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Jüdische Rundschau · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 176 JÜDISCHE RUNDSCHAU No'. 18 lieh über seine Aeusserungen befragt werden müssen. Keiner der Herren aber hat ihn offiziell in seiner Eigenschaft als Leiter der Gemeinde gesprochen, nur wenige sind privatim mit ihm zusammengekommen; die erdrückende Mehrzahl aber hatte von der ganzen Angclegenheit nur insoweit Kenntnis, als der Gemeindeklatsch auch an ihre Ohren gedrungen war. So sah der Gerichtshof aus, der das Urteil sprach. Wäre es anders, dann hätten die Herren bis jetzt nicht geschwiegen. Unter dem Eindruck der kompromittierenden Gerüchte wurde der Beschluss der Kommission von den beiden massgebenden Körperschaften bestätigt. Die Ernüchterung musste kommen. Einige Repräsentanten, die auf Grund des jetzt vorliegenden Tatsachenmaterials eines besseren belehrt sind, sollen erklärt hab.cn, dass sie anders g e u r t c i 11 h ä 11 e 11, wenn sic früher richtig informiert gewesen wären. Dass diese Information ausblieb, ist unerhört; dass ■man ohne genügende Kenntnis der Sachlage die Angelegenheit einfach übers Knie brach, zeigt ein erstaunlich geringes Verantwortlichkeitsgefiihl der Gcmeindelciter. Man hatte Herrn Dr. Cohn von massgebender Seite gleich anfangs gebeten, über die ganze Angelegenheit zu schweigen und der Vorstand hat ihn wegen seines Gehorsams sogar noch nachträglich gelobt. Der Eriolg zeigt, dass das eine Torheit •war. Er hätte sich sogleich an die Oeffentlichkeit wenden sollen. Das ist die einzige Instanz, vor der die jüdischen Herren Respekt haben. Denn worin besteht sein Verbrechen? Der Direktor reizte ihn und war unhöflich ihm gegenüber, denn es ist unhöflich von einem Christen, eiaein Juden, und noch dazu einem Rabbiner zu sagen. da*ss er die Taute nicht im mindesten für verwerflich, die Mischehe für wünsehenswert und den Untergang des Judentums für das Ziel der Entwicklung halte. Der Vorstand und di״ Re- Präsentanten der jüdischen Gemeinde freilich hätten — das geht aus ihrem Urtcilsspruch klar hervor — zu diesen Aeusserungen geschwiegen. Herr Dr. Cohn liit es nicht getan, und das war nur seine Pflicht und ehrenwert. Er entgegnete, dass er .das Aufgehen des Judentums nicht für wünschenswert, ja nicht einmal für möglieh halte. Die stanimlichen Eigentümlichkeiten des Judentums hätten in seinen Bckciracrn schon zu tiefe Wurzeln geschlagen; es bestehe bei aller Harmonie doch ein Gegensatz zwischen den deutschen ir.id jüdischen Staatsbürgern, und dieser Unterschied trete mehr oder minder stark hervor. Der Antisemitismus sei der Aufdruck dieser Vcrschiedenh.it; er verwerfe diese Bewcgung als unmoralisch und bekämpfe sie aufs heftigste, aber er verstehe sie trotzdem. Kurz er setzte dem Direktor das auseinander, was schon viele vor ihm gesagt und ׳geschrieben haben, und was jeder selbstbewusste Jude, ob er nun Zionist sei oder nicht, sagen musste. Dadurch fühlten sieh die jüdischen Herren Oberlehrer in ihrer nationalen Gesinnung trei verletzt, und der jiidische Oemeindevorstaud erklärte die Aeusseruttg so!־ eher Gedanken für gefährlich und ketzerisch. Wenn diese Herren aber die physischen und psychischen Eigen* beiten des jüdischen Stammes nicht anerkennen, sind sie blind, wenn sie die gemeinsame Geschichte des Judentums leugnen, sind sie unwissend. Die Aeiisscriingen von Herren Dr. Cohn stehen nicht im mindesten im Widerspruch mit unseren Pflichten als Staatshiiiger. mit unserer Gesinnung als gute Deutsche und mit mise rer innigen Dankbarkeit gegen die deutsche Kultur. Sein einziges Vergehen war das, dass er die Wahrheit sagte, dass er das sagte, womit die jüdischen Herren Offiziellen geflissentlich hinter dem Berge halten. Die Nationaljuden und Zionisten haben allein das Recht, in aationaleti Dingen mitzusprechen, weil sie dem modernen Gedanken des Nationalismus als erste ein Verständnis entgegengebracht und ihn auch für das Judentum fruchtbar gemacht haben. Gewisse liberale Juden aber mit ihren kosmopolitischen Anschauungen, mit ihren Idealen von der Weltverlcumdung und ethischen Kultur können den Gedankengang eines Deutschnationalen garnicht erfassen. Sonst würde in ihrer Presse das Wort natioualistisch nicht als Sehmähwort gelten, sonst würden sie an den grossen nationalen Historikern der Deutschen nicht herunik rittein. Der Fall Cohn ist nur ein Teilbild au s dem Auftreten dieser Herren im allgemeinen. Sclbstaehtutig als Juden ist ihnen ein fremder Begriff. Wenn das Judentum in Misskredit bei den Deutschen gekommen ist. ist es die Schuld dieser Herren. Denn der Deutsche Spinnen und Fliegen Roman von Bag r off. Aus d. Russ. übersetzt. (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. Ein kühner Reiter, Die grellrote Sonne hatte schon dreiviertel ihrer täglichen Reise zuriiekgelegt. Die Hitze hatte wesentlieh nachgelassen. Ein leichtes erfrischendes Lüftchen wagte sich in Gottes freie Natur hinaus. Nachdem cs dem ״Pinte-Wald“ umkreist, in die offenen Türen und Fenster der verödeten Schenke hinciugeguekt. flog es geradewegs nach Zwaatz. Allein dort wurde ihm kein *freundlicher Empfang: alle Tiire* und Fenster waren dicht verschlossen, als befände sich alles in tiefstem Schlummer, als seien alle abwesend. Durch das einzige offene Fenster der kleinen Rabhiiicrhüttc fahrend, streichelte das Lüftchen das frische Ocsiclitcheu des schönen Mädchens, zauste mutwillig den sveissen Bart des Greises, und wirbelte daun weiter durch die öden Gassen, über eine weite Wiese, nach dem Westen in das gütsherrliehe Schloss, in die herrschaftlichen Gemäeher. Hier wurde der liebe Gast mit sichtlicher Ungeduld erwartet: hier wurden die breiten Fenster, die hohen Flügeltüren weit aufgerissen zu seinem Empfange; und weiter wollte das Lüftchen nicht fliegen; es blieb da ... . Und wozu sollte es denn auch weiter fliegen! War denn in einem Umkreise von hunderten von Meilen ein angenehmerer Aufenthalt, mehr Bequemlichkeit und ausgesuchter Luxus, mehr Komfort und Pracht, mehr Ueberfluss an weltlichen Genüssen oder eine glänzendere Gesellschaft zu finden, als in dem Palast des erlauchte» Pan Stefan von Potocki? Wie Jupiter über die Erdensöhtie. so herrschte dieser Pan allmächtig, absolutistisch über Hunderttausende von Leibeigenen und Kleinbürgern; wie der Olvtiip über die Erde, so erhob sich der cdelherrlichc Hof über allen seinen Städten und Vorwerken und Slobcden und Dörfern. Und die Menschen und ihre Wohnungen - alle und alles musste zu seinen erlauchten edellierrlichen Küssen, liegen. ״Je höher der Pan durch seine Macht, durch seine Abstammung, desto höher muss er thronen.‘* lautete ein Anssimieh des hohen Ahnherrn Potoekis. Und auf der ununterbrochene,ו. unabsehbaren Ebene wimmelten, wie Ameisen. Tausende von Leibeigenen und schütteten in dem Zeitraum eines Jahres einen hohen, flachen, steilen Hügel auf von dem Umfange einer guten Yicrtcluieilc. Auf dieser Anhöhe errichtete

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