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Jüdische Rundschau · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 16 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 157 hat. Nach ihm sind im vorigen Jahre rund 200000 Juden aus dem europäischen Osten forfKczogen. Etwa 80% davon haben sich nach Amerika gewendet, wohin im ganzen 153 748 Per* s״ne1. auswanderten. Nach den Listen des amerikanischen Hdfskoiiiitees ist die Zahl sogar noch grösser, nämlich 156 964 Pcrscncn Ungefähr ebenso gross war die ZiFer im Jahre 1905. Hiernach sind in den letzten beiden Jahren mehr Juden ans Europa ausgewandert, als im Jahre 1492 aus Spanien vertrieben wurden, und in den letzten vier Jahren sind mehr Juden ausgewandert, als in ganz Deutschland wohnen. New York, dessen jüdische Einwohnerschaft ungefähr 700 000 betragt (die Zahl der Juden in den Vereinigten Staaten wird iusgcsauit aut etwa 1600 000 geschätzt!, birgt w׳eit mehr Juden in‘ sich, als das Deutsche Reich. Wir lassen hier zunächst nur die Zahlen selber sprechen. Jeder Leser empfindet sofort, welche Bedeutung nach den verschiedensten Richtungen hin sic haben, und dass mit dieser beispiellosen Verschiebung von Volksmassen ganz neue Fragen hervortreten. dass ein l'itiwandluugsprozcss sich vorbereitet, der unter allen Umständen einschneidende Wirkungen wird haben müssen. Neben den russischen Juden sind es. obgleich erst im weiten Abstande, die galizischen Juden, die in wachsender Zahl Amerika aufsuchen. Der erwähnte Geschäftsbericht schätzt ihre Zahl auf rund 20000. Erläuternd wird bemerkt: ״Der Mangel an Er« wcrbsmöglichkeitcn in dein industriellen Galizien, die Verdrängung aus dem Handel infolge der jmicmcir.dlichcn Haltung der Bevölkerung, treiben die galizischen Juden hauptsächlich in die Fremde*‘. Aus Rumänien ferner wamierten im letzten .1; l!1c ."872 Juden nach Amerika aus. Die Auswanderung der luden aus dem Osten nach England ,:nt infolge des verschärften englischen Einw anderiingsgesetzes von 1906 erheblich nachgelassen: sie därite für das vorige Jahr kaum mehr als 12—15 WO betrugen. Dagegen steigt die jüdische Auswanderung nach Kanada (s—.1nc.no in den letzten Jahren) und nach Argentinien (7516 in*. Jahre 1905). Nach Palästina wandten sich im verflossenen Jahre etwa 3000 Auswanderer. Der Umstand, :lass nicht grössere Mengen von Answanderen! siel! nach Palästina wandten, erklärt sich daraus, dass erstlich unkultivierte Länder viel weniger geeignet sind, grosse Arbciterniassen ohne Mittel aiitzunchnien als Industriezentren, dann aber auch die strenge Weisung, die von der JCA ausgcgangen ist. Auswanderer nur dann zu unterstützen, wenn sie nicht nach Palästina sich wenden. Prozess von Bialystok Man schreibt der RUSS. KORRFSP. aus Petersburg: Eine hochgestellte Person drückte sieh gleich nach der Auflösung der ersten. Duma im Gespräche »"*her den Pogrom in Bjelostoek ü la lettre auf folgende Weise aus: ..Wir haben unwiderlegliche urkundliche Beweise, dass der Dumadeputierte Professor E. N. Schtschepkin. als er über den Pogrom in Bjelostoek sprach, unverschämt gelogen hat. Inwiefern diese Worte der W irklichkeit entsprechen, kann man aus der Ent- Scheidung des ״Untersuchungsrichters für besonders wichtige Angelegenheiten“, des Herrn Bokitko sehen, der die Untersucehung über den Pogrom auf dem Bahnhöfe von Bjclostok leitete. Da der Prozess über die Ereignisse in Bjclostok jetzt unmittelbar bevorsteht, möchte ich aus den Akten folgendes veröffentlichen. Die Rolle der Militär« und Zivilbehörden charakterisierend sagt der Untersuchungsrichter unter anderem, dass die Ansicht über die Gleichgültigkeit der Behörden nicht unbegründet ist“, dass ״die ersten Fälle von Ermordungen und Verwundangen der Juden unbestraft blieben und dass gegen die Gevvalttatcn den Juden gegenüber nichts unte'rnornmen wurde, als auf dem Bahnhofe eine Jagd auf die Juden selbst veranstaltct wurde “ Zugleich konstatiert der Untersuchungsrichter eine erstaunliche Tatsache ״Während des Pogroms ist keiner von den Hooligans verhaftet worden und keiner von ihnen erlitt irgend welchen Schaden.“ Am Schluss sagt der Untersuchungsrichter, dass folgende Militär- und Zivilbeamte zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werden müssen: 1. Der Kommandant der Station Bjclostok. Oberst Scliretter. welcher auf grund der Artikel betr.. die spezielle Instmkticn für Kommandanten vor Gericht gestellt werden muss. 2.1 »er Gendarmerierittmeister Trapiziu. welcher auf der Station Bjclostok gedient hat. muss für seine Tätigkeit (ode! absichtliche Untätigkeit?; vor Gericht gestellt werden, ebenfalls die Gendarmen Michael lsatlow, Kirpitschenko und Tschu'Jcuok. 3. Der Komet des 11. Charkow er Dragonerregimcnts. Poimneranzew. ist durch seine Handlungsweise auf dem Buliiihofe während des Pogroms und während der Jagd auf die Juden so einst belastet, dass er ebenfalls vor Gericht ge-stell1 werden nitiss. Alk oben erwähnten Offiziere und der Gcndarmerieritt* meister Trapiziu. auch die vier Gendarmen, sind Amtspersonen und Können nur mit Genehmigung ihrer Obrigkeit, d. h. des Kricgsministers und des Ministers des Innern (iür die Gendarmen). vor Gericht gestellt werden. Es wird interessant sein zu erfahren, ob der Staatsanwalt des Grodnoer Gerichts. Herr Klopow, wirklich darauf hestanden hat. dass die Schuldigen vor Gericht gestellt werden, und wenn ja. welche Antwort unsere kraniuse und willenlose Justiz auf ihre Vorstellungen bekommen hat. So viel wir augenblicklich wissen, werden auf der Anklagebank bei weitem nicht die Hauptschuldigen sitzen. Und wie kann cs anders sein? Während der Untcrsuchungsrichter es für nötig findet, den Oberst Sehrettcr zur Gerichts- Verantwortung zu ziehen, auf grund dreier sehr ernster Arfikel des Kriniinalstrafhuches wird dieser vom Kriegsministciium im Range erhöht. Seine Pogromtätigkeit wird also belohnt. Der Chef der Garnison in Bjclostok. ein vormaliger Adjutant des Grossiürsten Sergius. General Bogaewskij. hat nach dem Pogrom den hohen Orden des Wcissen Adels bekommen, der Chef des Garukonstabs. Oberst Tiaschelnikow. der wüh» seinen Freunden im Nu in der Bude und die rührigen Pferde zogen sofort kräftig an. ,•Roter Hund, denke an die Abmachung! Und ihr, Brüder, lebt wohl und gedenkt unser nicht zum Bösen!“ Der Staub stieg säulenförmig empor, die Bude flog dahin und nach wenigen Stunden verschwand sie hinter dem netten Walde, den seitdem die Zuantzer Juden, zur Erinnerung an den hochherzigen Märwicher-Häuptling, Pinte-Wald nannten. — L Die entflohenen Juden machten in einiger Entfernnng Halt, gruppierten sich zu einem Haufen und verfolgten mit angestrengtem Blicke die Bewegungen der der Schenke znstrebenden Reiter. Als sie aber unter den letzteren den Wüterich Woickowski bemerkten, schürzten sic schleunigst die Falten ihrer langen Kaftans auf und rannten, mit den Fersen ihrer schlottrigen Pantoffel klatschend, aus Leibeskräften auf dem Wege nach Zwantz dahin. — Woickowski jagte ani die Gruppe, in deren Mitte Zodek sich Sefand, vorbei. ohne diesen eines Blickes zu würdigen, und ritt direkt auf den Roten zu, der inzwischen seinen Wagen bestiegen und auf einem sehr problematischen Waschfass Platz genommen hatte. Drei Haiducken, die dem Verwalter gefolgt waren, ritten an das Eingangstor und sprangen von ihren Pferden. ״Nun. schon augclangt, mein Lieber?" frug Woickowski mit gemacht süssücher Stimme. ״Küss’ die Hand, erlauchtester Pan Woickowski.'* ״So steige doch ab. Tor! Was sitzt du da. wie die Kröhe auf dem Aas?“ ״Bitte ... ich muss fahren, wenn ich zur Nacht daheim sein will.“ Wohin denn daheim? Hier ist ia deine Arrende’*־ ״Nein, Pan. Die Arrende brauch’ ich nicht und die Schenke will ich nicht.“ (Fortsetzung folgt.)

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