Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 19 Seite 191 DnickfehlerbcrlchtlßuttK. In dem Artikel von Herrn Dr. . G. Weil In der vorigen Nummer Ist ein Druckfehler zu berichtigen. Statt ,״Wcltverleumdung" ist ״Weltverbrüderung‘* zu lesen. Wir bitten unsere Leser, uns die Druckerei als force majeure entschuldigend in Rechnung setzen, zu wollen. Oie österreichischen Reichsratswahlen Am 14. Mai d. J. finden bekanntlich die österreichischen Reichsratswahlen statt, und zwar zum erstenmal auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts. Die Wahlen sind auch für die Juden von gewisser Bedeutung. Ist es doch das erstemal, dass es eine ganze Anzahl Wahlkreise mit jüdischer Majorität gibt und jüdischnationale Kandidaten aufgestellt sind. Gewiss gab es schon früher derartige Wahlbezirke, z. B. Kolomea-Stry- Snyatin, wo seit zirka 20 Jahren kein Nichtjude gewählt worden ist; aber diesmal gibt cs mindestens 11 bis 12 solcher Wahlbezirke. Man sollte nun annchmcn, dass in allen diesen Bezirken jüdisch-nationale Vertreter gewählt würden. Doch, die hochlöblichen Kultusgemeinden haben cs anders beschlossen. Ueberall wurden den jüdisch-nationalen Kandidaten Juden gegeniibergestcilt, die sich äl$ Polen, Deutsche etc. bezeichnen. Die Sache liegt also derart, nach Ansicht mancher Gemeinde- Vorsteher: Wenn jüdische Wähler einen Juden in den Reichstag entsenden, so darf er deutsch-national, polnisch-national etc. auftreten. nur nicht jüdisch-national. Dimcile est satiram non scribcre. \ In Wien sind 2 jüdische Wahlbezirke. Im 1. Bezirk (Kaivierte!) kandidiert der deutsch-jüdische Hofrat Emil Kuranda, den von unserer Seite kein Gegenkandidat bekämpft. Im 5. Wahlkreis (Leopoldstadt I), wo die jüdische Wählerzahl etwa 65 Prozent beträgt, kandidieren ausser dem Gcsinnungsgenossen Dr. Schallt ■der Sozialdemokrat Emmerling, der Antisemit Zcsewitz, der ״Deutschiortschrittliche" Dr. Kohn (Vizepräses der Wiener Kultusgemeinde) und der Sozialpolitiker Dr. Ofner (jüdischer Assimitant). Hier stehen sich also 3 jüdische Kandidaten gegenüber. Die von der Kultusgemeindc in Wien subventionierten Zeitschriften (Dr. Bloch’s OESTERRE1CHISCHE WOCHENSCHRIFT und WAHRHEIT) treten natürlich für Dr. Kohn ein. Merkwürdigerweise ist fromme Patres und Piaffen, Geistliche und Prediger, Beichtväter und Magister. ־— Wir haben kein besonderes Interesse, uns mit allen bekannt zu machen, und stellen unseren Lesern nur diejenigen vor, die dazu bestimmt sind, in den folgenden Szenen eine mehr oder minder bedeutende Rolle zu spielen, und auch das nur in flüchtigen Zügen und nach dem Masse der Notwendigkeit. — Jener dort, der mit den Ellenbogen auf das Gelünder des Balkons sich stützt, und seinen zerstreuten Blick über den Park und den Paradcpiatz schweifen lässt, dann und wann einen finsteren Blick ir die rechte Ecke des Balkons sendet, ist der Gastgeber, der angesehene Magnat Stephan P o t o c k i. Er ist noch lange nicht zu den Alten zu rechnen, obwoh. in seinem nach polnischer Weise verschnittenen und nach rückwärts gescheitelten Haupthaar hier und da ein Silbergrauer Faden hervorsieht. Stattlich und kräftig mit wohlausgebildetcr Brust und proportionierten Muskeln hätte er sogar für einen schönet! Mann gelten können, wenn sein welkes, finsteres Gesicht nicht deutliche Zeichen eines unmässigen, übersättigten Lebens getragen hätte. Die purpurroten Wangen und die bläuliche Farbe seiner Nase verunzierten dieses ehemlas sympathische I / I auch die Haltung der Wiener NEUEN NATIONALZEITUNO eine sehr zweideutige. Sic unterstützt zwar nicht offiziell unsere Gegner, fertigt aber die nationale Kandidatur mit ein paar Zeilen ab. Ueber die etwa 30 Versammlungen, in denen Dr. Schalit sprach, weiss sie nichts zu *berichten. In der Bukowina dürfte ausser Dr. Strauche!■ in Czernowitz auch noch ein zweites Mandat uns zufallen, nämlich Herrn Univers.-Dozenten Dr. Wender, ebenfalls in Czernowitz. Sein Gegner ist der deutsch-jüdische Advokat Dr. Billig, dessen Aussichten jedoch gering sind. *' In Galizien wird diesmal der Kampf ein überaus heisser sein. Es ist unwahr, dass wir gegen die Polen auftreten 0d6r für die Ruthenen uns einsetzen. In den jüdischen Wahlbezirken, Lemberg;III, Stamslau. Kolomea. TarnoDol, Buczacz, Krakau etc. sind freilich keine Polen von Jüdischer Seite kandidiert worden, dagegen werden die demokratischen polnischen Kandidaten in nichtjüdischen Wahlbezirken von uns unterstützt. Wo sich Polen und Ruthenen gegenüberstehen, wurden jQdisch-nationaie Zählkandidaten aufgestellt. Die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS, die da meint, die Juden täten besser, nicht gegen die Polen und nicht für die Ruthenen einzutreten, kann also ganz ruhig schlafen. Zu einer Unterdrückung irgend eines Volks- Stammes werden sich Jüdischnationale natürlich nicht verstehen. Erfreulich ist es auch, dass in einem galizischen Wahlbezirk unser Gg. Herr Universitätsprofessor Dr. Mahler, Prag, kandidiert. Dies beweist, wie das Lemberger TAG- BLATT treffend bemerkt, dass die Jüdisch-nationale Parteileitung in Oesterreich keinen Unterschied zwischen böhmisehen oder polnischen Juden kennt Der Jüdischnationale in Böhmen fühlt sich ebensowenig als Tscheche oder Deutscher wie der galizische Zionist sich als Pole oder Ruthene fühlt. Im Uebrigen erregt das Auftreten der Jüdischnationalen in Oesterreich bei den Nichtjuden durchaus keinen Unwillen, wie die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS gerne glauben machen möchte, im Gegenteile, es findet sogar Anerkennung und Zustimmung. Im Interesse der Ausbreitung des jüdisch-nationalen (nicht nationalistischen) Gedankens wünschen wir den Bestrebungen der österreichischen Oenossen den besten Erfolg. Bis jetzt hatte Oesterreich nur einen wirklich jüdischen Volksvertrete! Dr. S t r a u c h e r. Vivant sequentes! B. Grünhut. männliche Gesicht. Eine schmale, flache Stirn, zum Ueberfluss noch von niederfalienden kastanienbraunen Strähnen bedeckt, verleiht eine eigenartige Rauhheit den finsteren grünen, in Momenten zügelloser Wut fürchterlieh glänzenden Augen. Jene üppige, abgelebte, mit besonderer Pracht gekleidete Schöne, die in der Nähe des Hausherrn in einem Sessel sich nachlässig hinstreckt, ist die allmächtige Favorite des verwitweten Gastgebers, Panna Oda Valeska. Ihr sonst beständig lächelndes Gesicht ist ernst. Ihre grossen, schwarzen Augen folgen den Blicken des Hausherrn und senden dann und wann ebenfalls Blitze nach derselben Ecke des Balkons. Und der junge Mensch dort mit den ausgesuchten Manieren, in der perlenfarbenen, von goldenen Schnüren zusammengehaltenen Kontusche und den Saffianstiefel-. chen mit den goldenen Sporen ist der iutige Kasimir Potocki, der einzige Sohn und Liebling des Vaters und der zukünftige Erbe der ungeheuren Reichtiimer derer von Potocki. Auch er wendet keinen Blick von Jener Ecke des Balkons, Diese verhängnisvolle Ecke des Balkons lockt im allgemeinen die Blicke vieler Gäste *