unsere Kinder vor den Vorurteilen bewahren, unter denen wir selbst so viel gelitten haben? 1 Ich sehe ab von einer besonders heiteren Form, wo Eltern i ihre Söhne taufen Hessen — aber nicht ihre Töchter. Den I Huben die Kirche, den Mädchen die Synagoge, den Söhnen : die Karriere, den Töchtern die Ehe. Auf dieser Paarung \ christlicher und indischer Religion lastet zu sehr der Fluch ן der Lächerlichkeit, als dass man sieh ernstlich damit 7.u be-! schuftigen braucht. Ich behalte die äusserlich ernstere und würdigere Form int Auge, wo Eltern, denen aus Gründen der! eigenen Uebcrzcugung der Ucbcrtritt unmöglich ist, ihre ן Kinder ohne Unterschied des Geschlechts dem christlichen; (Hauben Zufuhren. Aber auch hier suchen sich die Eltern J über ihre eigene Charakterschwäche hinwcgzutäuschcn. Stehen ן die Eitern noch auf dem Boden der jüdischen Religion, so : wäre es ein grosser Ucberzeugungsbruch, die Kinder um I irgendwelcher Vorteile willen einer anderen Religion zuzu- : führen: stehen C’c Eltern aber auf freireligiösem Boden, aut' dem! Boden keiner Konfession, so mögen sie ihre Kinder in ihrem freien Geiste erziehen: unverantwortlich aber ist cs vor den Gesetzen der Wahrheit und der Vernunft, die eigenen Kinder einem Glauben zuzuführen, der nicht der Glaube der Eltern ist. Und dann die Erziehung des Charakters der Kinder! Wer . es mit angesehen hat. für den wären Erörterung wahrlich 11 ni nötig. Die Kinder merken in frühester Jugend, dass damit etwas j nicht stimmt; sie sind Christen, die Eltern Juden; sie wachsen i nicht auf einem festen Boden, auf dem allein sich Charaktere j entwickeln können: eine Halbheit, eine Unsicherheit hattet sich j ihnen an und lässt sie nicht los Zeit ihres Lebens. Da kommt der Augenblick, wo sie sich schämen, dass die Eltern Juden j sind; da kommt das Erröten über die eigene Familie. Seelische Konflikte schlimmster Art sind unausbleiblich. Die Leidensj geschichte eines zartfühlenden jüdischen Kindes ist gross; I die Leidensgeschichte dieser Kinder wird grösser sein. Zuviel \ Tradition ist ein Unglück, aber ein Unglück, das eher zu tragen 1 und zu überwinden ist. als der Mange! jeglicher Tradition.•• DemonsiraLon Seit einiger Zeit niaoht sich in der jüdischen Studenten- Schaft Österreichs eine Bewegung bemerkbar, die dahin zielt, die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichii sehen Hochschulen, herbeizuführen. Zu diesem Zwecke haben! an den Hochschulen in Czernowitz, Lemberg. Krakau. Brünn, j Prag und Wien Versammlungen stattgefunden, in welchen be-! schlossen wurde, an das Unterrichtsministerium und an die Rektorate ein Memorandum zu richten mit der Forderung, dass die jüdischen nicht mehr anderen Nationalitäten zugezählt werden. sondern als Judischnationale in den Statistiken und Aus-! weisen figurieren sollen. In der letzten Versammlung jüdische! Studenten in Wien wurde die Parole ausgegeben, eines Vormittags vor der Universität eine Demonstration zu veranstalten. Tatsächlich versammelten sich vor dem Universitätsgebäude etwa SOD jüdische Studenten, um von hier aus eine Deputation mit dem Memorandum zum Untcrrichtsminister zu entsenden. Da Minister Dr. Marchet erkrankt ist, konnte die Deputation nicht empfangen werden, weshab sich auf Aufforderung eines Studenten die Demonstranten ruhig zerstreuten. Zu Ausschreitungen ist es in keiner Weise gekommen. Die Bewegung in den Bezirken Putilla und Scletin ist im Zunehmen begriffen: sie richtet sich bedrohlich gegen die Juden, die Geistlichen und die Lehrer. Der Agitationsherd ist der Ort J a b Ion i t z a. Jüngst wurde eine geheime nächtliche Bauernversammlung im Dorfe Ploska abgehaltcn, aui der beschlossen wurde, sechs Gemeinden bei Putilla zu plündern, die Grundbücher zu vernichten und hauptsächlich gegen die Juden und Geistlichen loszugehen. Die Beschlüsse wurden vorzeitig verraten und die drei Rädelsführer verhaftet. Die Gendarmerie ist stark vermehrt worden. Es besteht noch immer die *kfahr ernster Pogrome auch in der Bukowina. Vor allem macht sich die Bewegung, die sich nach dem Vorbild der rumänischen Unruhen zu richten sciieint. in den Putülacr und Seletincr Bezirken bemerkbar. Die Bauern, genannt Huzulen, sind alle mit Revolvern bewaffnet. Für den Ostersonnabend soll ein überfall auf die jüdische Bevölkerung geplant sein. Die Landesregierung ordnete in grösster Angst strengste Massrcgeln an. Militär geht in die gefährdeten Bezirke. Aus den Akten über den Pogrom in Bialistok Wir sind in der Lage nachstehende Angaben aus der! Akten über den Pourom in Bialistock zu veröffentliche::: Der stellvertretende Untersuchungsrichter des Schwurgerichts itir wichtige Angelegenheiten der Stadt Grodno, dem die Untersuchung in den! Prozess über den Judenpogrom aui dem B.alistockcr Bahnhoi am 1. und 2. Juli 1906 übertragen worden is.\ hat iestgcstellt. dass nach den Ansager, Augenzeugen die Schuld uct:^ furcütbarcn Juddcnmassakre auf dem B.'.üstocker Bcahnliot folgenden Personen zuzuschrciien ist: 1. dem Stationschef Tschapow, 2. dem Wohl in er Sektionschef der Petersburg-Warschauer Eiscnbahn-Gendarnierie-Verwaltung. dem Rittmeister Traputzin. 3. der Stationsgendarmcrie und zwar vor allem dem ältesten Unteroffizier Miehano, 4. dem Kommandanten der Station, Oberstleutnant Schröter und schliesslich dein Militär, das am Bahnhof Wache hielt. Eine eingehende Untersuchung über die Schuld der Beamten der Zivil- und Militärgewalt wegen ihrer Untätigkeit bei den Gewalttaten ist nicht eingeleitet worden, weil die gegenwärtige Untersuchung nur die Tatsache eines Pogroms und dje Umstände, unter denen er stattfand, feststellen soll. Eine Feststellung der Verbrechen der Beamten, gegen die zahlreiches Material gesammelt ist. ist noch nicht beabsichtigt. Die Untersuchung hat festgestellt, dass die Exzesse am 1. Juli 1906 auf dem Bialistocker Bahnhof von 3 Uhr 55 'Min. bis 4 Uhr 41־ Min. andauerten und auihörten, als die Züge abgingen. In dieser Zeit befanden sich auf dem Bahnhofe vier Ortsgendarmeu und wahrend des Aufenthaltes des Zuges der schien im Vergleich zu den vornehmen polnischen! Jünglingen wie ein ungeschliffener armer Teufel. Auch j jetzt sticht sein ärmlicher Anzug von den Prachtgej wandern der bei seinem- Pan gastierenden jungen Pans sehr krass ab; denn er hat nur eine einfache blaue Kontuschc an mit ebensolchen Schnüren, gewöhnliche Juchtstiefeln mit langen Stahlspornen. — Zwei jugendliche Stutzer treten zu dom jungen Pan Kasimir Potocki. ״Worüber so nachdenkend?“ fragt der eine, indem er ihn freundschaftlich auf die Schulter klopft. ״Ich? Ich dachte an die morgige Jagd im neuen Walde.“ ״Auf die zahmen Katzen etwa, die Pan Wirgiuski hineingelassen?“ höhnte der andere, auf einen betrunkenen dicken Pan deutend, der auf das Geländer des Balkons sich lehnte. ״Spotte nicht. Jan. Wir werden sehen, wie du mit der schwarzen Bärin fertig wirst.“ ״Grosse Sachet Kasimir, du bist heute in der rechten Sainnnung nicht. Was fehlt dir?“ ״Ich werde wohl zu viel getrunken haben, denn ich habe Kopfweh.“ j ״Unsinn, du bist nicht bei Laune, weil du zu wenig | getrunken hast. He, Mundschenk, drei Mass her.“ i ״Kasimir, offenbare dich deinen Freunden — wie stehen die Sachen mit Patina Wanda?" fragte lächelnd dar erste junge Mann. ״Ueber solche Dinge spricht man selbst mit Freunder wie du nicht.“ ״Weisst du. mich an deiner Stelle würde der vertraute Umgang der Panna Wanda mit ... mit jenem . . Russen verletzt haben." ״Fehlte mir gerade. Ich beachte es nicht. Ha, ha ha. auch ein Nebenbuhler! Ha, ha, ha!“ ״Lache nicht. Freundchen, mischte sich ein anderer Freund Kasimirs in die Unterhaltung. Da kennst du die Weiber schlecht. Es ist ein kaprieiöses Völkchen und spielt dir bisweilen Streiche, dass einem Hören und Sehen vergehen.“ ״ ״Höre, Kasimir, ich begreife deinen Vater nicht, aui Ehre; wie kann er in unsere Gesellschaft einen Kosakensohn . . . . einen Landstreicher, einen Kleinbürger, geradezu einen Lakaien führen! Das ist doch beinahe eine Beleidigung für uns alle, auf Ehre!"

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