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Jüdische Rundschau · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 18 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 183 scheid, das schade nichts: aber angestellt ist er bis heute nicht. So zählt das Kaiserliche Patentamt zur Zeit nur einen jüdischen Milfsarlnäter. der diese Stellung der Fürsprache eines hiesigen sehr bekannten und einflussreichen Proiessors verdankt, desscu Anmeldungen er last ausschliesslich bearbeitet. Regierungsrat ist er aber trotz seiner anerkannten Tüchtigkeit bis heute nicht geworden, trotzdem mittlerweile Herren, die viel spüter ins Amt kamen und im gleichen Fache tätig sind, wie er, diesen Rang schon längst erreicht haben. Das Patentamt nimmt zwar ebenso wie die Patenanwülte die Anmeldungen und Gebühren paritätisch von Gerechten und Ungerechten an ’ will sagen von Juden und Niclitiuden aber die Bearbeitung durch jüdische Beamte ist da wie dort nicht beliebt. Da gerade auf dem Gebiete des gewerblichen Rechtsschutzes die Juden sehr stark beteiligt sind, sätd dies zweifellos beschämende Zustände, zu deren Beseitigung nach Möglichkeit beigetragen werden sollte.“ Auswanderung nach Südamerika Berlin. Das Zentralbureau fiir jüdische Auswanderungsangclcgcnhciten erhält folgende Zuschrift: Von einer ״Auskunt'tsstclle für jüdische Aus- Wanderer nach Südamerika und der Süd- Staaten der Union“ Berlin NW., Unter den Lind e n 53, unterzeichnet A. M eycrowit z. erhalten wir soeben ein Zirkular, worin von einem Briefe Kenntnis gegeben wird, den ein Rabbiner ״Dr. Iloiimanii“ namens der ..Union I s r a c t i t a A r g e n 11 n a‘* an den Norddeutsehen Lloyd gerichtet hat. In diesem Brief wird von der Errichtung eines israelitischen Einwandcrungs-Auskumts- und Arheilsnachweisbureaus ..Kosmos Calle Cangallo 2560“ in Buenos Aires Mitteilung gemacht, dem der genannte Rabbinei Pr. Hofhnann vorsteht. Im Interesse der Sicherheit und unbedingt notwendiger Zu- Verlässlichkeit solcher Bureaus erlauben wir uns. Ihre Autmerksamkeit darauf zu lenken, dass uns bekannt ist, dass ein aus Ungarn stammender A. H o i i tn ann, der sich ■■vor einigen Jahren in Strassburg i. El s.. in Basel, Z ü r i c h, Luzern etc. herumtrieb und eine Menge Schwindeleien beging . sich jetzt in Buenos Aires als ״Rabbiner Dr. Hofimann“ aufhält. Vermutlich ist er mit dem Schreiber des obigen Briefes identisch. Es wäre sehr bedenklich, das Schicksal unserer jüdischen Emigranten einem solchen Manne zu vertrauen. Aut Grund dieses Briefes wandte sich das Zentralbureau fiir jüdische Auswanderungsaugelegenheiten telegraphisch an die Direktion der JCA in Buenos Aires, um über die Zuvcrlässigkeit des Dr. Honmann Erkundigungen einzuziehen. Die telegraphische Antwort lautet, dass Dr, Hoffmann nicht empfehlen werden kann und die Union Israelltia Argentlna. auf die er sich beruft, ohne jede Bedeutung ist. Dies sei int Interesse der jüdischen Auswanderer einstweilen mitgeteilt. Gitaufte Juden Nürnberg. In der sozialdemokratischen FRÄNKISCHEN TAGESPOST lesen wir: ״Das Tagesgespräch in der Niirnherger ״besseren“ Gesellschaft bildet, dass ein hiesiger jiidis e h e r Anwalt. Mitglied einer bekannten Familie, seinen Sohn hat taufen lassen. Nicht etwa aus Überzeugung, sondem lediglich, um ihm die bei der Geburt abges e h n i 11 c n e Zukunft zu verbessern. Per Junge hat dadurch Aussicht, einmal Rcserveleutnant. ja sogar Mitglied des ״Museums“ zu werden, eine Ehre, die seine jüdischen Grosseitern nie erreichen würden. Derartige Fälle nehmen in letztet Zeit überhand, ohne dass seitens der Geistlichen gefragt wird, ob es mehr als blosse Charakterlosigkeit. Geldgier. Streberei und Kriecherei ist. die zum Übertritt veranlasst. Da ist z. B. in Eilrth ein praktischer Arzt, cf» wütender Sozialistenfresser und Reichsvcrbändler. Sein Sohn musste getauft werden. Vielleicht bringt er es dadurch zum Kolonialminister ä la Dernburg. Die jüdischen Bankiers gehen für hohen Profit der bankrotten russischen Regierung Geld für neue Judcnmetzeleien. der Freisinn unterstützt mit jüdischem Geld die antisemitischen Kandidaten, religionslose Juden lassen sich und ihre Kinder aus Charakteriosigkeit taufen, heucheln christliche Religion und betteln schliesslich hochstehende Personen an, die Patenstelle ztr übernehmen.“ Ueber das hessisch** ״Judenpatent“ wird der FRANKFURTER ZEITUNG geschrieben: ״Heuer werden es 60 Jahre, dass eines der wichtigsten Ercignisse für die jüdische Bevölkerung der Stadt Mainz und der Provinz Rheinhessen geschah, nämlich die Aufhebung des sögenannten Judcupatcnts. Dieses von der israelitischen Bevölkcrung als überaus drilekeng empfundene Patent war durch ein Dekret Napoleons I. vorn 17. März 1808 vorläufig auf zehn Jahre in Frankreich ciugeführt worden. Nach Ablaut dieser Zeit wurde es dort als aufgehoben erklärt, blieb aber in Rheinhesscit durch eine Verordnung von: 13. März 1818 mit tnannigfachen Veränderungen in Kraft. Diesem Patente zufolge musste jeder jüdische Kaufmann, jeder Israelit, der in die Lage kam, ein Beschütt abztisehliessen, ״sich von den! Verdachte des Wuchers reinigen und von drei Behörden (dem Gcmciitdcrat, dem Kous'storium und der Provinzialbehördc) nacheinander jedes Jahr ein Zeugnis darüber erbitten, dass er kein Wucherer sei und dass er noch kein unerlaubtes Geschäft abgeschlossen hatte.“ 111 welch herabwiirdigendc und entehrende Lage hierdurch jeder rechtliche Mann gehracht wurde, welche Gelegenheit zur Schiirung des Hasses, der Feindschaft und des Gcschäftsneides unlauteren Elementen geboten wurde, liegt auf der Hand. Einem der geachtctsteii und tüchtigsten Mainzer Bürger damaliger Zeit, dein Obergerichtsrat und Kanunermitglied Ölaubrcüi. gebührt das Verdienst, seine jüdischen Mitbiirger in Stadt und Land \on den ungerechten Bestimmungen des ״Judenpatents“ befreit zu haben. In seinem Berufsleben hatte er vielfach Gelegenheit, die Härten und Bedrückungen kennen zu lernen, die jenes Gesetz im Gefolge hatte, utia bereits im Jahre 1832 beantragte er im Vereine mit den Mainzer Abgeordneten KerteU und Trommler im Landtage die Auf- Jiebung des Dekrets, anfangs allerdings ohne Erioig. Erst im Jahre lbJ7 erinJgtc die Aufhebung des ״Judcnpatcnts“. Die Freude der jüJisencn Bevölkerung in Mainz und ganz Rheinhessen über die Befreiung von diesem drückenden Joch war unbeschreiblich. Um dem Gefühle der Dankbarkeit auch äusseren Ausdruck zu geben, wurde eine Dankadresse an (•laubrech abgesandt, die von den Vorständen sämtlicher israebtiseben Gemcii-dcn Rheinhessens unterzeichnet war.“ Konsistorialwahlen im Reichsland Die STRASSBURGER ISRAELITISCHE WOCHENSCHRIFT, das in üelnveilci״ i. E. erscheinende Elsass-Lotbri.igische Famdienl.Iatt. das von Rabbiner D r. ( i i 11 s b u r g e r in Sulz (O.-E.) herausgegeben wird bringt über die reiebsländ scheu jüdischen ..Kc-usistcrialw׳altleti 1907“ einen Art.ke! aus der Feder von Pr. M a r x. Der Verfasser, kein Anhänger des Zionismus, beginnt: ..Dem Zionismus. - wenn auch wohl nicht gerade seiner offiziellen Vertretung - gebührt das Verdienst, schon Minute vor den in diesem Jahre stattfindenden Wahlen zum israelitisehen Kcnsistormm des Unter-Elsos auf diese aufmerksam gemacht zu haben. Das hat nämlich tatsächlich der in No. 15 dieses Blattes veröffentlichte Aufsatz ..Opposition" getan. Es ist dies zweifellos an und für sich eine begrüssetiswerte Neuerung. Denn bisher tauchten Wahl Programme und Kandidaten gewöhnlich erst so kurz vor der Entscheidung auf. dass es den mit den Verhältnissen nicht ganz genau Bekannten vollstäud.g unmöglich war. sich die Kandidaten näher zu besehen oder gar eigene Wünsche laut werden zu lassen. Zwischen den Zeilen des erwähnten Artikels scheint auch hervorzugehen, dass die zionistischen Ideen mit den Wahlen in Verbindung gebracht werden sollen. Insofern dan.it das persönliehe Moment, das leider so oft für*den einzelnen mussgebend war. in den Hintergrund träte und die Wahlen zu einer Prittzipienfrage erhoben würden, könnte man einen derartig gestalteten Wahlkampf auch als einen Fortschritt bezeichnen. W'ir bezweifeln aber, ob die Mehrzahl der Wähler gewillt wäre, sich bei der Ausfüllung der Stimmzettel von diesen allgemeinen Gesichtspunkten leiten zu lassen. Wir dürfen schon zufrieden sein, wenn sie ernstlich Stellung nimmt zu Fragen, die speziell das clsässische Judentum hetrefien. Int (׳runde genommen handelte es sieh auch bei den vorjährigen Wahlen - im Gegensatz zu mancher früheren ־ schon um pritizipi.'lle Fragen. Es waren aber keineswegs kotiscrvatives Judentum und Liberalismus, die sich gcge:1über<tande11 und bekämpften. Dies wäre auch bei den hiesigen Verhältnissen ganz unverständlich und unangebracht gewesen. Denn die Geschäftsführung unserer Konsistorien ist im allgemeinen eine durchaus konservative. Auch in religiöser Beziehung. Vo:t ihnen aus wurde z. B. noch keine Neuerung int Gottesdienst angeordnet und in strittigen Fällen wurde für Beibehaltung' des Herkommens entschieden. Die Konsistorialpartei hatte int vorigen Jahr vielmehr in richtiger Erkenntnis eines dringenden Bedürfnisses rechtskundige Mitglieder ihrer Körperschaft cinverleibeti wollen. Dass der Wille der Mehrheit dies verhindert hat, beweist tn erster Linie nur. dass ein demokratisches Wahlsystem unter Umständen verhängnisvoll werden kann, wenn der gewählten Körperschaft nicht entweder eine andere zur Seite steht, deren Zusammensetzung die Garantie bietet, dass für regelmässig verkommende Fälle Fachleute vorhanden sind, oder ihr nicht wenigstens einzelne Mitglieder oder Hilfskräfte angehören

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