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Jüdische Rundschau · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 192 No. 19 ir 7־־־ ׳ r 1 7 * ז 1 ו 1 JÜDISCHE RU =— Rundschau — Duisburg. Am Z Mai <K J. nahm eine von der Zionistischen Vereinigung einberuiene öffentliche Ver Sammlung nach-einem Vortrag des Herrn Dr. Harry Epstein folgende Resolution an: . ,,Die Versammlung missbilligt scharf das Verhalten der Berliner jüdischen Gemeindevertreter in der Angelegenheit des Herrn Rabbiners D. Emil Cohn. Sic spricht •Herrn Rabbiner Dr. Cohn ihre Hochachtung aus für sein :.tapferes, edles Auftreten, das allein eines stolzen Juden und eines Lehrers und Führers in Israel würdig ist." •.: 3. Tagung der humanitären ‘Organisationen. In Wien hielten die Vertreter der philanthropischen jiidisehen Organisationen aus verschiedenen Ländern eine Tagung ab.;Vom hiliSverein der Deutschen Juden in Berlin war Dr. Faul Nathan anwesend. Ausser den Be- Schlüssen über die Art und Wese, w:e den geschädigten jüdischen Gemeinden R u mä n icn s schleunigst Hilfe gebracht werden könnte, wurde bestimmt, dass eine Auswanderung von Juden aus Rumänien durch pekuniäre Unterstützung nicht gefördert werden könne, da die vorhandenen Eonds vollauf in Ansprach genomnen würden, um auch nur die dringendsten Bedürfnisse der Ausgeraubten, die im Lande bleiben, zu bcfriedigen. Von der Taufe der Juden Unter obigem Titel bringt der BADISCHE LANDESBOTE, das Zcntralorgan der badischen Demokratie, in seiner Nummer vom 26. v. M. den folgenden Aufsatz: ״Die Uebertrittc von Juden zum Christentum mehren sich von Tag zu Tag; bald treten Erwachsene über, bald lassen Eltern, die selbst noch im Judentum bleiben, ihre Kinder taufen. .Das ist nun nicht., wie man auf der, ersten Augen blick annehmen möchte, eine interne Angelegenheit der jiidisehen Gemeinschaft, sondern es spielen hier E'ragcn herein, die das ganze deutsche Volk betreffen. Von diesem Gesicht«- punkt aus treten wir cinnu! dieser Erscheinung näher . . . Diese Dinge-müssen einmal besprochen werden im Interesse der deutschen Volksgemeinschaft. Wir haben in Deutschland einen starken Antisemitismus, stärker wie in den meisten anderen Kulturländern. Die Gleichbercchtigung der Juden, in der Verfassung verbrieft, existiert In Wirklichkeit nicht; von der Verwaltung sind die Juden in allen• deutschen Bundesstaaten so gut wie ausgeschlossen; die Richtcrkarriöre vcrschlicsscn ihnen einzelne deutsche Staaten, andere erschweren sic. Die ordentliche Professur ist an vielen Hochschulen von der Taufe abhängig; itn Offizierkorps sind Juden nicht geduldet. Noch schlimmer der gesellschäftliche Antisemitismus. Judenreine Vereine, judenreine Studentenverbindungen, judenreine Freimaurerlogen ״zur Pflege der Toleranz‘*. Wir treten in keine Kritik dieser Zustände ein; sie sind, sic werden in Jahrzehnten nicht verschwunden sein. NDSCHAU Um den Schwierigkeiten, die der Antisemitismus ihnen bereitet, \ ,zu entgehen, lassen sich nun viele Juden, die zu ihrer Rcligion keine Beziehungen mehr haben, taufer,. Sie eröffnen sich damit eine bessere Karriere; der unduldsame Staat wird plötzlieh dem getauften Juden gegenüber merkwürdig tolerant. Erzählt man sich doch aus unserem badischen Mustcrlandc das gute Stücklein von dem jüdischen Juristen, den! sie die Verwaltungslaufbahn zunächst verschlossen, aber nach der Taufe eröffneten. Als er dankerfüllt zum Minister kam. soll der ihn mit den heiteren Worten empfangen haben: ״Sehen Sie. es geht schon besser!“ Die Argumentation dieser neuen Christen ist eine sehr einfache: Juden sind w ir nicht; wrr glauben ׳nfcht'an*■ unsere Lehre; die Gebote unserer Religion existieren iiir uns nicht; sie sind uns nahezu völlig unbekannt. Warum sollen wir nicht, um dem Antisemitismus auszuweichen, unsere Religion, der wir tatsächlich längst nicht mehr angehörten, auch formell aufgeben?■' Bis dahin ist die Argumentation ganz gut. wenn schon vornehmere Naturen gerade wegen des Antisemitismus im Judentum bleiben. Fahnenflucht In Zelten der Gefahr ist Immer verächtlich. Aber ־,:e Sache hat eine andere, schlimmere Seite.־ Diese Juden treten nicht nur aus dem Judentum aus. um sich, der Wahrheit gemäss, freireligiös zu erklären. Das bringt keinen Nutzen; sondern sic treten zum Christentum über, an das sie so wenig glauben, wie an ihr altes Judentum. Die seltenen Fülle, wo Juden aus innerer religiöser Uebcrzeugung Christen werden, scheiden selbstverständlich aus unscrer Betrachtung aus .... Der Normnüaü aber ist der, dass ein Jude, der so wenig an das Christentum wie an das Judentum glaubt, sich taufen lässt. Und hier liegt das Tieftraurige der Sache. Nicht sein Austritt aus dem Judentum ist das moralisch Verwerfliche; sein Ueberlritt zum Christenturn, die grosse Liigc, die er in feierlicher Form ausspricht, um sich materielle oder gesellschaftliche Vorteile zu erkaufen, macht den getaufte:! Juden so verubschcuungswürdlg. Der Staat aber, dieser Wächter der Sitte und Moral, belohnt diese Charakterlosigkeit; er setzt eine Prämie aui sie aus; er heisst den Streber, den die Lüge nicht schrv^kte. wiiikommen, den charakterfesten Juden aber stösst er von sich. Wir verlangen .volle Gleichberechtigung für die Angehörigen aller Konfessionen; die Frage aber wäre zu prüfen, ob nicht im Interesse der moralischen Reinheit der Beamtenschaft dem getauften Juden, der ohne Ueberzcugung den ״Glauben“ wechselte, staatliche Stellen zu vcrschliessert wären. Die Geistlichen aber, die — und das ist die Regel — in genauer Kenntnis der wahren Gesinnung des ״von der Wahrheit der christlichen Lehre überzeugten‘‘ Juden einen heiligen Akt ihrer Religion in dieser schmählichen Weise missbrauchen lassen, scheinen uns auch merkwürdige Vertreter ihres Staudes zu sein. Nun gibt es. wie wir oben angedeutet haben, noch einen andern heute recht gebräuchlichen Weg. Eltern, die selbst Juden bleiben, lassen ihre Kinder taufen. Die Eltern fühlen, dass es schmählich ist, ohne innere Ueberzeugnng eine andere an, neidische oder schadenfrohe, wütende und drohende. Blicken auch wir dahin. Mit ihrem von Brillanten überhäuften zierlichen Perlmutterfächer spielend und von eit zu Zeit hell fiutlachend, unterhält sich da Panna Wanda Wiscluicwiccka mit dein jugendlichen Stallmeister‘ des Pan Potocki, Zcnobius . Bogdan Chmielnicki. Panna Wanda ist eine harmonisch gebaute, prächtige achzehnjährigc Blondine. Ihr Gesiebt zeichnet sich allerdings nicht durch besondere RegelmSssigkeit aus, allein dafür atmet sie sprudelnden Witz» wohltuende' Frische und feuriges Leben. Alle Züge bewegen sich und leben auf diesem edlen, blühenden Gesichtcheo. Ihre hellblauen Äuglein schauen kokett, munter, keck־, ja fast frech darein. Ihre hastigen Bewcgungen und Wendungen sind voH'jenei angenehmen Grazie, die nur Französinnen und Vollblut-Polinnen eigen. : Das Gesicht des jungen Menschen an!hier Seite, der in diesem Moment ehrerbietig gebeugt und kalblaut seiner Nachbarin etwas znüüstert, gehört zu jener Kategorie Gesichter, die im ersten Augenblick nicht ai ffallen.. Es ist nach dem ersten Bück ein DutzenägestcH: allein’ein erfäliTener Physiognomikcr wütue an einem solchen Gesichte: nicht vorübergehen, ohne hierbei seine Föcschun-־ ,i•»• ־ . , ״,» , י t . *. * * ־י ־ ״ “* * 1י •*ני י* * - ־ ־ •i m , . gen anzustellcn — soviel Verstand und Mut leuchtete bisweilen auf diesen alltäglichen braunen Augen, soviel Energie und eiserner Wille waren ausgedrückt in einigen Zügen um den Mund und an der Stirn. Wir sagten: bisweilen, weil diese Augen sehr oft ihren Ausdruck wechselten, und gleich einem tiefen Fluss, der sich plötzlieh mit einer Eiskruste bedeckt, mit einem dichten, kälten, fast undurchdringlichen Nebel sich umgeben. Eier Mann, dem dieses Gesicht und diese Augen eigneten, verstand es. sich vollauf zu beherrschen, wenn auch nicht immer. Denn in schwachen Momenten erschien plötzlich ein Zug von Härte auf seinem Gesicht, loderte in seinem Augen e.ne furchtbare Glut auf, die dem ganzen Gesichte einen widerlichen Ausdruck verlieh. Aber das dauerte nur eine Sekunde und verschwand ebenso blitzschnell. Dann aber nahm das Gesicht ein einfältig gutmütiges,i unterwürfiges Aussehen an, gerade wie in diesem Augenblick. Die stolze Panna Wanda, eine efer bcgehrtesten Damen Polens, war bemüht, den iuttgen Stallmeister vor all den jugendlichen Leuten, die viel schöner, und geistreicher waren als er. merklich attszuzeichnen. Und Chmielnicki, der dieser schmeichelhaften Bevorzugung weder nachjagte noch ihr auswich, er- 1

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