Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ho. 17 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 171 ich!an die Vorsteher und Repräsentanten ein Memo, randum, in dem ich nun in einer prinzipiellen Erörternng meinen jüdischen Standpunkt niederlegtc, von dem aus ich den Anschauungen des Direktors entgegengetreten war. Diesem Memorandum sollte dann noch eine Darstellung des Gespräches selbst im Anschluss an die Niederschrift des Direktors folgen, deren Wortlaut zu erhalten ich immer noch hoffte, wie ich es in der Einleitung des Memorandums aussprach. Ich habe sie aber bis heute nicht erhalten. Es war in!‘euer am 22. Februar auf meinen Antrag erfolgten nochmaligen Unterredung mit dem Vorstande, als sie mir zum zweiten und letzten Male vorgelesen wurde. So wie ich sic damals auswendig gelernt habe, habe ich sic oben mitgeteilt. In dieser Unterredung suchte ich die anwesenden Herren des Vorstandes nochmals aufzuklären, wie mir damals schien, nicht ohne Erfolg. Am 28. Februar tagte die gemischte Kommission. Durch Herrn Lilienthal wurde mir offiziell mitgeteilt, dass sie meine definitive Suspension beschlossen habe. Dann licss man mich nicht weniger als sechs Wochen warten. Noch immer hoffte ich. dass die Repräsentanz mich hören würde, und war sicher, dass in einem Falle wie diesem niemand ein Urteil fällen würde,ohne mich gehört zu haben. Schliesslieft wurde ich trotzdem verurteilt. Fast einstimmig. Uebcrhaupt nicht gehört haben mich in dieser Sache die Halite der Vorsteher und über die Hälfte der Repräsentanten. Diejenigen, die mich• gehört haben, haben mich zum grössten Teile nur höchst unvollkommen gehört. Ich musste sie meistens privatim aufsuchen. Endlich am 15. April 1907 erhielt ich nach mehriacher Mahnung den Bescheid, dass durch Gemeindebeschluss vom 21. und 29. März bestimmt worden ist, dass ich künftighin weder als Prediger noch als Religionslehrcr iungieren soll. Das Gehalt würde mir während der Dauer meines Vertrages in der bisherigen W'cise weiterhin ausgezahlt werden. niedergebeugt, führte der Rabbi den unglücklichen Zodek, der sich kaum bewegen konnte, und versuchte ihn zu beruhigen, zu trösten. ״Verzage nicht, mein Sohn. Vielleicht ist alles zum Guten. Einst war der berühmte Rabbi Akiba unterwegs. Er hatte bei sich einen Esel, auf dem er ritt, einen Hahn, der ihm als Uhr diente, und ein Licht, das er in der Nacht anziindete. Gegen Abend langte er in einer Siedlung an, wo er übernachten wollte. Allein man verweigerte ihm das erbetene Nachtquartier und jagte ihn von dannen. ״Am Ende ist es gar zum Outen!״ sprach er zu sich und ging in einen nahegelegenen Wald, um dort die Nacht zu verbringen. Er zündete sein Licht an, aber der Wind blies es aus. — ״Wahrschcinlich ist es zum Guten!“ dachte Rabbi Akiba wieder. Nach einiger Zeit sprang eine wilde Katze von einem Baume und frass seinen Hahn. — ..Sicherlich zum Guten." dachte Rabbi Akiba wiederum. Und als gleich darauf ein wütender Löwe über den Esel herfiel und ihn zerriss, sagte Rabbi Ben Akiba mit Bestimmtheit: ״Unbedingt ist auch das zum Guten." Er bestieg eilten hohen Baum und schlief dort ruhig während der Nacht. Und was geschah? Rabbi Akiba hatte recht. Denn in die Siedlung, wo man ihm das Nachtquartier verweigert hatte, drang in derselben Nacht ein« Räub'erbande ein und ermordete alle Bewohner. Hätten nun die Mörder den Schein seines Lichtes gesehen, das Ich bin am Schluss meiner Darstellung. Ich glaube sie so objektiv gegeben zu haben, wie es einem Manne, der aus seinem Amte und anscheinend sogar aus seinem Beruf geschleudert ist, nur möglich sein kann. Ich will hier niciit von dem namenlosen Unrecht reden, das mir persönlich widerfahren ist: Dass man mich mit dem fertigen Urteil ln der Tasche gehört hat: dass man nach meiner Suspension nichts Schleunigeres zu tun hatte, als den Herrn Direktor davon zu benachrichtigen, obgleich ihn die Sache garnichts anging. da ja nicht er cs war, der der Gemeinde Mitteilung gemacht hatte; dass mau mir das wichtigste Mittel meiner Verteidigung, die Niederschrift des Direktors verweigert hat, dass mich die Repräsentanz verurteilt hat. ohne mich zu vernehmen; und schliesslich, dass man diese Sache, die in einer Nacht hätte verhandelt werden müssen, da es sich nicht nur um die materielle Existenz, sondern um Ehre und guten Ruf eines Mannes handelte, drei Monate h i n g e z e r r t hat. Dies alles mag heute hingelten, weil cs mich persönlich betrifft. Für •mich hat dieses Geschichte aber einen Kern, der tiefer liegt: Ich bin hier gemassregclt worden, um meiner Gesinnung willen. Und es ist eine Gesinnung, die ich noch heute aufrecht erhalte. Und ich verlange, dass sich die Cktfe.Hlichkcit mit dieser Gesinnung beschäftige. Ja, sie muss und sie wird sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Rabbiner Ansichten äussern darf, wie ich sie geänssert habe, oder ob er sich damit ״der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens unwürdig zeigt, welche sein Amt erfordert.“ Und sie wird ihr Urteil fällen müssen, ob es wirklich w a h r i s t, dass man mit s o I c h e n Anschauungen das Judentum und die Rechte seiner Bekenner gefährde. * * * Rabbiner Dr. Cohn hat in seiner Broschüre sich jedes aggeressiven Wortes, jeder persönlichen Schärfe enthalten. Und er hat weise daran getan. Aber scharf hat er in den wenigen Sätzen, die er als Rcstinice des Ganzen folgen lässt, das Unrecht beleuchtet, das ihm widerfahren ist durch die Art des Verfahrens gegen ihn, Krähen des Hahnes oder das la. la seines Esels gehört, — sie würden Rabbi Akiba entdeckt und auch ihn ermordet haben. Wer weiss. mein Sohn, vielleicht wäre auch deine Familie von Mördern überfallen und abgeschlachtet worden, hätte dich Woickowski nicht du reit göttliche Gnade aus der Schenke gejagt.** ״Mein Gott, mein Gott." rief Zodek händeringend, der keine Silbe von der Erzäh!!:i!g des Rabbi gehört zu haben schien, ״wer rettet mich?" ..Gott. . . Habe nur Geduld und murre nicht gegen seinen heiligen Willen. Der eine Geier — der Rote — ist über dich hcrgefallen. da erschien ein anderer — der Graue — und verscheuchte ihn. Gott hat nun einen dritten über dich geschickt . . . von ihm kann nur er allein dich *erretten. Bete und vertraue.“ (Fortsetzung folgt.)