Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 16 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 159 Petersburg die ..wirkliche־■ Volks.ertretung bilden, deren Eni- Schlüsse in der Provinz. unverzüglich ausgcfiihrt werden sollen. ״Die Juden frag c," sagte u. a. der künftige ..ccht-russisehe‘‘ Diktator, ״w erden w i 1 u 11 Ort und Stelle lösen!“ Die ״Lösung der Jndenfragc an Ort und Stelle'־ hat bekanntlich in Kischincw begonnen, wo das Zentrum der ״echtrussischen Leute" ist. und wo kein Russe ihm angchört. sondern nur Nicht russen. Juden in Finnland Ober die Laue der Juden i!1 Finnland bringt die WELT aus unserem russischen Bruderblatt RA SSW KT (früher Jewrejski Narod-Jcwrejskaja Schisn) einen sehr iuiortnativen Aufsatz, dem wir folgendes entnehmen: ' Finnland, das die freiheitlichste und demokratischste Konstitution von ganz Europa erhalten hat. bereitet sich zu den Wahlen für den neuen Landtag vor. Mit diesem neuen Landtag sind auch die Hop'nungen der finnländisehen Juden auf eine bessere Zukunft innig verknüpft. Bekanntlich ist die Zahl der Juden in Finnland eine sehr geringe, und ihre Menschen- und Bürgerrechte sind auf das äusserste beschrankt. Nur ganz wenige Kategorien von Juden (Kinder ..ausgedienter'■ Soldaten) durften in Finnland wohnen. Andere Juden, sogar solche, die in . ’ Russland überall Wohnrecht besitzen, durften nach Finnfand nicht einmal zeitweilig kommen. Im Jahre 1£?S9 stellte der Kaiserlich hiiinläudischc iScnat folgendes Statut be- ־ treffs der Juden fest: ״Die Juden dürfen nur in den Städten Helsiitgfors. W iborg und Abo wohnen, und es ist ihnen erlaubt, hier Handel mit altem Zeug. Kleidern etc. zu treiben". Damit waren alle ihre bürgerlichen und politisehen Rechte erschöpft. Die Juden waren zudem vorj pflichtet, jedes halbe Jahr einen Pass zu nehmen, während 1 das Passsvstcm für die Finnländer selbst längst abgetan war. Dieser traurige, geradezu mcuschemiuw׳iirdige Zustand dauerte bis zur triedüchen Revolution vom Jahre 1903. Frst im Jahre 19116 begann im Lande unter der Leitung eines zionistischen Studenten Satiteri Jakobsen. eine Agitation zugunsten der Gleichberechtigung _der Juden. In allen grösseren Städten Finnlands wurden "zahlreiche Volksversammlungen veranstaltet, in denen, nach einer zusführlichcn Besprechung der Jiidetifragc. Resolutionen zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung ansenonmien wurden. Die Jeden wendeten sich sodann an den Senat mit einer Reihe von Petitionen, worin sie für die Verbcsserimg ihrer .Lage eintraten. Der Senat beauftragte nun zwar die Provinz-Gouverneure, eine Statistik über die Zahl der Juden, und die Art ihrer Beschäftigung zusammenzustellcn. aber über diese statistischen Vorarbeiten ging seine Tätigkeit nicht hinaus. Als zu Beginn dieses Jahres die Abteilung •.!es Senats für Bürgerrechte eine Reihe von Gesetzesprojekten zu der für Fiule!März bevorstehenden Session des neuen Landtags vorbereitete, erwartete man allgemein auch die Vorbereitung eines Projektes, betreffend die jüdischen Rechte. Da aber auch diesmal nichts geschalt, wurden abermals und in wieder gesteigertem Umfange Volksversammlungen veranstaltet, in denen der Judenemanzipntion freundliche Resolutionen angenommen wurden. Diese Resolutionen, fast überall dieselben, lauten ungefähr folgendermassen: ״Die allgemeine Volksvcr- Sammlung (in irgendeiner Stadt, an irgend einem Tage) drückt ihre Entrüstung einer Regierung aus. die das Land durch fudenfeiiidliche und die 11 len unterdrückende Vcr- Ordnungen mit Schmach bedeckt hat. Da Schweden, vor! dem Finnland das die Lage der Juden betreifende Reglement aus dem Jahre IS72. das jeder Humanität spottet, übernommen hat. längst gleich dem übrigen Europa sein Verhalten den Juden gegenüber geändert hat und sie mit dem gleichen Masse von Cicrechtigkcit behandelt wie seine anderen Bürger, betrachtet es die allgemeine Volks- Versammlung als unbedingt notwendig, unverzüglich die gesetzliche Stellung der Juden in Finnland zu ändern und so einen Schandfleck vom Namen des finnischen Volkes wegzuwaschen. Demgemäss ersucht die Volksversammlung den Senat, ein entsprechendes Gcsctzesprojckt auszuarbeiten, damit die zukünftige Session des Landtages zugleich mit den andern Fragen auch die uns kompromittierendc schändliche Judenfragc endlich lösen könne.'* Trotz des in diesen Resolutionen klar ausgesprochenen Willens des Volkes ist noch immer von einer entsprechenden Tätigkeit des Senats nichts zu bemerken.Indessen sind die Wahlen schon sehr nahe. Keine der sich an den Wahlen beteiligenden Parteien berührt mit irgendeinem Worte in ihrem Programme die Jndenfragc. da ihr Verhalten in dieser Frage selbstverständlich ist. Die beiden bedeutendsten Parteien in Finnland, me der Konstitutionalisten und der Sozialdemokraten, sind unbedingt für die Gleichberechtigung der Juden. Nur die AUfinrien haben steh einige Male in ihrem Zentralorgan RUSI SUO- ME7 AR gegen die fi'den geäussert. Pas hat jedoch־ keinen grossen praktischen Wert, da die beiden oben erwähnten Paiteien im Landtag eme überwiegende Mehrheit repräsentieren werden. Es ist demnach zu erwarten, dass eine dieser Parteien, von ihrem Rechte der gesetzgeberischen Initiative flehrauch machend, ein Projekt über die Gleichbercchtigung der Juden embringen wird, das honentiieh auch angenommen werden wird. Rumänische Greuel Die Exzesse in Rumänien, in denen antisemitische und agrarische Ausschreitungen sich eng miteinander vereinigen, versetzen Cie russischen Pogrommacher in helle Freude. Sie sind eben in dieser Frage persönlich interessiert und erblicken in den rumänischen Pogromen ihren persönlichen Triumph. Die rumänischen Pogrome bedeuten iiir die NOWOJE WREMJA. sowie für ihre Freunde und Gönner, jenen entscheidenden Kontrollversuch. der die Ursachen der Judenexzesse überhaupt angeblich aiifdeckt. und unsere russischen Pogrome, unsere wcltheriilmucn Kischinew. Hornel. Sjedlitz. Bjciostok ctc. finden angeblich in ihren rumänischen Fort- Setzungen und Nachahmungen ihre Rechtfertigung und Berccluiguug. Worin besteht mm dieier Kontrollversuch. dieses experi- UK-ntun! erucis. wie es technisch genannt wird? Ja. er ist sehr ei1n;>׳;h. Zahlreiche Beobachtungen und Untersuchungen bezüglich einer ganzen Serie der Pogrome in den *letzten Jahren laben zu dem Schlüsse geführt, dass Pogrome nicht mit eletucmaitr Gewalt aus den Tiefen der Volksmassen entstehen, sondern allmählich und geflissentlich vorbereitet und gemacht werden: es wurde sogar cnt!:d!t. wer die Pogrome macht und leitet, tmd wie die ..Arbeit‘־ gemacht und geleitet wird. Infolgedessen •pFegte man bei uns mit Recht die Po• giome in Zusammenhang mit dem .,Regime" zu btittgen. und man nahm gewöhnlich au, dass mit der Beseitigung des vorhassten Regimes auch die Pogrome verseftw indem Nun. jauch־ zen jetzt hier die Pogr׳*mtnac!1er: herrsche doch in Rumänien eine andere Staatsordnung — eine konstitutionelle, die von Russland erst mühsam erstrebt wird: das Geschlecht de; ..Wachtmeister nach Erziehung und Pogrommacher nach Ucherzeugimgen“ existiere in Rumänien nicht oder erfreue sich dort nicht jener administrativen Allmacht, die es hier zu Lande besitzt, ht Bezug auf die Vorbedingungen ihr annV• miiische Ausschreitungen besteht der NOW OJE W REMJA zufelge zwischen Russland und Rumänien nichts Gemeinsames. mit Ausnahme nur einer einzigen gemeinsamen Bedingung: hier, wie dort wohnen Juden. Folglich müsse man in dieser einzigen gen einsamen Bedingung auch die Ursache der gemeinsamen Erscheinung erblicken: folglich hatte die NOW OJE WREMJA recht, als sic behauptete, dass an den Pogromen die Juden selbst und nur sie Schuld haben. Darin steckt der ganze Sinn der rumänischen Pogrome für die NOWOJE WREMJA. Dieser offenkundige Trugschluss der Pogrommacher wäre an sielt picht der Erörterung wert, wenn darin nicht eine direkte Provokation Figo. Es ist doch■ leicht einzusehen, dass inbezug auf Juden die Reginte Russlands und Rptnänien^ eine riihtcnde Harmonie auiweisen und die ätisscrliche Lnähnliclikcit mir die innere Identität unterstreicht. Rumänien besitzt allerdings eine Konstitution, aber es ist die einzige Konstitution in der Welt, die die Judcntrage nach dem Rezept der NOW'OjE WREMJA (die Priorität gehört natürlich R u m ä n i c n und!1 i 0 111 dem leitenden russischen Scharfniacherorgatt) löste: indem sie die Juden der allgemeinen bürgerlichen Rechte beraubte und sie iiir Ausländer und Fremde erklärte. Somit enthält die rumänische Verfassung eine ausgezeichnete Sprungfeder zur Veranstaltung von Judenpogromen. die unsere ..Wachtmeister'‘ mir allzu gern auch in unsere kiinitige Konstitution aufnehmen nüiditcii. Aber die Sache liegt nicht mir an der Konstituron. Eine Vei iassuttg wächst nicht spontan hervor, sie ist vielmehr ein Menschenwerk. Audi eine Pogtonikonstitutiou setzt daher die An- Wesenheit desselben Geschlechts der Wachtmeister und Pu* grommneher voraus, das die NOWOJE WREMJA als unset eigenstes ausschliessliches Nationalprodukt betrachtet. Was noch die spezielle Acimlichkeit zwischen den russischen und rumänischen Pogromen anbetritit. so muss man berücksichtigen, dass, nach r.üiziclen Nachrichten, die Pogrom beweg u n g i n Rumänien ihre n Anfang von der r u s s i - sehen Grenze, von Bessarabieu. n.thrri. also in nächster Nähe von! Schauplatz der Heldentaten Kruschewans und. von der Heimat Punschkcwitsch und die antisemitische Agitation 'איייי!. •*p“ T יןר*^,*י,*יו