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Jüdische Rundschau · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 18 Seite 186 letzangen erlitten haben. Als Beispiel führe ich einige dieser Aussagen frier an. Kaufmann Abr amson, dem ein Bein gebrochen wurde, erzählt: ״Ein mir unbekannter Gendarmerieoflizicr fragte den Kommandanten, .weshalb er nichts zur Einstellung des Pogroms unternehmen wolle. Der Kommandant gab ihm zur Antwort: ״Das geht Sie gar nichts an!“ Im selben Moment fielen acht Raufbolde über die Juden her.*‘ Zeuge E pste i n erzählt, ein Offizier, der einen Juden aus dem Wartesaal J. Klasse in den Eisenbahnwaggon geleitet hatte, wurde, als er zurückkehrte, deswegen von dem Stations- Vorsteher Tschanow zur Rede gestellt der ihn barsch fragte: ״Wer ist hier der Herr, Sie oder ich?*‘ Die Raufbolde waren nur etwa 6 oder 7 Mann stark und bloss mit Knüppeln bewaffnet: es wäre den Gendarmen. Soldaten und Eisenbahnangestcllten ein Leichtes gewesen, dem Pogrom Einhalt zu tun, sie haben es aber gar nicht einmal versucht. Zeuge Duksin bekam von einem Gendarmen, namens Moskwin. einen Säbelhieb über den Kopf. Moskwin sitzt, natürlich nicht auf der Anklagebank. Zeuge Oberst Mortynowski sagt aus: ״Nach der Ankunft des Zuges blieben die Reisenden in den Waggons. Die Tür des Bahnhofs wurde von zwei Soldaten bewacht. Die Menge forderte Einlass auf den Bahnsteig. Zwei Männer, offenbar Rädelsführer, erklärten, es sei für drei Tage erlaubt, die Juden zu misshandeln. .״Wer hat es Euch erlaubt?*' fragte iä. ״Es ist ein Manifest darüber erschienen.*' war die Antwort. Als“ich sagte, dass die Kosaken herankommen. kehrte die Menge zur Bahnhofseinfahrt zurück. Die Juden wurden von niemand verteidigt und es wurde nichts zu i 11 re m Schutz untern o m in e n.‘* Zeuge Soroka: ״Ich überreichte dem Gendarmen meinen Pass zum Beweis, dass ich ein Ercmdcr bin. Der Gendarm antwortete: ״Wenn du hier bist, ist das ganz gleich . . . . .** Als ich mich von den Raufbolden freimachte, die mir 8(K) Rubel geraubt hatten, wollte ich mich in den Wartesaal erster Klasse retten, an der Türe stand aber der Sta t i »11s k om ma n d an t und rief: ״Sc 11 lagt auf die Juden los!*‘ Zeuge Bibi! 10: ״Bewusstlos gewordene Juden wurden zusammen zu einem Haufen gelegt, au dem die ganze Zeit ein Dragonerlcutnaut stand. Jedem Juden, der wieder zu Bewusstscin kam. wurde von einem der Raubolde der Kopf mit einem schweren Stein zerschmettert. Nachdem alles beendet war, sagte der Dragonerlcutnant zu den Raufbolden: ״Macht Jetzt, dass ihr fortkommt, sonst weide ich euch verhaften lassen.*' Und sie gingen sofort auseinander.** Zeuge Lunski wurde, nachdem er von Raufbolden verwundet war. vom Stationsvorsteher aus dem Bahnhof vertrieben. Es gelang ihm. in das Ambulatorium aufgenommen zu werden. Bald aber kamen Gendarmen, Soldaten und Raufholde, führten die Juden auf den Hof hinaus, wo Leichenwagen standen und warfen sie wie Holzstückc durcheinander auf die Wagen. Unter Lunski lagein sterbender Jude, der ihn anflehte, seine Brust frei zu machen, damit er atmen konnte. Es gelang Lunski. vom Wagen zu springen. Die Soldaten fassten ihn aber und warfen ihn in den Wagen zurück. Zeuge R u b i n s t c i n erzählt, dass Soldaten sich am Pogrom aktiv beteiligten und dass sic im Gasthof ״Odessa*' sogar Öfen und Eussböden zerstörten. Zeuge Ta sch mann, ein siebzigjähriger Greis, kam mit dem Zuge aus Wilna an und wurde sofort misshandelt. Er versuchte, sich vor seinen Peinigern in die Küche zu retten, sah aber, wie dort ein Jude aus dem Eeuster hinuusgcwnrfeu wurde, und lief in den Wartesaal I Klasse zurück, vom Augeklagten Kopylow. einem wohlhabenden Hausbesitzer, verfolgt, Kommandant Schr.ütter und Stationschef Tschanow versperrten ihm den Weg, und er liel biutiiberströmt vor ihren Eiissen zu Boden. Gendarmen schleppten ihn nach der Wacbtstube, wo Kopylow ihm seine Brieftasche mit *115 Rubeln raubte. Als Taschnnnn wieder zu Bewusstsein kam. trat ein Gendarmerie- Offizier an ihn heran und fugte: ״Das ist die Vergeltung dafür, dass Sie Ihre Kinder so schlecht erziehen.’* . Doch genug der grausamen Einzelheiten. Aber die Regierung übernimmt jetzt noch die Mitschuld an jenen Ereignissen. indem sic es für möglich und nötig hält, die wahren Schuldigen an diesen barbarischen Greueln unter ihre Fittiche zu nehmen und sie dem Gerichte vorzuentlialteii. Rumänische Juden In Rumänien kehrt mmmehr die Ruhe wieder ein. Überall versuchen es die Präfekten bessere Arbeitsbedingungen für die Bauern von den Gutsbesitzern und Pächtern zu erreichen. Es sind aber aucl^ halle vorgekomnicn in denen Bauern oder Arbeitgeber, zumeist letztere sich einer Verstaudigung widersetzten. Immerhin .darf man hoffen, dass die Bauern schliesslich doch an die Arbeit gehen und nicht auch noch die künftige Ernte in Frage stellen werden, was wirklich ein ebenso grosses Unglück wäre wie der Aufstand selbst. Mittlerweile scheint die Regierung wieder auf den alten Bahnen wandeln zu wollen. Unter dem Vorwände, man müsse den Willen der Bauern respektieren, hat man die auf dem Lande wohnenden Juden aus den moldauischen Bezirken aus getrieben und denjenigen, dje sich während des Aufruhrs geflüchtet haben, die Rückkehr untersagt. Es handelt sich um hunderte von Familien die sich kümmerlich nährten und die jetzt nicht nur brotlos bleiben, sondern noch viele Verluste dadurch erleiden dürften, dass sie Schulden nicht eintreiben und die wenigen Waren, die sie hatten, nicht verwenden können. Was der Zweck dieser Massregcln sein soll, ist leicht ersichtlich. Wenn man den jüdischen Pächtern das Wojmen auf dem Laude verboten hätte, wäre dies auch ungerecht, aber immerhin begreulich, da kurzsichtige Politiker diese fiir das Bauernelend verantwortlich machen. So aber ist die Massregel eine absolute Kulturtat und kann mir als eine rein antisemitische betrachtet werden Der Antisemitismus aber macht vor dem Interesse der Grossgrundbesitzer Halt ־ und dieses Interesse erfordert, dass der jiidi.se 11 e P ä c 111 e r auch in Z 11 k 11 n ft wirk e. Was mm ans den .hunderten jüdischen Familien werden soll, ist eine ätisserst wichtige Frage, in den bereits von einem jüdische!! Proletariat überfüllten kleinen Städten, in denen es zumeist an Arbeitsgelegenheit fehlt, dürfen sie nicht bleiben. Es wird also höchstwahrscheinlich zu einer neuen Auswanderung kommen. Ob vom sozialpolitischen Standpunkt Rumänien von dieser steten Abnahme der Bevölkerung einen Nutzen, wie die Antisemiten meinen, oder einen Schaden, wie jeder vernünftige Mensch annimmt, erleiden wird, darüber wird ja die nächste Zukunft .Aufklärung bringen. Die Vergangenheit weiss von einem bedeutenden Rückgang aller Werte in den Städten der Moldau infolge der Auswanderung der Juden zu erzählen. ־ Auch eine andere soeben getroffene Massregel richtet sieh gegen die Juden. Ein altes Gesetz zur Förderung der Nationalindustrie besagt, dass die Fabriken, welche die Vorteile dieses Gesetzes gemessen, binnen fünf Jahren zu zwei Dritteln rumänische Arbeiter beschäftigen müssen. Bisher herrschte die ganz richtige Gepflogenheit auch jüdische Arbeiter, die rumänische Untertanen sind und hier zum Militärdienste ungehalten werden, in den geforderten zwei Drittelt, rumänischer Arbeiter mitziizählen. Ein Zirkular der Industrieabteilung des Handelsministeriums fordert nun die Fabriken auf, sich in dem erwähnten Punkte mit dem Gesetze in Übereinstimmung zu bringen, bei Strafe des Verlustes der ihnen gewährten in mancher. Fällen ganz bedeutenden, ja was das Rohmaterial ankelangt, sogar unentbehrlichen Vorteile. Hinzugcfügt wird im Zirkular, dass selbstverständlich als rumänische Arbeiter mir jene betrachtet werden können, welche die politischen Rechte besitzen. Dies bedeutet, dajss man die Fabrikanten auffordert, die Indischen und die fremden Arbeiter auf die Strasse zu setzen. Ja. das Rundschreiben geht noch weiter.. Durch eine willkürliche Interpretatimi des Industriegesetzes fordert es die Fabrikanten auf. nicht nur zwei Drittel der Arbeiter, sondern zwei Drittel aller Kategorien von A n g e s t e 111 e 11 d u r c h Rumänen, die politische Rechte haben, zu ersetzen oder bis zu dementsprechendem Verhältnis zu ergänzen. Diese Verfügung würde noch mehrere Juden und Fremde treffen aber freilich solche Nachteile nach sich ziehen, eine solche Verwirrung!levorrufeii, dass ihre Durchführung unmöglich sein könnte. Das Russo-.lewish Committee hat unter dem Titel ..Rcnoi t as to tlie central Fund Nov. 19115 Dez. 19110**. (21 Bucklets• bury 21. London E. C.) einen Bericht über die Uiitcrstiit/.nig der Opfer russischer Verfolgung veröffentlicht, d-cr eine V >;•- Stellung davon gibt, welche schwierige Aufgabe die Verwalter des Fonds zu erfüllen hatten. Sobald die furchtbaren Ereig-!risse des Herbstes I9U5 in Russland bekannt wurden, bildeten sich Uiiterstiitzungskomitees und die Herren Dr. Paul Nathan. David Foinberg und Carl Stettauer wurden nach Russland gesaudt. lim die Unterstützungen zu verteilen. Die Geldsammlung betrug'47*1.191 Pid. Sterl. wozu die Vereinigten Staaten 2000 10־, London und die Provinzen 95 730. der Hilfsverein der Deutschen Juden (Berlin) 39 000. die Alliance Isradite Universeile Paris) 31 986. die ,Israelitische Allianz zu Wien 22 10! und das Hilfskomitee in Frankfurt a. M. 20 000 Pfd. Sterl. beigesteuert hatten. Im Januar 1906 fand in Frankfurt a. M. unter dem Vorsitz des Herrn Charles Hallgarteu eine Konferenz der Vertreter von 23 jüdischen Gemeinden statt, um iil>or verschkxlene Unterstiitziingsi'ragen zu beraten. Wichtige Be- Schlüsse wurden gefasst, auf Grund deren die Verteilung der

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