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Jüdische Rundschau · 1907-04-26 · Heft 17 (26.4.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 168 ׳JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 17 rieht schicke, und sei stolz, dass derer auch an seiner Schule nicht wenige seien. Das war der Standpunkt des Herrn Direktors. Als ich ihn vernahm, geriet ich in die tiefste Verwunderung. Ich begriff nicht, wie ein liberaler Direktor zu solchen Ideen kommen konnte, und noch viel weniger, wie er die gleichen Ideen bei einem Rabbiner voraussetzen konnte. Ich habe es in diesem Augenblicke nicht über mich gewinnen können, seinen Ausführungen nicht entgegenzutreten. Ich ahnte nicht, was für Folgen dies haben würde. . So sagte ich dein Direktor rund heraus, dass es durchaus nicht meine und ebenso wenig meiner jiidisehen Brüder Ansicht sei, dass wir aufgehen müssten; ich für meinen Teil müsste die Mischehe abs 01 u t verwerfen, auch an den jüdischen Kindern im christlichen Religionsunterricht könnte ich keinen Gefallen finden, ebenso wenig an der Taufe ohne innere Ueberzcugung. Wir Juden wollen aber nicht nur, wir können auch garnicht aufgehen. Schon wegen unserer Religion nicht. Denn sie ist untrennbar mit unserem Stammest!״״ verknüpft. Ich wies ihm das an der Hand des Auserwählungsgedankens historisch nach, kam auch 1111 Anschluss daran auf meineti Zionismus zu sprechen, der für mich eine Folge meiner Wert- Schätzung des jüdischen Stammestunis ist. dem ich noch eine grosse Zukunft zuschreibe. Ich erklärte ihm übrigens ausdrücklich,• dass ich mit meinem Zionismus gegenüber dem antizionistischen Gros der deutschen Juden speziell der Berliner Gemeinde einen schweren Stand hätte. Aber auch bei den Juden, die dem S t a m mestu m keinen Wert beimessen, sei es tatsächlich lebendig. Es gäbe keinen Antisemitismus, wenn es anders wäre. Man hasst uns nicht, weil wir schlechter, sondern weil wir anders, d. h. s t a m m 1 i c h erkennbar sind. Ich kann so die Abneigung gegen uns an sich als eine gewisse Reaktion wohl begreifen, wenn ich auch den Antisemitismus selbst aufs heftigste bekämpfe und in seinen verschie- .denen Formen als unmoralisch verwerfen muss. Diese Abneigung wird bestehen, solange wir Juden nicht unser Stammcstuin auflüsen. Wir dächten fürs erste nicht daran, wie die Verwerfung der Mischehe selbst in den Kreisen, die garnichts vom Stammestum halten, beweise. Der Stainmcsinstinkt sei sehr stark. Das zeige auch die innige Liebe, die uns an unsere östlichen Stammesbrüder knüpft, obwohl sie geistig und kulturell himmelweit von uns verschieden sind. Ja. die armen russischen Juden müssten meinem Herzen ictzt näher stehen als die Christen meines deutschen Vaterlandes, weil ausser uns Juden niemand da sei. der sich dieser Unglücklichen erbarme. Kein Christ habe sich ihrer bei den letzten Verfolgungen angenommen. Zwar gäbe es Juden, die jenes Stanimcsgefiilil leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen, oder suchen in וו n b c g r ü n d e t e r Furcht die Sachlage zu vertuschen. Der Direktor schien entsetzt über diese Anschauiingen: ״Ich habe einen jüdischen Oberlehrer, ich kann ihm ja danach nicht mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muss ilr.i doch für einen Heuchler halten?‘' ״Keineswegs,“ antwortete Ich. ״Ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles. Ich kann und will Schiller und Goethe nicht in mir ausstrcichen. Trotzdem pflege; ich mein jüdisches Stainniestum. das mit einem guten deutschen Staatsbiirgertum sich wohl verträgt.“ Das wollte der Direktor nicht wahr haben. Er meinte, dass wir daun einen Staat im Staate bildeten. Ich erwiderte, dass ein gutes Staatsbiirgertum unabhängig von der Stammeszugehörigkeit sei. Er lehnte auch dies ab. Schule und Erziehung erforderten die Pflege nur eines Stammestunis. des deutschen. Ich sei verpflichtet, die Kinder im Religionsunterricht zu deutsch nationalen M ä nner n zu erziehen. Ich antwortete, dass ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der Innigen Liebe und Treue zu Staat und Vaterland ans Herz legen würde. Das sei jüdisch es Gebot. Die spezielle Aufgabe der Verbrei- Spinnen und Fliegen I Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt.! (Fortsetzung.) ..Bist du verrückt oder was sonst?“ ״Nein, Pan. Ich bin ein ehrlicher Jude. Ich fürchte Gott. Wenn ich gewusst hätte, dass der derzeitige Pächter ein Familienvater mit elf kleinen Kindern ist — bei Gott, Herr, ich würde die Arrende nicht genommen haben, selbst wenn mir der Pan tausend Gulden noch dazu gegeben hätte. Man darf doch wahrhaftig seinen Bruder nicht abschlachtcn! Gott könnte an mir Rache nehmen und an meinen Kindern, an meinen Enkeln, an meinen Urenkeln, an meinen . . . .“ ..״Du verdammter Galgenstrick! Was willst du mir Vorreden? Du hast mir ja ein volles Jahr In den Ohren gelegen: Zodek ist dies, Zodek ist das. Zodck ist reich, Zodek ist ein Dieb, und jetzt hat dich mit einem Male das Mitleid ergriffen! Hier ist etwas nicht in Ordnung! Heraus mit der Wahrheit oder . . . Woickowski liess vielsagend seine Reitpeitsche durch die Luft sausen. ״Bitte. Ich habe dem Herrn 150 Gulden Angeld gejgeben . . .,Du lügst... . Nur hundert.“ 2־ j ״Nu, meinetwegen nur hundert. Ich will dein Herrn meine blutigen schönen Ouldenchen überlassen — ich! Aber meine Seele will ich nicht beschmutzen. 'Jein. das darf ich nicht. Mein Bruder, der berühmte ^abbner von Pos'efi. und mein Vater . . . .“ . ״Scher' dich zum Teufel mit deinen Vätern, Jriidern und Schwestern. Aber gestehe, Galgenstrick, ,vas hier vorgefallen; sonst lasse ich dir eine Tracht (nuten verabfolgen, dass du ein Wunderkcrl sein nässtest, wenn du sie zählen könntest. Heraus mit der spräche oder ich haue zu." .,Ich werde dem Herr״ die volle Wahrheit sagen, so valir mir Gott helfe! Ich habe es wahrhaftig bis jetzt licht gewusst, dass Zodek schon über drei Jahre in ler Arrende sitzt; er hat also auf die Chasaka Anspruch. Wir hat erst der Zwantzer Rabbiner die Augen gejffnet. Er sagt: ich werde dich in Cheretn tun, nu, und las will Ich nicht. Bitte. Küss’.“ Woickowski stiess vor Wut die Sporen in die tVeicliteile seines Pferdes, dass cs sich auf die Hintereeiue stellte und dann mit dem Reiter nach der anderen Richtung durchging; und während der gewandte Reiter mit dem scheu gewordenen Pferde hantierte und es zu beruhigen suchte, hieb der Rote auf seine Pferde ein und machte sich aus dem Staube. Und bald waren auch seine Wagen hinter dem ״Pinte-Wald“ den Blicken der an der Schenke stehenden Juden entschwunden. Nachdem־ das Pferd sich beruhigt hatte, sprang Woickow׳ski sur Erde, übergab das schaumbedeckte Tier einem

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