Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 184 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. IS müssen die nicht von den Zufälligkeiten einer allgemeinen Wahl abhüngen. Wäre es etwa ein idealer Zustand, wenn der Oberrabbincr nient co ipso dem Konsistorium angehörte und es vom Zufall abhinge, ob ein in religiösen Fragen sachverständiges Mitgttca in der religiösen Behörde mitzusprechen haben soll? Unsere Konsistorien haben aber weit mehr juristische Fragen zu erörtern als religiöse. Da ihnen jedoch vorläufig eine Aendenmg unserer Kultusvcriassung nicht erwünscht ist. blieb dem Wahlkomitee gar nichts anderes übrig, als Juristen zur Wahl vorzuschlagen.** Der Artikel schliesst: ״Die Opposition wird gebildet von Unzufriedenen. Von diesen kann vielleicht der grösste Teil in der Hauptsache eingeteilt werden in solche, die einmal in irgend einer Welse ihren Willen beim Konsistorium nicht durchgesetzt haben, und in solche, die von Mitgliedern der 1. Gruppe von der ״ungerechten“ Geschäftsleitung des Konsistoriums ..überzeugt‘* worden sind. Und wenn nun gar tatsächlich Entscheidungen getroffen werden, die die Kritik herausfordern. ־ keine Behürdc vermag solche ganz zu venneiden — so werden sie nui zu eifrig weiterkolportiert und aufgebauscht. Dass derartige ״Fehler“ aber nicht allzuhäufig Vorkommen, beweist der Umstand, dass die Gegner des Konsistoriums genötigt sind, mitunter Jahrzehnte zurückliegende Fälle immer wieder yon neuem aufzuwärtucn und aufzutischen. Hin tatsächlicher Missstand aber ist cs. dass diese ungünstigen Beurteilungen fast jedem bekannt sind, während die positiven Leistungen, die doch zweifellos zu einer ganz anderen Stellungnahme ifihreu würden, dem Aussenstehenden wiederum iast völlig unbekannt sind. Diesem Uebclstand kann nur durch offizielle Berichte über die Sitzungen, soweit diese zulässig sind, abgehoben werden, und in Wahlzeitcit dadurch, dass austretende Mitglieder ihre Gegenkandidaten in Wahlversammlungen bekämpfen, die nicht nur in der Bczirksliauptstadt abzuhalten wären und in denen sie sowohl einen Hinblick in ihre bisherige Tätigkeit gewäjireu, als auch •ihre ferneren Absichten offen darlegen könnten. Dann wären die Wühler imstande, sich ein selbständiges begründetes Urteil zu bilden und sich auch Klarheit zu verschaffen über die Forderungen, die sic an d.c Behörde zu stellen haben, die ״betraut ist mit der Oberaufsicht über die Interessen des israelitischen Bekenntnisses“ in den drei Bezirken Elsass-Lothringens.״ Oesterreichiscne Wahlen Die Wiener Zionisten können mit den bisherigen Erfolgen ihrer rührigen Wahlarbeit sehr zufrieden sein. Sie haben bisher 12 grosse Wählerversammlungen, in denen Dr. Schallt das Programm der jüdischen Nationalpartei entwickelte, abgehalten, und zwar mit bestem Erfolg. Von Beginn dieser Woche an fanden sogar zwei Versammlungen an einem Abend statt. Die Versammlungstütigkeit der Zionisten erregt im Bezirk grosses Aufsehen und flösst auch unsern Gegnern, die uns bisher mit Vorliebe als quantitc negligeable zu behandeln pflegten, Respekt ein. Der sozialdemokratische Kandidat warnte in einer Wählcrvcrsammlung ״vor einer Unterschätzung der Zionisten'*. Herr Dr. Gustav K o h 11 wagt es nicht einmal, eine öffentliche Versammlung abzuhalten. Die Oinerianer und Sozialdemokraten suchen sich der unbequemen zionistischen Redner durch brutale Vergewaltigung, die Herr Dr. Ofner durch gedungene Ordner besorgen lässt, zu entledigen. Der Wahlkampf zeigt uns. dass die energische Beteiligung an dieser Wahl den Zionisten eine intensive nationale Erziehungs- und Aufklärungsarbeit ermöglicht. Es sei ausdrücklich hervorgehoben: Alle organisierten Wiener Zionisten, Bürger. Studenten. Arbeiter, sind an der Arbeit und lassen sich durch keinerlei Angriffe und Skepsis im eigenen Lager stören. Am 30. April d. J. fand zu gunsten des zionistischen Wahlfonds im Hotel Polonia eine Vorstellung statt, bei der durch die derzeit in Wien gastierende polnische Gesellschaft der ״Jesehiwa Bocher“ zur Aufführung gelangt. Am 27 April veranstaltete die Wiener zionistische Str.dcn• tenschaft eine Versammlung im Hotel Zentral mit der Tages- Ordnung: Die Anerkennung der jüdischen Nationalität au den Hochschulen Österreichs. Aus: DIE WELT. Polen imd Juden in G^lizie^ In dem Verhältnisse zwischen Polen und Juden in Galizien vollzieht sieh angesichts der Reichsratswahlen eine Wandlung. Der Führer der gatizischcn Zionisten. Dr. Malz, schreibt im ruthenischen Journal DILO: ״Die bisherigen Vertreter der Juden in Galizien, die sogenannten Polen mosaischen Bekenntnisses, haben das ganze jüdische Volk für ihre unlauteren Geschäfte an die polnische Schlachta verkauft und verschüchtert. Wir wollen im Bunde mit den Ruthenen und den volkstrcuen polnischen Elementen der Oligarchie ein Ende •machen, welche .durch die Propination und die Branntweinschenken das ganze Land vergiftet und ausbeutet." Das SLOWO POLSKIE bemerkt zu diesen Auslassungen des galizischen Zionistenführers: ..Das ist eine unzweideutige Kriegserklärung namens der Juden an die Adresse der Polen. Die Zionisten rufen unverkennbar die Juden zu nt Kampfe gegen die Polen auf. Dies wird das Polentum in Galizien zwingen, einen rücksichtslosen und unerbittlichen Kampf gegen den Zionismus auf der ganzen Linie zu beginnen.** Der ״Kleine Kohn“ Budapest. In der Erzherzog Josef-Kaserne hat sich der Husar Heinrich Kohn erhängt. Er war wegen seines Namens und seines Aeussern häufigen Verfolgütigen aus gesetzt; man nannte ihn den ״kleinen Kohn״ und schikanierte ihn. wo cs nur möglich war. Kürzlich kam Kohn aus dem Spital, wo er einige Tage zugebracht hatte. Der Wachtmeister zwang ihn sofort auf das Pferd zu steigen, trotzdem er erklärte, den ganzen Körper voller Wunden zu haben, die ihm seine Kameraden zugefiigt hatten. Darauf verübte Kolm den Selbstmord. Sein Leich 11 am wurde entdeckt und der Eskadronsk o m m a 11 d a 111 wollte ihn geQjiip wegräumen lassen, als der Erzherzog Josef, der zufällig zur lnspektion in der Kaserne weilte, ins Zimmer trat. Als der Erzherzog sah, um was cs sich handelte, ordnete er sofort eine Unters u c 111111 g an. liess die Mannschaft der Eskadron antreten und richtete an sie eine Ansprache, in welcher er zum Schluss diejenigen von der Mannschaft, die über die Motive des Selbstmordes Aufklärung geben könnten, amforderte. vorzutreten. Es meldeten sich ein Korporal und drei Gemeine, welche die Vorfälle protokollarisch bekundeten. Der Erz herzog unterbrach die Schilderungen der Soldaten wiederholt mit den Rufen: .,Unerhört, unglaublich!‘‘ Die Untersuchung w׳urdc sofort eingeleitet. An dem Leichenbcgänguis hat der Erzherzog teilnehmen zu wollen erklärt. Der Fall Kohn kehrt unter anderem Namen immer wieder zurück, alljährlich wird eine jüdische Mutter im Herzen getroffen, weil ihr Sohn in der Blute seiner Jugend sein Judentum hat mit dem Leben bezahlen müssen. Noch steht uns das Schicksal vor Augen, das vor einem Jahre ein jüdischer Einjähriger in Czernowitz hatte, den Schindersknechte In Uniform in den Tod getrieben haben. So fallen bedauernswerte Opfer ,ihres Judentums bald liier, bald dort in der Armee..manchmal in der St Ile. manchmal wird Lärm geschlagen, mancher übersteht die Marter, aber cs steht iest. dass der Antisemitismus auch im Heere grosse Fortschritte gemacht hat und immer?■־>; t tragische Folgen zeitigen muss. Die Schuldigen im Falle Kohn sind nicht nur in seinem Regiment zu suchen, sondern viel \'el höher. Man kennt die Geschichte von dem leisen Tadel, den der Brigadier gegc.1 den Obersten aussprach. Der gab ihn schon als seharie Rüge weiter, der Feldwebel empfing ihn schon als Lkvaerw etter und der Mann bekam Ohrfeigen und flog in de.1 Arrest. Einen ähnlichen Weg machte der Antisemitismus. Vom Ministerium wird er st llscliweigend geduldet, von den Offizieren laut gelobt und vo!1 der Mannschaft ausgeübt. Nicht von allen.!11 der Theorie trägt der Angehörige welelien Stammes und welcher Konfession immer auch in der österreichischungarischen Armee den Marschallstab im Tornister, wenn er sich der militärischen Lauibahn zuwendet. Nur dem Juden winkt an der Majorsecke - in anderen Landern ist es bereits die Feidw ebelecke ein uuiiherstcigharcs Hindernis dis T a 11 f l> e c k c 11. Erst durch die Tauf e erhält er die F'ülügkeit. ein Bataillon zu kommandieren, ein Vor/.iigszeugnis aus der Kriegsschule. Korpsselmle oder von der Stabsoffiziers- Prüfung wird durch den Vermerk ..mosaisch" auf imge-!lügend umgcwaudclt. Das Cst so notorisch, dass ein Manu, der Jude »bleiben und Stabsoffizier werden w ollte, dhne weiteres der psychiatrischen Klinik zugeteilt werden sollte statt einem Regiment. Dieser edle Geist des Antisemitismus nncht vor den niederen Graden nicht halt. Es werden ganze Regimenter und Brigaden genannt, bei welchen der Jude trotz aller Strebsamkeit und Oualiiikatinn absolut keine Charge erreichen kann. Dieser russichc Grundsatz wird namentlich in der Nähe der russiscHcu Grenze sehr oft befolgt. Aber ganz abgesehen davon. wird leider fast in der ganzen Armee das Judentum zu einer mehr oder weniger bös gemeinten Beschimpfung seiner Angehörigen benutzt. Namentlich gegen solche, welche mit der im Ghetto erworbenen Schwächlichkeit und Ungeschicklichkeit ihrer Vorfahren erblich belastet sind. Auch sie könnten w•; so viele andere für das W'anenhaiidwerk minder Taugliche m't etwas Geduld und Güte wenn nicht zu guten, so doch zu ertraglieben Soldaten heraugezogen werden. Statt dessen über-