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Jüdische Rundschau · 1907-04-26 · Heft 17 (26.4.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 17 Seite 169 JÜDISCHE RUNDSCHAU tung deutschnationalcr Gesinnung aber sei Sache des Geschichtslehrers. Das sind in ganz kurzen Umrissen die Grundzüge des mehr als dreistündigen Gespräches. Es war privat, wie der Herr Direktor später in gewissen Grcnzen selbst zugegeben hat. und verlief in den freundschädlichsten Formen. * II. Die vorläufige Suspension. Am 31. Januar werde ich zur Rücksprache auf das Ge! eindebui'eau• gerufen. Ich gehe ahnungslos hin. Ich finde den Vorsteher, Herrn Julius Jacoby und den Syndikus Lilienthal vor. Man verlangt erregt, ich solle mich über das Gespräch mit dem Direktor äussern. Ich weigere mich, da es privat gewesen sei. Man legt mir eine Niederschrift des Direktors vor. die er nach meinem Fortgange in sein Amtsjournal eingetragen haben soll. Das Gespräch sei also doch offiziell gewesen. Diese Niederschrift ist mir trotz mehrfacher Anträge nicht übergeben worden. So muss ich sie aus dem Gedächtnis zitieren. In den Hauptpunkten ist das Zitat sicher wörtlich: ״Herr Dr. Cohn führt aus: Seiner Ueberzeugung nach müsse jeder Jude sich zunächst als Mitglied des auserwählten Volkes .Gottes fühlen, von dem er noch grosse Leistungen für die Zukunft erwartet. Als solcher muss er mit seinem armen russischen Bruder mehr Mitgefühl haben als mit einem deutschen Christen, und eine vollständige Assimilation verweifen. Wer anders denkt, lügt bewusst oder unbewusst. Herr Dr. Cohn hält eine vollständige Assimilation geradezu für unmöglich. Er sieht im Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage. Er kann den Antisemitismus als natürliche Reaktion versteherf.“ Als mir diese zehn Zeilen. vorgelegt waren, fühlte ich mich verpflichtet, mich dennoch zu äussern. Mein erstes Wort war: ״Dieses habe ich gesagt und doch nicht gesagt“. Ich habe es gesagt, insofern ich die Gedanken wiedererkenne, an die sich die Sätze des Direktors geknüpft haben und die zu verleugnen, ich keinen Grund habe. Ich habe es aber weder in dieser Form, noch in .dieser Krassheit gesagt. Das Wort von der Lüge der Andersmeinenden ist nie über meinen Mund gekommen. Manches, was ich betonte, ist in der Nieder- Schrift unbetont geblieben und umgekehrt. Diese zehn Zeilen sind ein willkürlicher Auszug aus einem mehr a's dreistündigen intensiven Gespräch. Alle Zwischen• glieder, sämtliche Begründungen fehlem Den Herren Jacoby und Lilienthal gab ich darauf Satz für Satz die Begründungen so wie sie oben aus meinem kurz wiedergegebenen Gespräch mit meinem ehemaligen Lehrer wohl hinreichend ersichtlich sind. Sie versicherten mir darauf, dass sie meinen guten Glauben nicht anzweifelten, sonst aber machten sie mir keine Komplimente. Herr Lilientiial sagte: ״Sie sind ein Fanatiker, der sich In verrückten Ideen verrannt hat.“ Herr Jacoby sagte: ״Sie sind bei uns In Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten!“ Dann wurde mir mit einem Male mitgeteiit, dass der Vorstand bereits beschlossen habe, mich bis auf, j weiteres vom Amte zu suspensieren. Bereits, d. h. ehe man mich gehört hatte. I Schliesslich wurde mir eia Protokoll vorgelegt, das j ich sofort unter dem Eindruck der schweren Nachricht unterschreiben sollte. Dieses Protokoll wurde von Syn-; dikus Lilienthal aufgesetzt.. Es stand darin, dass ich das Gespräch mit meinem Lehrer für privat halte, dass die Niederschrift des Direktors ein inkorrekter Auszug aus ז diesem dreieinhaibstündigen Privatgespräch sei, und , dass darin meine Gedanken ialsch betont seien. j Ich habe unterschrieben. Damit war mein Schick- : sal besiegelt. Ich war zu anständig, meine Gesinnung j zu verleugnen. Ich unterschrieb im Vertrauen darauf,; dass die Herren Jacoby und L i I i e nt h a 1 die Sätze i des Dr. P. nicht in ihrer nackten, verletzenden Krassj heit, sondern mit dem von mir mündlich hinzugefügten t ausführlichen Kommentar weitergeben würden. Hätte ich im Entferntesten bedacht, was ma־• aus dieser j Unterschrift herauslesen könnte, wenn man wollte, ן wie man es ia auch herausgelesen hat. Ich hätte sie nie j gegeben. י Der Vorstand ijbergab die Angelegenheit nunmehr i der Repräsentanz mit dem Antrag auf sofortige Entlassung. Gleichzeitig machte er sie Haiducken und näherte sich bedächtig der kleinen jüdischen Gruppe. ״Rabbi,“ flüsterte der etwas ängstlich gewordene Chaim. ״Er wird uns mit seiner Reitpeitsche zerfleischen — Ihr werdets sehen!" ..Was ist zu tun? Man kann doch den Unglückliehen Zodek unmöglich ailein lassen.“ Zodek war nicht lebend, nicht tot. und zitterte am ganzen Leibe, wie im Fieber. Plötzlich ermannte er sich, lief Woickowski entgegen und wart sich ihm zu Füssen. ״Fort, du räudiger Hund!“ brüllte der schlossherrliehe Verwalter, schleuderte den Unglücklichen mit einem Fusstritte von sich und ging zu den Juden. Woickowski war ein Mensch von untersetzter, breiter und stämmiger Statur, mit einem Schnurrbart, der bis an die Brust reichte, mit kleinen, grimmig drein- .schauenden Aeuglcin, einer niederen, flachen Stirn und einem stark entwickelten Nacken. Eine graue Ungarnieppe umfasste seine gewölbte Brust. Schmale Lederhosen und grobe Juchtstiefel mit riesigen Stahlsporen vervollständigten sein Kostüm. Auf seinem Kopfe sass, keck nach der Seite gerichtet, ein viereckiges ledernes Mützehon rnit einer Pfauenfeder, und in der muskulösen .Hand presste er seine schwere Reitpeitsche .-־ Dieser ganze Kerl hätte mit seinen harten, hochmütig befehlenden Gesten und seinem durchdringenden Blicke als das beste Prototyp für jene Kategorie Sklavenaufscher dienen können, die sich später in den amerikanisehen Südstaaten so sehr breit machten. ״Was wollt ihr hier?“ fuhr Woickowski den Rabbiner grob an. ״Der Schenker Zodek wollte sich in der Nacht erhängen. Seine Frau schlug im Städtchen Lärm und wir haben ihn hier während der Nacht bewacht. Aber auch jetzt können wir ihn nicht allein lassen. Sie sehen es ja, in welch* * trauriger Verfassung sich der Unglückliche befindet,“ sagte der Rabbiner und verneigte sich vor dem Verwalter. ״Ein grosser Verlust! Hätte er sich doch erhängt! Da wäre ein Taugenichts weniger auf Erden. Es würde gar nichts schaden, wenn man euch alle aufknüpfte.“ Die Juden schwiegen. ״Pan Rabbi, warst du es. der meinen neuen Arrendutor scheu gemacht?“ frug Woickowski. den Greis von oben bis unten rnit forschendem Blicke betrachtend. ״Ich habe nur das getan, was meine Pflicht erheischt,“ erwiderte der Rabbi. ״Ich habe ihm gesagt, dass Zodek das Recht der Chasaka für sich habe. Er konnte trotzdem tun und lassen, was und wie er wollte.“ ״Du hast ihn mit eurem dummen Cherem gedroht.“ ..Nein, das ist nicht der Fall.“ ״Ihr seid alle .... Juden! Ihr glaubtet, dass, so-

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