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Jüdische Rundschau · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 16 Neue kleine Belästigungen. Buzeu. 15. Apil 1907. Der Aufstand ist noch nicht überall niedergeschlagen; an einzelnen Orten kommen immer wieder Versuche vor. die Unruhen zu erneuern, und wiederholt ist dabei das Bestreben ersichtlich, die Zerstörungswut hauptsächlich gegen das Eigen tum von Juden zu lenken. Hier wurde dieser Tage von mehreren Reservisten und Rriaubern, die mit Knütteln bcwaffnet und von Bauern begleitet waren, eine Kundgebung gegen die Juden in der Strasse Tirgului veranstaltet. Die Polizeit verhaftete einen der Friedensstörer, der aber bald von der Menge befreit wurde. Von diesem Augenblick an leistete die Polizei keinen Widerstand mehr, und die Manifestanten begangen im Verein mit den aus Semilcasca hcrbcigeciiten Zigeunern das Zerstörungswerk. Zunächst wurde ein jiidisches Kaffeehaus, dann ein Warenlager in der Strasse Banului verwüstet, darnach die jüdische Schule, ein kürzlich mit Hilfe der Jewish Colonization Association errichtetes prächtiges Gebäude. Nachdem diese Grosstat verrichtet war, eilte die Menge auf den Markt, ecbnso in die Strasse Apcduculni. Grivitsa. Dacia. alles verwüstend und plündernd. In Rimnicfu-Sarat. ii der Nähe von Buzeu. wurden zunächst die Auslagen der jüdischen Läden beschädigt, doch die christlichen Magazine wurden gleichfalls nicht verschont. In Pancin beträgt die Zahl der verwüsteten Häuser 58; ויי davon gehören Juden. In Ivcsti. Bezirk Tecuci. sind 22 jüdische Familien heimgesucht worden. 111 Pomarla haben die Bauern alle Juden des Ortes vertrieben und ihre Liiden einfach in Besitz genommen. Hier setzen die Bauern den Verkauf der Waren fort. In Trivcsti verteidigte sich Itsic Aron, ein naturalisicrter Jude, von seinem Sohn unterstützt, in heldenhafter Weise. Er hielt einer ganzen Bauernbande stand und vervvundete einige der Angreifer. In Bara sind alle Einwohner, die christlichen wie die jüdischen, geflohen;»:«י haben sich nach Roman begeben. Wo immer die Verwüstung bei dem jüdischen Eigentum beginnt, da wendet sie sich sehr schnei! auch gegen das Eigentum der christlichen Bewohner, und in den meisten Fälten wird von vornherein kein Unterschied gemacht. A.-J. U. Selbstschutz. Was den Juden, besonders den Zionisten im ersten Stadium der GesaJhr zu tun oblag, war; rasche Organisierung von Selbstschutz und schnelle Bekanntmachung der Vorgänge im Ausland Letzteres war schwierig, da die Regierung eine Zensur eingerichtet hatte, welche kein Telegramm und kein Schreiben an die ausländischen Zeitungen passieren Hess. Erst 5 oder 6 Tage nach Beginn der Ausschreitungen erhielt die auswärtige Presse Nachricht durch Vermittlung der nach Österreich geflüchteten Juden aus den völlig zerstörten Grenz- Städtchen. Unterzeichneter, der sich gleich zu Anfang nach Jassi*. dem Zentrum des Aufstandsrayons begeben hätte. Kess durch Bekannte in Wien! Berlin und Frankfurt den dortigen Zeitungen Nachrichten zugehen. worauf erst die betreffenden Korrespondenten mit ihren!Mitteilungen einsetzten. Selb stschutz wurde in P o d u 1 11 o i e , das den ersten Anprall zu erleiden hatte, von den tüchtigen Zionisten Magder und Salomon organisiert. In S t c f a n s t i liess die dortige Zionistische Verbindung Waffen an ihre Mitglieder verteilen, und so konnte ein Anschlag der Bauern glücklich zurückgewicscn werden. In M 0 i n e s 11 war der Poale- Zionist L e v e n t e r tätig. Folgen der Exzesse. Ein unbeschreibliches Elend herrscht in den zugrunde gerichteten Ortschatten. Wohlhabende Kaufleute leben heute von Almosen, die noch sehr spärlich fliessen. Tausende von Familien sind in die grössereu Städte wie Jassy, Dorohoi, Roman usw. geflüchtet. Die grössten Kauihäuser sind völlig zugrunde gerichtet, da ihr ganzes Kapital eben in den kleinen Ortschaften verteilt war. Ein allgemeiner finanzieller Zusammenbruch wird mit Bestimmtheit erwartet. % Der Zionismus. Die zionistische Bewegung im Lande ist v o 11 k 0 m - ir. e n b r a c h g e I e g t. Fs wagt niemand, sich zu rühren, eder befürchtet, er könnte bei der geringsten Äusserung — da doch die Juden vogelfrei sind — ausgewiesen werden. Das Denunziantentum blüht. Die jüdische Zeitung EG ALI TAI EA unseres mutigen und tätigen Gesinnungsgenossen M. Schwarzfeld ist beim Erscheinen konfisziert worden. .So stehen wir hilf- und ratlos da. % Welche blutige Ironie im menschlichen Schicksal liegt! Voriges Jahr um diese Zeit war Jassy überschwemmt von Flüchtlingen aus K i s c h i n e w . die vor dem Pogromen geflüchtet waren. Und dieses Jahr haben sich viele jüdische Seite 161 Familien aus Jassy und anderen Städten der Moldau nach Klschlncw geflüchtet.' « Der Redakteur der WELT schreibt folgenden Privatbrief: Nigreschti (Indetul Vaslut), 2. April 1907. ... Ich bin nunmehr schon seit sieben Tagen in. der Moldau. Ich kam von Odessa nach Jassy, von hier nach dem fürchterlich heimgesuchten Städtchen Podul Iloie, von hier nach dem Distrikte und der Stadt Botuschani, hierauf nach dem Ort des Schreckens Butschetschi und von da wieder über Jassv nach Nigreschti. wo ich diese Zeilen schreibe. Teuerer Freund! Was ich da gesehen habe, das ganze grausige Elend, ist unbeschreiblich. Alles, was ich vorläufig zusammciifassetid sagen kann, ist dies: Wir haben jetzt in Rumänien kein jüdisches Volk mehr — es gibt bloss Zehntausende von jüdischen Bettlern im buchstäblichen Sinne des Wortes. Die weissbehandschuhten Korrespondenten der grossen europäischen Tageszeitungen, die nach Rumänien eilten, um aus dem jüdischen Unglück Zeilen zu schinden und ein Extraprofitchen herauszuschlagen, haben cs vorgezogen, von den prächtigen Zimmern der Bukarestcr Gasthöfe aus die schauerliche Verwüstung und den Ruin Tausender blühender Existenzen zu konstatieren. Sie gingen nicht in die kleinen Städtchen und Flecken hinaus, wo Millionen vom jüdischen Vermögen zunichte gemacht, hilflose Greise totgcpriigelt. Frauen und halbwüchsige Mädchen geschändet wurden. Nie in meinem Lehen werde ich diese starren, totenblassen Gesiebter, in denen die Tage des Entsetzens unverkennbare Spuren zurückgclasscn haben, nie die heftigen Wehklagen und das krampfhafte, stossweise Schluchzen vergessen können, die aus dem Innern dieser Unglücklichen bei der leisesten Riickcrinnerung immer von neuem erschütternd hervorbrechen. . . . Doch ich will das Namenlose nicht durch nichtssagende Worte zu beschreiben suchen Anstatt dessen möchte ich einiges über den materiellen Schaden mitteilcn. den unsere Brüder infolge der Pograme erlitten haben. Eine auch nur annähernd genaue Ziffer des Schadens an barem Oelde. Pretiosen und Hausrat lässt sich noch nicht feststellen. Nach ungefährer Berechnung Berechnung wurden den Juden in der Moldau mindestens 1 000 000 Frcs. an barem Geldc geraubt; an goldenen und silbernen Schmuckgegcnständen sicherlich unvergleichlich mehr. Die Gesamtsumme des Schadens, den die Juden in der Moldau erlitten haben, dürfte sich auf fünfzig Millionen belaufen. In dem verwüsteten kleinen Orte Butschetschi allein beträgt dfcr Materialschaden nicht weniger als 250 OCX) Frcs״ in Nigreschti ungefähr ebensoviel. Es gibt ganze Ortschaften, wie z. B. Burduschcni, wo den Juden auch nicht ein einziger Bani geblieben ist. Wenn diesen Unglücklichen nicht unverzügilch ausgiebige Hilfe gebracht wird, so droht ganzen Massen der Hungertod. Es tut also dringend not. dass die Hilfsaktion in Europa diesmal schneller also sonst von statten gehe und die Hilfsgelder sofort zur Verteilung gelangen. Denn die Not ist grenzenlos. Die Bukarester Zeitung ZARA behauptet, dass ln Galatz ein Antisemitischer Verein bestehe, dessen Mitglieder sich verpflichten mussten, bei den Juden nicht zu kaufen, während die Mitglieder der höheren Kreise sich auf Ehrenwort verpflichten» Ateliers für Schuster und Schneider usw. zu errichten, wo nur Runiänier beschäftigt werden dürfen. Die Mitglieder mussten ein feierliches Gelöbnis ablcgcn. die Partei geheim zu halten. Zuwiderhandlungen werden mit der schärfsten Verfolgung bedroht. Protest Unter den Auspizien des ..Rumänischen Zentral-Hilfs- Komitees“ am 2A. März in den Synagogen No. 58 und 59 Rivington Str. zwei Massenversammlungen statt, in welchen gegen die Judenverfolgungen in Rumänien und die damit im Zusammenhänge stehenden Grcueltatcn protestiert und zu einem Hilfsfonds zu gunsten der Notleidenden Sammlungei. cingclcitct wurden. Diese ergaben einen Ertrag von über 1000 Dollar Entschuldigungsschreiben waren von Kongressmitglied Gr-ldfogle. Richter Rosalskv und Jacob H. Schiff eingelaufcn. Herr ■Schiff kündigte an. dass sich das ..American Jewish Committee" bemühte, durch das Staats-Departement genaue Nachrichten über die Situation in Rumänien 7,u erlangen. Auch das Generalkomitee für die Opfer der russischen Juden«Massakres wird sich in seiner nächsten Sitzung mit dem Gegenstände befassen. In beiden Versammlungen wurden Resolutionen angenommen. in welchen Präsident Roosevelt gebeten wird, seinen Ein- JÜDISCHE RUNDSCHAU

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