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Jüdische Rundschau · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 190 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 19 ף darauf, als religiöser Jude und als Geistlicher gegen die Zu־ mutung zu protestieren, seine Religion aufzugeben oder sich darüber zu freuen, wenn andere sie aufgeben, sondern er war aufrichtig genug, sich auch als Zionist zu bekennen, der als solcher treu an seinem Stammestum hüngc ... .“ Der Direktor war entsetzt über diese Anschauungen: ״Ich habe einen jiidisehen Oberlehrer, ich kann ihm ja danach nicht mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muss ihn doch für einen Heuchler halten?‘* ״Keines* wegs,“ antwortete ich. führt Cohn fort, ״ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles, ich will und kann Schiller und Goethe nicht in mir ausstreichen. Trotzdem pflege ich mein Jüdisches Stammestum, das mit einem guten deutschen Staatsbürgertum sich wohl verträgt.'* Diese Auseinandersetzung machte dem Direktor merk* würdigerweise schlaflose Nächte, und er interpellierte seinen Jüdischen Oberlehrer darüber, ob er auch solche Anschauungen habe. Der Herr wies das mit Entrüstung von sich, beriet mit drei anderen jüdischen Kollegen den Fall, und diese Aktion endete mit einer Beschwerde an den Gemeinde Vorstand und mit der Suspension des ״Beschuldigten‘‘ in den schroffsten Formen. Herr Dr. Cohn beschwert sich über mancherlei, z. B. darüber, dass man ihn verurteilt habe, nur auf Grund einer kurzen Niederschrift dis Direktors, deren Aushändigung man ihm verweigert habe, und ohne diesen Herrn um eine Erläuterung zu seiner Notiz zu bitten; ferner darüber, dass man ihn monatelang hingezogen habe, ohne ihm über sein Scl1ick«a! Nachrichten zu geben; aber das sind Dinge, die nur die Ge-;:\i1iue als solche angehen: mag sie ihre Beamten zur Rechenschalt ziehen 1 Was aber die Öffentlichkeit angcht. das ist der krasse Gewissenszwang, der hier von unverständigen Menschen ausgeübt worden ist. Es handelt sich hier zweifellos um Anschauungen rein privater Natur, die niemanden, weder den Staat, noch den Gcmeindevorstand, das mindeste zu kümmern haben, und die jeder Jude, wenn er sic hat ruhig äussern kann, ohne sich irgend eines Amtes unwürdig zu machen. Wenn Herr Rabbiner Dr. Cohn sich seiner Abstammung von dem alten und berühmten Volke Israels mit Stolz bewusst ist. ist das etwas anderes, als wenn die französischen Refügits sich ihrer französischen Abkunft rühmen? Oder kann König Carol von Rumänien kein guter Patriot sein, weil er sich noch immer als Abkömmling des deutschen Hauses der Hohenzollern fühlt? Oder ist der Zar ein schlechter Russe, wenn er etwa gern an seilte Abstammung von einem deutschen Fürstenhause denkt? Ist es in den Augen eines Deutschen ein Verbrechen, wenn die Amerikaner deutscher Abkunft an ihrer Sprache und Sitte festhaten? Oder werden sie dadurch schlechtere amerikanische Staatsbürger? Es scheint nicht der Fall zu sein, denn mehrfache Verlautbarungen von sehr hoher deutscher Stelle, die den Deutsch-Amerikanern empfahlen, der neuen Heimat treue Bürger zu sein und doch an ihrem Peutschtuin festzuhalten, haben drüben, auch bei den Anglo-Amerikanern, nur Beifall gelunden. Warum in aller Welt soll denn nicht auch ein Jude seiner Abstammung froh seht dürfen, wenn sein persönlicher Geschmack in dieser Richtung weist? Das wird wohl das Geheimnis des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Berlin bleiben. In dem Sinne, wie es die Antisemiten von uns Juden verlangen, können wir selbst dann nicht Deutsche werden, wenn wir es wollten. Denn bei ihnen heisst ״deutsch sein“: arischer Abstammung sein! Und das können wir nun einmal nicht mit Sicherheit behaupten, ohne uns lächerlich zu mache•,. Kein Mensch kann von uns anderes verlangen, als das, was Cohn bekannt hat: heisse Liebe zu unserem Vaterlande uiiu freudiges Bekenntnis zu scincj Sprache und Kultur. Ob jemand noch ausserdem auf irgend eine Abstammung stolz ist, und sich irgend einem fremden Volke oder einem Teile eines solchen näher verbunden fühlt, als anderen fremden Völkern, ist seine Privatangelegenheit und geht niemanden das geringste an. Wenn sich Lord Byron so sehr für die Hellenen interessierte, dass er sogar für sic kämpfte und starb, oder wenn sich die besten Deutschen früher leidenschaftlich fiir die Polen und später für die Buren cinsetztcn. so wird man cs auch einen! deutschen Juden nicht übel nehmen dürfen, wenn er sich für die unglücklichen Juden Russlands mehr interessiert, als z. B. für die eben so sehr leidenden Armenier. Nun mag ja ein ״philosemitischcr“ Arier vielleicht nicht angenehm davon berührt werden, wem! ein Jude mit Stolz seiner Abstammung gedenkt; denn alles Eigenwü'chsjve stört ja jenes kasernenmässige Gieichinass, welches das hohe Ideal gewisser Leute ist: wie aber der Vorstand einer jüdischen Gemeinde, deren Existenz ganz oder doch fast ganz darauf beruht, dass noch nicht alle Juden ihr Stammesbcwusstsein verloren haben, darüber in Entrüstung geraten kann, das wäre mir ein psychologisches Rätsel, wenn ich nicht wüsste, dass solche ״liberalen“ Herren in der Regel — Angstmeier sind. Sie haben in schlotternder Angst, um einen Skandal zu ver* meiden, einen Unbequemen geopfert, ohne überhaupt sich darüber klar zu werden, dass der ״unter Anklage gestellte Wortlaut“ nicht nur an sich völlig harmlos, sondern sogar der adäquate Ausdruck einer Überzeugung ist. die ein Rabbiner besitzen muss, wenn er seines ״Amtes nicht unwürdig sein will“. Aber freilich, wenn man einem Gymnasialdirektor schlaflose Nächte gemacht und vier jüdische Oberlehrer aufgeregt hat, so wird man nicht etwa angehalten, den Herren Unterricht In der deutschen Sprache zu erteilen, die sie augenscheinlich nicht verstehen, sondern hinausgeworien! So geschehen am Anfang des 20. Jahrhunderts von einem liberalen׳" Vorstand einer jüdischen Gemeinde in •Berlin. D r. Franz Oppenheimer. Aus: WELT AM MONTAG. ' * . Spinnen und Fliegen Roman von B a g r 0 f f. Aus d. Russ. übersetzt. Drittes Kapitel. Ein kühner Reiter. (Fortsetzung.) Doch genug davon! Wollen wir, mein: Leser, unseren beleidigten Blick abwenden von jenem unsauberen, empörenden Bilde des Raubes und der Gewah. das sanktioniert war durch irgend ein wildes Gesetz. Kehren wir lieber auf den Vorderhof, den ״Paradcplatz“, zurück, wo uns Nieder Frische, Aroma und Harmonie umgeben .... Und gelegentlich wollen auch wir liinsehen und hinhorchen nach dem, was auf dem Balkon vorgeht. Die glänzende Gesellschaft teilte sich in malerische Gruppen und vereinzelte Paare. Überall Flüstern. Unterhaltung, Lachen. Die Gruppen wetteifern in Wortspielen und Witzen. Die Paare promenieren auf und ab, trennen sich Und treffen dann wieder zusammen. Die Damen werfen unter hellem Lachen und glühenden Blicken Konfekt nach ihren Rittern; und diejenigen, denen es gelang den Gegenstand im Fluge zu erhaschen, führten ihn zum Munde zu einem zärtlichen Kusse. Di; Mundschenke servieren in goldenen Humpen und Krügen Jiostbarcn Ungar; Lakaien bewegen sich behutsam unter den Gästen. Sie tragen grosse, silberne, mit den ausgesuchtesten Früchten und kühlen Getränke« beladene Tabletts. Kosakinnen, mit brennenden Lunten in der Hand, verteilen rechts und links lange, mit wolhricchendem Tabak gefüllte Pfeifen mit kostbaren Tschibuks. Die Herren tragen samtene oder seidene Pekcschen mit silbernen oder goldenen Gürteln und Quasten; die Damen Silber- und golddurchwirkte, blendcndwcisse Atlasroben, Rücke und Taillen miC Goldfransen, an deren Enden grosse Orleans-Perlcn haften. Die mit Rubinen, Diamanten und Brillanten bedeckten Busen werfen nach allen Richtungen ganze Strahlengarbon — kurz, es ist ein glänzendes, buntes, blendendes Bild. — Aber auch die Sonne ist nicht ohne Flecken. Zwischen diesen glänzenden Kostüms schimmern hier und da auch schlichte Gewänder, dunkle oder schwarze. Das sind Gäste, die der SzlacUta*) angchören, und von den Almosen der Panstvvo**) leben, oder *) Kleiner Adel, jm Gegensätze zu **) Panstwo hol!er Adel. . ־ . r?'“׳.״■?״ליד •■י5י.ד.דיד7:דלי ■ ״־״-«ifiESs,L* י5מ.?ד י

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