Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 174 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nö. 17 schönert. Dass die Jüdischen Kauflcutc den Ranzen Provinz* handcl und die Versorgung des flachen Landes als ihr aus* schlicssliches Dominium betrachten, aui dem sie nach Belieben schalten und walten können, dagegen hat man zwar schon ai. gefangen ״christliche Genossenschaften“ ins Leben zu rufen; man beklagte sich aber nicht allzu sehr, als letztere die Konkurrenz des Jüdischen Krämers in den Dörfern nicht überwinden konnten und auf keinen grünen Zweig kamen. Aber dass bei den letzten Neuwahlen der Stadtverordneten in Buda pest die Juden eine ganz beträchtliche Majorität erzielt haben und somit über die Geschicke der Hauptstadt von nun ab als die Herren entscheiden sollen, damit ist man durchaus nicht mehr einverstanden. Und dass diese neue Majorität unter dem ״Demokratenklub“ einen neuen Klub gebildet hat, welcher dem bisher die Geschicke der Stadt unbeschränkt leitenden ״Saskör*‘ — zu deutsch: Adler-Klub — der erbangesessenen hauptstädtischen Bürger ein Paroli bieten soll, das geht den christlichen Magyaren denn doch über die Hutschnur, und die deutlichen Spuren eines Antisemitismus, wie sic Ungarn bisher noch nicht gekannt hat. sind in die Erscheinung getreten, und dieser Antisemitismus droht auch in den breiteren Schichten der Bevölkerung mehr und mehr Wurzel zu fassen." Galizische oppositionelle Juden Lemberg. 8. April. Unter Vorsitz des Advokaten . Dr. Buber fand heute abend hier im jüdischen Theatersaalc eine grosse Wählerversammlung der jüdischen oppositionellen Parteien statt. Das Referat über die Stellung der Juden zum polnischen Nationalrat und über die bevorstehenden Reichsratswahlcn erstattete der aus Krakau cingetroncne Führer de, dortigen oppositionellen Juden. Advokat Dr. Gross, welche! u a. ausführte, dass sämtliche oppositionell gesinnten Juden sich gegen den polnischen Nationalrat organisieren und die demselben angehörenden jüdischen Vertreter ablelinen mögen. Die oppositionell gesinnten'Juden mögen bei den Wahlen, soweit sie nicht eigne Kandidaten haben, für die dem Polenklub Opposition machenden demokratischen und tortschrittliehen Parteien eint roten. Line in diesem Sinne gefasste Resolution wurde einstimmig angenommen. Der Polenklub ItatU bekanntlich den Juden Galiziens sowohl die Vertretung im Zentral-Wahlkomitee als auch die Einräumung von Mandaten in den Wahlbezirken, wo die Majorität der Wähler jüdisch ist, verweigert. Aus diesem Grunde sind die Juden, die. abgesehen von den Zionisten, bisher den Polenklub unterstützten, in die Opposition getreten. Russische Idylle In der Lodzer Vorstadt Baluty. die hauptsächlich von der armen christlichen und jüdischen Bevölkerung bewohnt wird : trj an die sich der vorwiegend jüdische Stadtteil anschliesst, befindet sich ein Laden, der von der christlich-nationalen Marti! gegründet worden ist und wahrscheinlich ihr auch gehört Diese Partei ist hier, wie in ganz Polen, ׳mit der anti- : •!•!'tischen Partei identisch, die bei den jüngsten Wahlen zur Reichsduma gesiegt hat. Die Partei führt den offiziellen Namen ״nationaldemok rat!sehe Partei" (naradowo-demokratyczna Partja); ihr gehört, speziell in Lodz, der grösste Teil der polnischen Arbeiter an. Seit 2 Jahren, also seit Beginn der Revolution, steht diese Partei im Streit mit den soziatistisclicn Gruppen, nämlich der polnischen sozialen Partei, dem sozialdemokratischen Bund, dem Proletariat. Der Grund des Streites soll bei den nationalen Arbeitern in der Abneigung gegen das Streiken liegen. Tatsächlich werden die nationaldemokratischen Arbeiter durch das reaktionäre Komitee der Partei geleitet und gegen die Sozialisten und Juden aufgehetzt. Kein Tag vergeht ohne dass au! offener Strasse ein oder mehrere Arbeiter von der Gegenpartei niedergeschossen werden. In der letzten Zeit sind es ausschliesslich Nationalisten, die ilire Gegner morden. Die Parole dazu ging von der Leitung der Partei aus. Dumaahgeordiieter D rn o w s k i. der Führer der nationalen Parteni. sagte in einer öffentlichen Wahlver- Sammlung in Warschau: ״In dem Kampf gegen die F'eiitde des polnischen Volkes waren wir gezwungen, das Blut unsere» Brüder zu vergiessen.“ Solche Morde gehören zu den tägliehen Erscheinungen: man hat sieh längst an sie gewöhnt. Die Polizei kümmert sich um nichts. Vor einigen Wochen wurden 2 Offiziere und mehrere Soldaten am hellen Tage auf der Strasse niedergeschossen. Auch hier entkamen die Täter. In der vorigen Woche drangen mehrere Leute In de». Laden •der christlichen Partei ein und ermordeten die darin anwesenden Personen. Wiederum entkamen die Mörder. Jetzt begannen fortgesetzte Greucltaten. Binnen zwei Tagen wufden gegen •10 Personen niedergeschossen und noch mehr verwundert; darunter auch viele Juden. Der Schauplatz dieser Mordtaten ist hauptsächlich die Vorstadt Balutv. aber auch andere Stadtteile blieben nicht |verschont. Unter den Getöteten sind Kinder von 14—15 Jahren. Die hiesige antisemitische polnische Zeitung ROZWOZ schrieb nach dem Attentat in dem Laden: ״Das hat die Konkurrenz gemacht, der unser Laden ein Dorn im Auge war; wir werden uns rächen!“ Infoge dieser Ereignisse ist eine Panik, namentlich unter der jüdischen Bevölkerung ausgebrochen. Kin Offizier erzählte, dass am 7. d. Mts. der Ausbruch von Unruhen erwartet wurde, und die Truppen die ganze Nacht über sich bereit halten mussten. Am Sonnabend, dem 6. d. Mts. wurden in einem Monopol•(ßranntwcin-)Ladcn ein Schutzmann und zwei Soldaten getötet, und am 9. d. Mts. zwei Bomben geworfen, die glücklicherweise niemanden verletzten. A. I. U. Pogromschrecken Aus den! Süden Russlands kommt eine ganze Reihe beunruhigender Nachrichten über in nächster Zeit zu gewärtigende Aktionen des ״Verbandes des russischen Volkes“. Die Mitglieder des Verbandes verbreiten allerlei hetzerische Meldüngen, z. B.. dass der Einsturz des Plafonds im Taurischen Palaste durch eine von Juden geworfene Bombe verursacht dass Kurscliewan von Juden in Petersburg ermordet worden sei. und ähnliches mehr. Noch symptomatischer ist die überall offen betriebene Ocldsnmmlung zur Bewaffnung des Verbandes. Die Lage in Odessa Man schreibt aus Odessa: Einem der grossen russischen Kriegsheldcn. dem Baron Kaulbars. der zum Ruhme der russische•!» Armee während der• letzten Kampagne und zu deren Ausgange soviel beige!ragen hat, ist die Möglichkeit gegeben worden, seine glänzen Jen Talente auch auf dem Gebiete der Zivilverwaltung zu entfalten. Ihm ist das Schicksal einer der grössten russischen Städte, Odessas, anvertraut worden. Seitdem neigt dieses einst blühende Handels- und Industriezentrum immer mehr zum Verfall; das rege Leben und Treiben ist erloschen, und die furchtbarste Anarchie herrscht. Die Stadt ist zur Arena von Pogronicu, Mordtaten, von zahllosen Expropriationen und sonstigen Exzesses der ״echt-russischen“ Leute geworden, die hier unter der wohlwollenden Aegidc des Generals Kaulbars das Rcgiment führen. Herr Kaulbars erklärt o*icn. dass seine Sympathien auf seiten des Verbandes der ccht-russischcn Leute sind. Diese Sympathien betätigt er auch ganz eifrig. Die Folget! treten klar zu Tage. Vor etwa lb Monate!» stieg die Frechheit der ״echt-russischcn“ VerbandsmitgÜcder so sehr, dass die hiesigen ausländischen Konsuln sich veranlasst sahen, ihre Regierungen um Schutz ihrer Landesangehörigen zu ersuchen. Das Ministerium des Innern erteilte damals dem General Kaulbars wertvolle Anweisungen bezüglich der Notwendigkeit. ״die Ordnung in energischer Weise aufrecht zu erhalten“. Ein Monat ist verstrichen. Aber die ״Echti-Russischeu“ spaz.iercn noch immer mit Revolvern umher und schiessen unbestraft die Passanten auf den Strassen nieder. Und Herr Kaulbars? Ja. das Ministerium schrieb ihm nochmals. er möge die durchgreifendsten Massregeln treuen, um weiteren Ruhestörungen vorzubeugen. Aber Herr Kaulbars lässt die gutmütigen Belehrungen des Ministeriums ganz ausser acht und gewährt seinen Lieblingen volle Freiheit und Straflosigkeit. und das Ministerium beschränkt sieh auf kleine Malt-!׳ungeu. als ob es sich um ciu Kinderspiel und nicht um Menschenbiit handelte. — Das ist also die strenge Gesetzmässigkeit. die Herr Stolypi» der Volksvertretung versprochen hat? Petersburg. Der Minister des Innern ordnete an. alle in Bildung begriffenen Organisationen des Jüdischen Selbst- Schutzes an Orten, wo zu Ostern Pogroms erwartet werden, aulzulöscn und ihre Tätigkeit zur verhindern Er verbot der Redaktion des offiziellen Cbarkower Regicrungsan/.eigers in dem!!ich offiziellen Teil zu Pogroms auireizende Artikel zu veröffentlichen. Ein Rundschreiben des russischen Ministerpräsidenten Stolypiu au die Generalgouverneure und Kreischefs ü! der den Juden zur Ansiedelung e'mgerüumten Zone hat folgenden Wortlaut: ״Ich erhalte Meldungen, dass für Ostern!*og'romc organisiert würden; ich bin fest überzeugt, dass die Lokalbehörden alle Massregeln ergreifen, um jede Art von Gewalttätigkeit zu verhindern, und ordne an. dass zur Beruhigung der Bevölkerung öffentlich bekannt gegeben wird, dass Jeder Versuch einer Ruhestörung sofort durch polizeiliche und militärisehe Gewalt unterdrückt werden wird. Ich gestatte in der gegenwärtigen Zelt nicht auch ,nur den Gedanken an Schw'äche