Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651516--04595-2661575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 16€ JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 16 wandert?. uach Rumänien aus dem Fogromenzentrum! Russlands über. Natürlich hätte diese Agitation nicht so grosse und rasche I Kr folge gehabt, wenn die allgemeinen ökonomischen Zustände! in Rumänien, die denen in Russland so sehr ähnlich sind, nicht 1 einen giinstigtn Boden iür solche Ausschreitungen lieferten. , Und auch dieser für beide Länder gemeinsame sozial-kulturelle Boden, auf dem der Samen solcher Bewegungen emporkeimt und üppige Blüten zeitigt, weist viel mehr AchnÜehkcit zwisehen Russland und dem ehemaligen türkischen Fürstentum auf. als cs tiir unser nationales Selbstgefühl gerade erwünscht und schmeichelhaft wäre. Landbürtige einheimische Fremde. Das BLK-ARESTER TAGEBLATT schreibt: ״Die Verurteilung Cocin Avramescu. Vor der 3. Sektion des Bukarestcr Appellhofes kam der Prozess gegen Cociu Avramescu zur Verhandlung, der. wie bekannt, trotz seiner Ausweisung ins Land zurückgekehrt ist und vom Tribunale ireigcsprochcn wurde, weil er als e i n g c b urener Jude, d c r ke i n c m f r e in d e n S t a a t s v c r I) a n d e a!1 g c 11 ö r t und a u c h der Militärpflicht in R u u m ä n i e n genügt hat. den Bestimmungen des Ausweisungsgesetzes nicht unterworfen werden könne. Der Staatsanwalt hatte gegen diesen Freispruch Berufung erhoben, und der Appollehoi schloss sich seiner Anschauung an und verurteilte den Avramescu wegen Übertretung des ״F r e m - d c n gesc t zes** zu 3 Monaten Gefängnis. - — Das freisinnige BUKARE5TER TAGEBLATT iiigt dieser Ijikonischcn Gcrichtsnotiz kein Wort hinzu. Ls hätte aber bemerken dürfen. dass angesichts der rieuesetn Sehand taten des rumänischen Volkes cs eine Pflicht der Garantie•!nächte des Berliner Vertrages sei. ejtzt einmal daran zu erinncrn. dass Rumänien völkerrechtlich gehalten sei. seine einheimischen Juden nicht unter F rc 111 d e 11 g e s e t z zu halten. Aber die Rumänen sind ein christlielieuropäischcs Kulturvolk und die Juden in Rumänien sind ja nur — Juden. Immerhin ist es recht bezeichnend für die Achtung, die Rumänien den Garanticmächtci gegenüber hegt, dass es niemals auch nur einen Schritt getan hat. die Bestimmungen des Berliner Vcrträges auszuiiihren. sondern heute mehr als je genau das Gegenteil forcie.i. Optimismus. Die NEUE FREIE PRESSE in Wien veröffentlicht ein lnterview mit Dr. Paul Nathan, der sich auf seiner Rückreise aus Rumänien vorübergehend in Wien aufhielt. Dr. Nathan beschrieb die Lage der Juden in Rumänien, die er gradeso wie diejenige der Bauern als eine verzweifelte bezcichnetc. indem er hinzufugte, dass die Einen wie die Andern von den Bojaren ausgebeutet werden. Alle Politiker sind da.on überzeugt, dass ohne radikale Reformen eine V crbssscrang de r Lage unniög!ich ist. Ob diese Überzeugung genügen werde, um wirklich eine Besserung herbeizuführen, könne er nicht sagen, doch habe er Vertrauen in den festen Willen des Königs Carol. der über die Lage ausgezeichnet informiert ist. Wenn der König, der die Lage ausgezeichnet kennt, wirk• lieh den festen Willen hat. eine Besserung der Zustände herbeizufiihren. so wird und muss er als der vor der Geschichte verantwortliche Leiter des rumänischen Staates ernste Schritte ergreifen zur Durchführung der Berliner VertsagsoeMimmuagen. Sobald er das getan haben wird, liegt Grund vor. Vertrauen in seinen festen Willen zu haben. Wir wünschen, dass׳ der Optimismus Recht behält. dann ruhig heimkehren. — Wäre zu Beginn der Aussehrcitungen gegen die jüdische Bevölkerung auch nur ein Schuss gefallen, so würde alles Unheil verhütet worden' sein. Aber es handelte sich ja bloss um Juden, und schliesslich musste man doch auch den hungernden, ausgesaugten Bauern einen Sünden• bock stellen. ..... Nur Belästigungen. DIE AGENCE ROUMAINE veröfientlicht nachfolgendes ihr aus London zugcgatigeties Telegramm: Das Blatt DAllLY MAIL sagt, dass der englische Schriftsteller Sidoey Wer it mar sich an den König von Rumänien gewendet ha. uni von ihm Erkundigungen über die Lage in Rumänien einzuziehen. Der Privatsekretär Sr. Majestät richtete an ihn einen langen Briet in welchem er ausfiihrt, dass der König durch die Haltung der Presse im allgemeinen und der W'iener Fresse in besonderen schmerzlich berührt war. welche den Umfang und die Natur der im Laude stattgefundeneu . Ruhe- Störungen ühe'trieben habe. Diese Ruhestörungen hatten keineswegs den antisemitischen Charakter, den mau ihnen zuschrieb. Beweis dafür, dass einigen Isiachten gegenüber, die belästigt wurden. Hunderte von getöteten Christen gegenüberstehen. Die Bewegung ist ihrem Wesen nach rein agrarischen Charakters. Der Schaden, unbedeutend, soweit er die Israeliten betrifft, war sehr gross fiir die christlichen Gutbcsitzer und Pächter. — Für wie naiv hält der Herr Privatsekretär die europäischen Leser? Der ״unbedeutende״ Schaden der ״Israeliten•־ beläuft sicli auf viele Millionen vernichteten Figcnunns und auf Zehntausende vernichteter Existenzen. Die ״einigen Israeliten'', ״die belästigt wurden“, sind in barbarischster Weise gefoltert und ermordet worden. Aber der Privatsekretär ist mit seinem Brief ein guter Patriot: denn er leitet damit die Möglichkeit ein. bei den Juden eü!e neue Anleihe iür das lu.;!*׳•rotte Pogromland zu bekommen Nun. so lange cs reiche Juden gibt, haben Russland und Rumänien keine Besorgnis wegen ihrer Anleihen zu liegen. Einige Belästigungen der Israeliten, im D i s t r i k t e D o r r; h o i drang ein Haufe von n.ciireren hundert Bauern in das Haus des jüdischen Pächters Stern ein Ein Bauer stach ihm die Heugabel durch die Wange, und da. in der höchsten Verzweiflung, feuerte sein alter Vater - ein Mann von SO Jahren — einen Rcvolverschuss ab und verwundete einen Bauern. Jetzt erst erschien Militär und kam auch der Staatsanwalt, der den alten Mann verhaften Hess. Derselbe schmachtet, trotz aller Berufungen, bereits die dritte Woche im Kerker. Im Dorfe Alexandria wurde dem jüdischen Pächter das Haus über dem Kopie angezfmdet. und als er zu entfliehen versuchte, wurde er in die Flammen geworfen. Ebenda wuiue uer Schächter der Gemeinde in der rohesten Welse verstümmelt. In Podul Hole gingen die Soldaten plündernden Bauern einher, und selbst ziere tiilltcn situ die Taschen mit dem Gute. Im •Flecken Cotnari wurde die einzige dort lebende jüdische Familie, bestehend aus Vater. Mutier und Tochter, entsetzlich misshandelt. Sie wurden alle nackt in! Dorie umhergetrieben. nachher wurden Frau und Tochter vor den A ug c n des M a tut e s geschändet und dieser daraut erschlagen. Viele solcher grausigen Fmiz.elhciten gibt es. Die >chandtaten sind einfach unbeschreiblich. vergnügt hinter den die U n t e ז o i f i - geraubten jüdischen Bojaren and Juden. Drakonisch sind jetzt die Massregcln. die von der Regierung jetzt getroffen werden. Täglich w erden unzäzhligc Bauen, niedergeschossen und ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Denn es gilt ja jetzt die Habe der herrschenden Bojarenkaste zu beschützen, cs handelt sich ja nicht mehr um das Lehen Tausender jüdischer Familien. Die Minister, selbst ausnahmslos Grossgrundbesitzer, wissen jetzt vorzügliche Massregelu zu ersinnen, uni sich zu schützen: als aber eine von Juden bewohnte Stadt nach der anderen zerstört und ausgcplimdcrt wurde, hatte das Militär Befehl, auch nicht einen Schuss abzugeben. Die verschmitzten rumänischen Politiker hofften, indem sie sich den Judenaus schreUtv.tgen gegenüber passiv verhielten, oder ihnen nnter der Hand sogar Vorschub leisteten, die Agrarbewegung der Bauern von ihrem eigentlichen Ziele ablenken zu können. Sic saiien daher scelenruhig zu. dass rumänische Studenten sich an die Spitze der Bauernhaufen stellten und diese von einem Städtchen zum andern führten, um die Juden auszurauben und sie nachher zu verjagen. Die •Herren Politiker dachten, die Bauern würden ihr Mütchen am jüdischen Blute kühlen, und Strafe für Unglück. Das Deutsche Bureau der A3!ii;mce Israelite Universelle stellt uns folgenden Bericht zur Verfügung: Ploesti. 1*1. April. Ich überreiche Ihnen hierin das Original eines Ausw eisungstountulars. das an alle Juden der ländlichen Gemeinde des Bezirks von Vaslui gerichtet wurden ist: ״Gemäss dem Befehl des Herrn Präfekten No. 1521/907 habe ich die Ehre. Ihnen davon Kenntnis zu geben, dass es Ihnen fortan nicht mehr gestattet ist. sich in der demcindc niederzulassen. weil Sie bei Beginn der Aufstaiulsbcwegung mit Ihrer gesamten. F'amilie die Gemeinde verlassen haben. Hiernach haben Sie sich hinien 24 Stirnden zu richten. Hochachtungsvoll Der Maire: n. Lupu. Der Sekretär (unleserlich) Ein Kommentar ist nicht nötig. Ich erfahre aus Vaslui. dass gegen 100 Familien verhindert werden, ihre Wohnungen wiede aufzusuchen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.