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Jüdische Rundschau · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 18 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 183 schüttet trau sic mit moralischen Kränkungen und Misshand־ Inngen bis der Fall Kolm wieder einmal zum schrecklichen Todesdrama wird. Alle Menschen hängen sehr am Leben und cs muss eine schreckliche Folterung stattgeiimdeu haben, ehe einer hingeht und seinen körperl.cheu und geist.geu Schmerz mit ׳einem Stricke erwürgt. Auen aus Ungarn Wien. Chefredakteur Dr Alexander von Nayda, einer der bedeutendsten Wortführer der nichtmagyanschen Nationalitäten im ungarischen Reichstage, sprach gelegentlich seines hiesigen Aufenthaltes einem Redakteur der ״N. N.-Z.“ gegenüber seih Bedauern darüber aus. dass es in Ungarn keine j ü d i s c h ־ n a t i o tt a 1 e Bewegung gibt und dass die dortigen Juden sich dem magy.a rischcn C ha ü v i - n is m u s dienstbar machen. Er sagte u. a. ferner ״Der Antisemitisntus ist im magyarischen Volke latent, während die nichtmagyarischen Nationalitäten infolge der bisherigen Juden, die sich stets auf Seite der Förderer der Magyarisierungstendenzen stellten, offene Gegner der Juden sind. Die Juden handeln äusserst unklug, weil die Verhältnisse in Ungarn sich dahin entwickeln, dass auch die Magyaren offene Antisemiten werden und sich Voraussichtlieh dann mit den Nichtmagyarcu auf antisemitischer Basis einigen dürften. Die bisherige Politik der Juden Ungarns ist unbegreiflich und umso unverständlicher, da die Juden von der magyarischen öffentlichen Meinung als minder wertige Magyaren angesehen werden." Der Jüdische Nationalk ub Ansang April wurde in Warschau der Jiidis^iie Nationalklub gegründet Zu seinem Ziele hat der Klub die Durchf ii 11 r u 11 g einer selbständige n j i'1 d i s c h c n P o 1 i - t i k. Als erste Fragen kommen in Betracht die Frage der Sprache, der Sahbathrulie und des proportionalen Wahlrechts. DerKIub hat die Aufgabe, Abteilungen im ganzen Königreiche Polen zu gründen. Vorlesungen zu veranstaltcu und nationale Ideen unter den Massen zu verbreiten. Seine Tätigkeit hat der Klub mit der Behandlung der Frage der Sahbathrulie eröffnet, der die letzte am 21. April stattgetundenc Versammlung des Klubs gewidmet wurde. Die Vcr- Sammlung eröfmete Dr. Davidsohn und charakterisierte die Tätigkeit des Klubs dahin, dass sie auf die Sicherung der Rechte der Minderheit *gerichtet w erden muss. Das Gesetz wegen Sonntagsruhe, welches von anderen als Glück betrachtet wird, kann von den Juden nur als Unglück betrachtet werden, da es ihre ökonomische Lage vollständig untergräbt. Nach langen Debatten hat der Klub die folgende Resolution angenommen: ״In Anerkennung dessen, dass das Gesetz, w elches die Juden nötigt Sonntag zu feiern, das ökonomische Leben des jüdischen Volkes untergräbt und die von den kaiser* liehen Manifesten gesicherte Religions- und Gewissensfreiheit vergewaltigt, wendet sich die Versammlung an die Volksvcrtretung (Duma) mit der Forderung der Änderung des Gesetz.es.*' Die Versammlung wählte eine Kommission von acht Personen. welche sich mit allen die Frage der Sabbatliruhe hetreffenden Angelegenheit befassen soll. Der Jüdische Nationalklub bildet gegenwärtig das Zentrum des jüdischen nationalen Lebens in Warschau und errcut sich in weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung grosser Sympathien. Aus Russland Die Hauptverwaltung für Pressangelcgenheiten wurde die Aufgabe gestellt, die in der letzten Zeit immer zahlreicher erscheinenden jüdischen Zeitungen in russischer Sprache und in» Jiidischdcutschen genau daraufhin zu prüfen, welche von ihnen ״parteiisch" und welche unparteiisch sind Bei den Parteizeitungen soll auf ihre Tendenz geachtet werden. Die Ausweisung des Dramatikers S c h a I o m Asch erfolgte anlässlich der Premiere seines Stückes ..Der Gott der Rache", das dieser Tage itu Modernen Theater am Newski Prospekt in russischer Sprache mit durchschlagendem Erfolge;׳ufgefiihrt wurde. Asch war den Petersburgern kein Unbekanntcr. Seine dramatische Erstlingsarbeit ..Messianischc Zeiten" wurde im vorigen Jahre zuerst am Dramatischen Theater der Frau Konmiissarschewskaia aufgeführt und machte von Petersburg aus die Runde über fast sämtliche russische Bühnen. Aus Anlass der Erstaufführung von ..Der Gott der Rache" veranstalteten die Petersburger Schriftsteller Schalorn Asch zu Ehren ein Bankett, bei dem Tschirikow׳. der Autor der .,Juden*‘ auf Schalom Asch und Sc ha 10 m Asch auf die Verbrüderung der Völker Ru s slands toastete. Die Antwort der Petersburger Behörden auf diesen patriotischen Appell des Dramatikers war die Ausweisung des .,Juden“ Asch aus der Hauptstadt der Völker Russlands. Lodz. Unter der jüdischen Bevölkerung brach am lü. April eine Panik aus, als ein unbekannter Mann in den Strassen aut die an ihm vorübergehenden jungen Juden ohne jeden Grund und unterschiedslos Schüsse abgab. Zwei Personen wurden getötet und drei verwundet, ehe sich der Schiessbold aus dem Staube machte. Warschau. In Biaiystok sind beunruhigende Gerüchte von einem iiir die russischen Csterfcier'tage bevorstehenden Pogrom in Umlauf. Die Panik ist eine unbeschreibliche. Ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung hat beschlossen, zu den Oster־ tagen die Stadt zu verlassen. Viele schicken ihre Frauen und Kinder in die benachbarten kleinen Städte. Am 13. März fand in Wilna unter Vorsitz des Herrn Mischurski eine Versammlung der Handclsangestclltcu statt, um die Frage über den Normalrulictag und eine darauf bezügliche Resolution auszuarbeiten. Es wurde die folgende Resolution angenommen: ״ln der Frage über den normalen Ruhetag hat die gemischte Kommission zu bestimmen, dass die jüdischen Angestellten vom 1. September bis zum 1. April ihre Arbeit F'reitag um 3.31) Uhr nachmittags und vom'J. April bis zum I. September am Freitag um 7.30 Uhr abends endigen. Die Arbeit hingt iiir Juden am Sonntag um 9 Uhr morgens und fiir Christen am Montag um 9 Uhr morgens an. Auf diese Weise ergibt sich, dass sowohl Juden wie auch Christen über •U) treie Stunden wöchentlich veriiigen. In Geschäften, wo Christen und Juden zusammen arbeiten, werden zwei Tage. ־־ Sonnabend und Sonntag. ־ von alleiiAngestelUen geieiert. Die Stadtduma von Zytomlr beschloss, den Juden und Christen zu erlauben, ihre Geschähe während der christlichen Feiertage offen zu halten, doch sind die letzten verpflichtet, den Handel ohne Teilnahme des Personals selbst zu verrichten. Die gemischte Kommission in Slonim hat nach langen Debatten beschlossen, die folgende Resolution über die Sonntagsruhe anzunehmen: ״Da der ganze Stadthandel durchweg in jüdischen Händen konzentriert ist. so sollen die Geschäfte am Sonnabend geschlossen und am Sonntag geöffnet werden.'* In Home! sprach sich die gemischte Kommission dagegen aus. dass die jüdischen Geschäfte am Sonntag geschlossen bleiben sollen, weil der ganze Handel sich in jüdischen Händel konzentriert. Wie die RUSSISCHE KORRESPONDENZ meldet, erklärte in einer grösseren Gesellschaft in Gegenwart des gewesenen Ministers Chilkow der Beamte der Staatskontrolle Peter Deviene. dass der Verband des aktiven Kampics gegen die Revolution. dem er angehöre, demnächst Miljoukow beseitigen werde. Einige der Zeugen versuchten, die vom Verbände des russischen Volkes für den Prozess Herzenstein geworben worden sind, in die Redaktion der RJETSCH einzudringen. Als sie sahen, dass man sie erkannte, flohen sie. Auch sind wieder einige Personen, die wegen Pogroms in Nischni- Novgorod verurteilt waren, begnadigt worden. Bei diesen immer erneuten Begnadigungen seitens des Zaren ist es nicht verwunderlich, dass die Mitglieder des Verbandes der echt Russischen Leute immer verwegener auflreten. Angesichts der nahen Osterfeiertage sollen in allen von Juden bewohnten Städten Russlands sowohl die Militär- Patrouillen wie auch die Polizeiposten verstärkt werden. Bialystoker Prozess Schaudererregende Dinge hat der Prozess gegen eine Anzahl Teilnehmer an der grossen Judcnhctze von Bialystok offenbart. Auf der Anklagebank sassen 16 Personen, fast ausschliesslich Leute aus den niedrigsten Volkschichten, die sich der Sträflichkeit ihrer Handlungen nicht bewusst waren, die sich mit mit gutem Grunde glaubten darauf herufen rufen zu dürfen, dass der Zar ihnen erlaubt habe, drei läge lang die Juden zu morden uml deren Geschäfte zu plündern. Der Untersuchungsrichter hatte ausserdem noch gerichtliche Verfolgung des Militärkommandanten von Bialystok Schröter, des Chefs der Eisenbahnstation Tselianow, des Rittmeisters T r j a p y z i n. des Fähnrichs P 0 m cranze w׳ und des Wachtmeisters Micha! w*egen Untätigkeit und Begiinstigung beantragt, die Regierung hielt es aber trotz der Begeisterung des Justizministcrs Schtscheglowitow fiir die Unabhängigkeit der Justiz nicht fiir nötig, diesem Antrag Folge zu geben Dass aber die Genannten und noch andere ihrer Kameraden und Kollegen die Hauptschuldigen an dem Pogrom waren, hat der Prozess so überzeugend bewiesen, dass der Gerichtshof die Unterbrechung der Verhandlung zur Ergän• zungder Untersuchung für unentbehrlich gehalten hat. Nicht ohne tiefe Bewegung kann, man die erschütternden Aussagen der Zeugen in diesem Prozesse lesen, die bei dem Pogrom meist selber schwere Verstümmelungen und Ver- *

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