Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651516--04593-2661573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ssite 158 No. 16 » JUD1SCHE RUNDSCHAU rend des Pogroins die Rolle eines Pogromorgauisators spielte, ist gleichfalls nach dem Pogrom mit einem Orden belohnt worden. Was aus dem Prozess bei solchen Verhältnissen werden wird, kann man sich wohl denken. — Alle Vertreter der Lokalbehörden, welche vom Untersuchungsrichter, der diesniai seine Pflicht gewissenhaft getan hat. für schuldig erkannt worden sind, haben von ihren Vorgesetzten eine Belohnung erhalten. Dr. Jollos Moskau. Am 1. April iand die Beerdigung des ermordeten früheren Duma-Abgcordncten Cirigorv Borisowitsch Jollos statt. Der Leiche folgte eine grosse Menschenmenge, darunter 70 Deputationen mit Kränzen von verschiedenen Oe- Seilschaften und Parteien, ausserdem waren viele Kränze von Gesellschaften anderer Städte und von mehreren Zeitungen gesandt worden. Während des Gottesdienstes in der Synagoge und auf dem Friedhof w׳urdcn 21 Reden gehalten. Als erster sprach der weit über die Grenzen Russlands bekannte Rabbiner Masiö. In seiner feurigen Rede nannte er die Ermordung Jollos* den Mord eines Gedankens. Tiefbewegt schloss er seine Rede unter lautem Schluchzen der Menge. Fr sagte unter anderem: ״Erhebe dich zum Himmel und vollende dort de>1 Werk, an dessen Ausführung dich hier schlechte Menschen hinderten. Dein Grab umstehen deine verwaisten Kinder, üie du mit reiner Liebe liebtest und die in gleicher Weise verwaiste Redaktion. Dein Oral) umstehen deine rechtlosen Brüder Du hast deine Anlagen und deinen Geist von deinem Volke erhalten, von deinen Vorfahren, dem berühmten Rabbiner Rabbi Jakob Jollos. und deinen Geist wolltest du deinem Heimatlande mfüellen, von weinhem du keinen Schein von Berechtig־ keit für deine Brüder erreichen konntest. In deiner .lugenc hat dein Ohr den Jammer Jeines Volkes gehört, und jetzt geleitet dich dasselbe Volk za Grabe mit den biblischen Gesängen. welche zwei Jahrtausende nicht haben verdrängen können. Nimm von ihm für deine ewige Ruhe den Llirenplatz am seinem Friedhöfe, nimm von seinen Händen eine Handvoll Erde, die rein ist wie dein Lehen. Sie ist nicht getränkt mit Menschenbild: sie ist feucht von dem Tau ewiger Tranen. Rings um dich befinden sich die Gräber deiner Brüder, welche von ihrer Geburt bis zu ihrem letzten Atemzuge ihr schweres Schicks«! getragen haben. Schlaf in ewiger Ruhe, du Apostel der Gate und Gerechtigkeit: dein Name wird ewig unvergessen ble-iren.' Dann sprachen noch verschiedene!Mitglieder der Duma und andere. Die Menge zerstreute sicli. Warum das BERLINER TAGEBLATT den Dr. Jollos zu einem getauften Juden gemacht hat. wissen wir nicht. Aber ihm liegt Jas eben am uüclisieu. Russische Ostern stehen bevor Warschau. Wie immer vor den orthodoxen Ostern sind beunruhigende Gerüchte von drohenden Judenlietzen im Um* lauf und ich kann nicht verhehlen, dass zu Befürchtungen immerhin einiger Anlass vorhanden ist. Ich selbst hatte dieser Tage ein Erlebnis, das mich stutzig machte. Ich ging mit . einem mir befreundeten Berichterstatter liberaler russischer Blätter, einem Juden, über die Strasse, als wir einem Schul- Kameraden meines Freundes begegneten, einem Russen, der gegenwärtig ein angesehenes Mitglied des Verbandes der echten Russen ist. Dieser Herr riet meinem Freunde, da er w.eiss, dass er aus Wolhynien stammt und dort Familienangehörige hat, diese seine Verwandten unverzüglich zu vcranlassen, dass sie ihre Geschäfte liquidieren und aus dem Gnuvernement wegzieheu, da der Verband beschlossen habe, zu den russischen Ostern eine ganze Reihe blutiger Pogroms zu veranstalten. Wir beide hielten diese Warnung allerdings für einen schlechten Scherz. dc»cl1 schrieb mein Freund sofort nach Wolhynien, und die Antwort lautete überaus beunruhigend. In allen Städten des Gouvernements hat Jer Verband seine Ab teilungen und seine Kampforganisationeu. die aus dem Auswurf der Gesellschaft bestehen, aus Leuten, die für einen Groschen zu jedem Verbrechen zu haben sind. An ihrer Spitze stehen Reservisten, in manchen Orten sogar Offiziere Mit Waffen sind sie alle genügend versehen. Der Mittelpunkt der Pogrom-Agitation für ganze Gouvernements hefinget sieh in dem durch sein wundertätiges Muttergottesbild berühmten orthodoxen Pctscbajcwska-Kloster. wo ein eigenes Tageblatt, der PETSCHAJEWSK! LISTOK für die P0gr0111|»r01>agamla herausgegeben wird. Dieses Blatt wird in Tausenden von Exemplaien nach allen Dörfern des Gouvernements verschickt, und es gibt gewiss keinen einzigen, nur cinigertnasse» des Lesens kundigen Bauern, dem es nicht aufgedrängt wird. .Ausserdem wirkt in dem Gouvernement ein fanatischer orthodoxer Münch namens Iliodor. der die Städte und Dörfer be- I reist und mit dem Kreuze in der Hand im Namen Gottes die j I Ausrottung der Juden predigt. Der Verband hetzt Hauptj 1 sächlich die Bauern auf und sucht der Bewegung einen agrarischeu Charakter zu verleihen. Zu diesem Zweck benutzt er i den Umstand, dass eines der grösseren Güter in Wolhynien, Krywin, einem Juden namens Harman gehört: unter Hinweis darauf erklärt Iliodor den Bauern, dass die Juden den Bauern die Erde entrissen haben. Diese meine Angaben stammen aus einer völlig zuverlässigen Quelle, und wenn die Regierung nicht entsprechend dazwischentritt, werden wir die Wiederholung der rumänischen Vorgänge erleben. j Ansiedlungsrayon und Prostitution In einer Arbeit von Nötzel über öffentliche Häuser in Russland“ findet sich fiir Minsk die Angabe, dass von 59 j befragten Prostituierten 26 Jüdinnen sind •U ^. Der Verfasscr fügt hinzu: ״Dies Verhältnis dürfte im grossen und ganzen dem der verschiedenen Konfessionen im Minsker Gouvernement entsprechen. Speziell die Zahl armer Juden ist dort eine sehr grosse, und darum erscheinen uns etwaige antisemitische Schlüsse völlig unangebracht.“ - - Dagegen befand sich in Moskauer Bordellen unter 272 Prostituierten keine einzig* hidin. Es ist nicht Ansicdlungsray•on. — —- Progrommacher und Gesetzgeber Zur Kennzeichnung des konstitutionellen Reg i e r u n g s k u r s e s dient eine charakteristische Ernennung. Herr Pichno. ein ehemaliger Profcssor.der aber nicht als Gelehrter, sondern als Eiilirer der ״echt-russisclien Leute“ und Leiter eines Kiew er Blattes der Schwarzen Bande KIEWIJANIN weit und gebührend bekannt ist. wurde zum Mitglied des Reichsrates ernannt. Er soll nunmehr im Herrenhaus als Gesetzgeber sitzen. Erst vor einigen Tagen schrieb Herr Piclmo im KIEWL.IANIN folgendes: ״Die agrarischen Geset/esvorhgen der Sozialrüuber und SoziultasehenJiehe in: Taurischen Palais können nicht nur nicht zur Beruhigung führen, sondern im Gegenteil — sic stellen eine unverschämte Erregung des Hasses und freche Aufreizung zu schweren Verbrechen dar: die Verantwortlichkeit für letztere fälit »edoch nicht nur auf diese Aufreizer. sondern direkt auch auf Stolypin und seine Kollegen im Ministcrium. die einen solchen verbrecherischen Missbrauch des Wortes, eine solche Unverschämtheit in einer Versammlung, die als ״gesetzgeberische“ genannt wird, zuliessrn Herr Stolypin hat leider diese Räuberbande einhertücn und erlaubt ihr vom Taurisciieii Pakfis aus den Aufruhr vorzubereiten.“ , Der Verfasser dieser Perlen, der bisher in Kiew nur als Pogrom Ici t er tätig und berüchtigt war, soll jetzt zu- ' samtnen mit seinen Kollegen an der Gesetzgebung tcilnehmen. : Er soll alles, was von der ״Räuberbande“ in das Herrenhaus gelangt, verwerfen: als Entgelt dafür aber Herrn Stolypin nicht mehr a n g r ci f e 11. *׳ Inzwischen verteilt der Verband der Schwarzen Bandet! dauernd an die Huligans Sehicsswaffeu mit dem Auftrag, ״die öffentliche Ruhe zu fordern“, d. h. gegen die ITciheit zu kämpfen, ln ihren Zeitungen und Versammlungen beschimpfen die Verbandsfiihrer in gemeinster Weise die höchste Staats- Institution die Rc chsduma. un J die Regierungsagenten leisten ihnen Vorschub. Unter dein Schutze Indier Würdenträger und Machthaber existiert offen eine Reihe kontrakonstitutioneller Verbindungen, die den grausamsten anarchisehen ״weisseu“ Terror predigen und verwirklichen. Zum Ziel stellen sie sich, die ..Revolution in Bliitströmen zu ertränken“. Sie verüben die gemeinsten Verbrechen gegen das Leben und Eigentum friedlicher Bürger. Die gerichtliche Untersuchung hat nämlich restgestellt. dass die frechsten Expropriationen und Mordtaten der letzten Zeit | n i c h t c t w a v o n R e v o 1111 i 11 יי ü r e 11. sondern von den eifrigsten Kontra-Revolutionären verübt worden sind. Ein ruhiger, anständiger und angesehener Bürger darf unter keinen Umständen, auch nicht zur Selbstwohr. irgend welche Waffen bei sich haben, während jeder beliebige Huligau. wenn er sich als Mitglied des ״echt-russischen“ Verbandes eiiischreibeu lässt, einen Browning oder Parabcllum gialis bekommt. Die völlige Straflosigkeit und der grosse Einfluss in den Hofkreisen beflügelt die Hoffnungen und Pläne der Verbandsfiilirer. Dass die Duma nächstens aiiseiuandergejagt w ird, gilt fii'r sie als beschlossene und unwiderrufliche Tatsache. Aber damit wollen sie sieh keineswegs begnügen. E's soll dann vielmehr die Verfassung vom .H Oktober 1905 annulliert und eine ״echtrussisclie“ Diktatur mit unbeschränkten Vollmachten geschaffen werden. Aus ihren Plänen machen sie gar kein; Geheimnis. So erklärte z. B. ein Verbandsfiibrcr. dass au! die Telegramme an den Kaiser Deputationen von sämtliche*(: Verbandsfilialcn folgen würden. Diese Deputierten winden in 1 ׳ ׳!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.