Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651517--04616-2661597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 17t JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 17 durch Rundschreiben an die Synagogen- Vorsteher publik. III. Die Mitteilung an den Gemeindevorstand. Wie ist die Angelegenheit überhaupt in die Hände des Gemeindevorstands gelangt? Das erfuhr ich schon am nächsten Tage, dem 1. Februar, von dem Direktor selbst. Man denke sich mein Erstaunen, als er mir bei meinem Eintreten mitteilte, dass er bereits seitens der Gemeinde die Nachricht von meiner Amtsentsetzung erhalten habe: Man hatte also aus Furcht vor dem Gymnasialdirektor und allein um ihn £11 beruhigen, einfach mich geopfert. Nun erzählte mir der Herr Direktor, wie sich die Sache entwickelt habe. Er habe schlaflose Nächte gehabt. Ich hätte seine Hoffnungen, dass die Juden aufgehen würden, gänzlich zerstört. Da habe er sich einen jüdischen Oberlehrer seines Gymnasiums geholt und diesen gefragt, ob er auch solche Anschauungen hätte wie ich. Der aber hätte das mit entrüsteten Worten abgelehnt. Darauf nahm der betreffende Oberlehrer die Niederschrift des Direktors, und durch ihn gelaugte sie in die Hände dreier anderer jüdischer Oberlehrer, welche nun ihrerseits, mit welchem Rechte und ob mit Ermächtigung des Direktors, weiss ich nicht, die Nieder- Schrift dem (iemeindevorstand eiureichten und .,Rentedur“ verlangten. IV. Die Gerüchte. Gleichzeitig verbreitete man von mir feindlich gesinntcr Seite das Gerücht, ich hätte zu dem Direktor gesagt: Jeder jüdische Oberlehrer, der sich als Deutscher fühle, sei ein Heuchler. Ich erkläre hiermit dieses Gerücht sowohl dem Wortlaut als dem Sinne nach für Ire! erfunden, von wem immer cs ausgehen mag. Hätte ich in der Tat etwas derartiges gesagt, dann wäre allerdings die Anzeige der Lehrer nur Notwehr gewesen, und kaum der Schein einer unschönen Handlung blieb an ihr haften. Was mich aber mehr empörte als dieses Gerücht, war die allmählich ans Tageslicht kommende Tatsache, dass es bald in bezug auf das von mir unterschriebene Protokoll allenthalben in Repräsentantenkreisen unwidersprochen hiess: Ich hätte zugegeben, das gesagt zu haben, was in der Niederschrift des Direktors stand. Niemals habe ich das zugegeben. Zugegeben habe ich vielmehr, dass dies ein falsch betonter, aller Begründungen ermangelnder Auszug aus einem dreieinhalbstüudigen Privatgespräch sei. Das ist alles. Die Herren Jacoby und Lilienthal kannten aber die Begründüngen, so wie ich sie oben gegeben habe. Haben die Repräsentanten von diesen Begründungen keine Kunde erhalten? Oder haben sie diese Begründungen für so gänzlich belanglos gehalten? V. Weiterer Verlauf. Am 10. Februar fand die erste Repräsentanten- Sitzung statt. In ihr wurde die Angelegenheit einer aus Vorstehern und Repräsentanten gemischten Kommission überwiesen. Ich selbst aber angesichts der allgemeinen Unkennt-* nis dessen, was in dem Gespräche zwischen dem Direktor und mir gesprochen worden ist, gleichzeitig erbittert über die unwahren Gerüchte und die falsche Auslegung meiner in arglosem Glauben gegebenen Unterschrift, schrieb am 13.' Februar an den Vorstand der Gemeinde einen Brief, in dem ich meine Unterschrift annullierte, um dadurch ein für alle Male die falschen Kommentare des Protokolls unmöglich zu machen und die ganze Angelegenheit in ein anderes Fahrwasser zu leiten, ein gerechteres, indem ich hoffte, dass man mich nun endlich seitens der Repräsentanz persönlich hören w ü r d e. Gleichzeitig stellte ich den Antrag atu* A u s 1 i c f e ־ rting der Niederschrift des Di r e k 10 r s. Es lag mir daran, sie Satz für Satz schriftlich zu erläutern und damit Klarheit über den Gang des Gespräches zu schaffen, uni alle freien Auslegungen kiinftighin zu unterbinden. Ich erhielt keine Antwort auf den Brief. Am 19. Februar schrieb ich noch ei nrtiaI. Die Niederschrift wurde mir verweigert. Am 22. Februar bat ich noch einmal mündlich dar ti m. Sie wurde mir abermals verweigert. Am 25. sandte bald jener Esc! die Arrende abiehut. dieser Hund hier in der Schenke bleiben werde — da scheint ihr Pan Woickowski schlecht zu kennen! — Ich könnte euch jezt mit der Peitsche durchbläuen und nach Hause jagen . . . Doch nein, ich brauche euch . . . Schaut, wie ich verfahre .... He, Haiducken, die Arrende von dem Judengesindel säubern!“ ... Wie ein Rudel dresserter Bluthunde, vom Henker des Plantagenbesitzers auf einen flüchtenden Neger gehetzt, stürzten sich die Haiduclicn in die Schenke. Im Nu waren Türen lind Fenster aufgerissen, war das elende Gerümpel dies Schenkers auf die Strasse geworfen. Das ärmliche Geschirr fiel krachend, in tausend Stücke zerschmettert, auf den Boden: die b'eschmierten Kissen platzten im Fluge auseinander und bedeckten mit ihren Federn die Haiducken, die Juden und selbst den Pan Woickowski, der angesichts dieser Zerstörung aus vollem Halse lachte. Das Klirren und Poltern, das Krachen und Brechen, die gemeinen Glossen der Haiduckcn wie das schrille Gelächter des verworfenen Verwalters wurden durch das Gejammer und Gestöhn der ruinierten Familie übertönt. Die Juden liefen von einer Tür zur anderen, von einem Fenster zum anderen, um die Sachen des Schenkers im Fluge aufzufangen. Einer von ihnen eilte in das Stadtchen. um eine Fuhre zu holen. Nach den Sachen flogen aus den Fenstern die kleinen Kinder Zodeks in die Arme der Juden. — ״Hepp-hepp!“ johlte einer der in der Schenke tobenden Haiduckcn und nach jedem Hepp-hcpp flog ein Kind zum Fenster hinaus . . . ״Seht, Reb Chain!,“ sagte der Rabbiner, der an einem Fenster stand und mit staunenswerter Geschicklichkeit die Kinder auffing, ״seht, das ist derselbe Bauer, den die Juden heute früh auf dem Marktplatze geneckt —־ das ist der reissende Wolf. So. jetzt rächt er sich. Und an wem? An unschuldigen Kindern. So ist es immer . . . .“ Keine halbe Stunde war verstrichen und die Arrende war von dem ״Judcngesindel gesäubert“. Und als das Zerstörungswerk vollendet war. sprang Woickowski auf sein Pferd, und jagte von dannen. Die Haiducken rollten das letzte Fass Branntwein auf die Strasse und besoffen sich alle zusammen an dem Gute, das sic dem unglücklichen, ausgeraubten Schenker gestöhlen. ״Karpo!“ sagte ein Haiducke zum anderen, wie wird es jetzt werden? Das heisst ia wohl: keine Schenke, kein Branntwein!“ ״Wenn nur ein Trog da ist. Schweine werdsn sich schon finden.“ Inzwischen trafen mehrere Juden mit Wagen ein. Die Habseligkeiten Zodeks waren schnell aufgeladen; man band dU Ziegen an, nahm die Kinder an die Hand und setzte sich in Bewegung. Selbst ermattet und