Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nun haben wir Klarheit: Rabbiner Dr. Cohn ist . seines Amtes als Prediger der hiesigen Gemeinde .enthoben worden. Die mysteriösen Gerüchte, die so lange nicht nur die jüdische Gemeinde Berlins sondern weiteste jüdische Kreise in tiefe Unruhe und Erregung versetzt haben, dringen jetzt zum Lichte der Oefientlichkcit durch und werden Freund und Feind zu lautem Reden bringen. Denn diese Gerüchte, die während der drei Monate langen, jetzt definitiv gewordenen Amtsenthebung in alle jüdischen Häuser krochen, leise und verstohlen, waren so horrende, so unglaublich und kompromittierend, dass sie das Licht des Tages scheuten. Betrübt und köpfschüttelnd wagten selbst seine Freunde und die nicht geringe Anzahl derer in der Gemeinde, deren Liebe sich Rabbiner Cohn in seiner sc kurzen Amtszeit durch den et schotternden Ernst, durch die Tiefe und den Reichtum seiner Gedankenwelt und durch die glänzende Rhetorik erworben hatte, von ihm nur als von einem Abgeta.ien, als von einem Toten zu sprechen. Dazu hat nicht wenig beigetragen, dass Dr.Cohn geflissentlich gemieden hat, diesen gctuschcltcn und versteckten Gerüchten ein Ende zu machen und über die Dinge, die passiert waren, Aufklärung zu geben. Hatte er denn so grosses Interesse am Schweigen? Glaubte er eine Anstandspflicht durch sein Schweigen zu erfüllen? War er dazu verpflichtet? Erst jetzt hat Dr. Cohn die Ocffeiitiiclikeit gesucht, und sie wird sich mit seiner Sache beschäftigen. Soeben kommt in unsere Hände die Broschüre, iu der er die Geschichte seiner Amtsenthebung erzählt, und was sie enthüllt, ist, wenn Dr. Cohn nicht ein Erzlügner ist, ein Skandal, so schreiend, wie ihm die Annalen der jüdischen Gemeindegeschichtc nicht so leicht aufzuweisen haben. Um ein Bild von der ganzen Frage zu geben, drucken w׳ir hier an dieser Stelle die ganze Broschüre in extenso ab. Sie wird unsern Lesern durch ihre ruhige und sachliehe Darstellung das beste Bild von der Sachlage geben: Die Geschichte meiner Suspension ’ Dies ist die Geschichte meiner Suspension vom; Amte des Predigers und Rcligionslehrers der jüdischen Gemeinde. zu Berlin., Von denjenigen gezwungen, die mich verurteilt haben, übergebe ich sie der Oeffentlichkeit. Berlin, den 20. April 1907. Emil Cohn. I. Ursache und Grund meiner Suspension. Am 7. Januar 1907 hatte ich mit meinem langjahrigen Lehrer, dem jetzigen Direktor eines städtischen Gymnasiums zu Charlottenburg, ein dreieinhalbstfmdiges Gespräch über meine Anschauungen von Judentum und Judenfrage. Ich war in seiner Sprechzeit zu ihm gegangen, um mit ihm meine cv. Anstellung^ als jüdischer Rcligionsiehrer an seiner Schule zu erwägen. Im Anschluss daran erfolgte mein Gespräch. Es ist die Ursache und der Grund meiner Amtssuspension geworden. Ich führe es dem Leser in kurzen Umrissen vor. Es begann nach einer herzlichen Begrüssung mit zwei Erklärungen des betreffenden Direktors: Er sagte zunächst, dass er keine Verfügung über die Stelle habe, sondern dass dies die Sache des Charlottenburger Magistrates sei. Sodann dass der Magistrat den Unterrieht an den drei städtischen Gymnasien nur auf einmal a b g e b e. Damit war für mich die Frage meiner Bewerbung in negativem Sinne erledigt: Ein Berliner Rabbiner kann nicht, abgesehen von seiner Tätigkeit, noch 18 Stunden wöchentlichen Unterricht erteilen. Trotzdem entwickelte sich im Anschluss eine Im freundschaftlichsten Jone verlaufende Unterhaltung, die damit begann, dass mein ehemaliger Lehrer mich nach meinem jüdischen Standpunkt fragte. Ais ich mich anfangs abwartend verhielt, entwickelte er mir zunächst seine eigenen Anschauungen. Ich teile sie mit. Weil sie von der wesentlichsten Bedeutung für den ganzen Verlauf des Gespräches geworden sind: — Der Herr nennt sich einen P h i 10 s e m i t e n. Er steht auf den Stand- Punkt Bismarcks: Ein arischer Hengst ,und eine semitische Stute ergeben eine gute Mischung. Er ersehnt das völlige Aufgehen der Juden im Deutschtum. Er ist für die Mischehe, kann auch in der Taufe nichts Ehrenrühriges sehen, selbst w e n n sie nicht aus Ueberzeugung erfolgt. Er fragte mich, ob ich nicht auch ein solches Aufgehen ersehne. Er jedenfalls freue sich über jeden jüdischen Vater, der seine Kinder in den c h r i s 11 i c h e n Religionstmtery•,»־▼■ זר