Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. Iß htnweisen. wie sehr d e Statistik und Demographie der jüdisehen Rass: nicht nur für diejenigen. die eine Lösung der Judenfrage suchen, sondern auch vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus interessant seien. Jn dem Rundschreiben sind weiter die nach deutschem Muster unterschiedenen Arbeitszweige genannt, welche d!e Tätigkeit des Vereins umfassen soll. Bei genügender BctcHigung wird in kurzem die Grünthnigsvcrsamnilung stattfinden. Jüdische Auswanderung Aliens Bill in England. Man hatte von dem Siege der Liberalen in England ge hofft, dass die Beschränkungen der Ercmdeneinwandcrung nunmehr ganz verschwinden würden. Diese Hoiinung hat uns gründlich enttäuscht. Obgleich die Liberalen eine Majorität von fast 300 Stimmen im englischen Parlament haben und es ihnen ein leichtes wäre die Immigrations-Bill ganz aufzuheben, oder wenigstens in liberalem Sinne zu ändern, so ist Jedoch bisher in dieser Sache noch nichts geschehen. Ja, das jetzige liberale Parlament zeigt sogar mehr Feindschaft gegen .die Juden als das frühere konservative. Auswanderung. Das fnformationsburcau der ״Jca“ in St. Petersburg wird, wie der Jüdische Volksverein erfährt, demnächst eine Zeitung füi Emigranten herausgeben. Die Fahrpreise des Norddeutschen Lloyd, Bremen, für Zwischendeckpassagiere sind vom II. 'März 1907 infolge der neuen F.inwanderungsbestinimungen und des giossen Andranges erhöht. Von jetzt ab kostet die Überfahrt nach New-York mit Schnelldampfer 190 Mark, mit Postdampfer 170 Mark, nach Baltimore 160 Mark, nach üalvesione IW Mark. Jüdische Ausw anderer au! Ochsenschiffen. Anschliessend an diese Ausführungen über die Misshanülung jüdischer Auswanderer auf englischen Ochsenschiticn in seinem Monatsbericht vom Januar teilt der ״Jüdische Volks verein'‘ heute folgendes mit: Das von uns gelieferte Material wurde in THE JEW1SH WORLD, diesem weitverbreiteten jüdischen Organ Englands mit einer ausfiihrliehen Einleitung der Redaktion veröffentlicht. Die nächste Nummer derselben Zeitung brachte ein interview mit Herrn Gompcr. das die Redaktion veranlasst hatte und dem der Volksverein folgendes entnimmt: Herr Gompcr. der ehemalige Leiter des jüdischen Asyls für Obdachlose, der jetzt ein sehr bekannter Schiffsagent in East End ist, antwortete dem Vertreter des JENVISH WORLD auf seine Frage, was er von den Berichten über die Misshand lengen wisse, dass ihn die Sache wenig überrasche ״Nicht im mindesten, ich muss offen gestehen, dass ich schon seit einiger Zeit von diesen Dingen gewusst habe. Sie sind in Sch!ffahrLskreisen bekannt. Bei einer grossen Anzahl von Menschen habe ich Selbst bemerkt, dass sie über und über mit Beulen und Wunden bedeckt waren.** ״Wer ist dafür verantwortlich?“ ״Nun das System ist eben folgendes: Der Kapitän des Schiffes hat eine bestimmte Ladung Vieh oder Menschen auf- Frau aber sahen auf ihn, wie auf ihren guten Genius, wie auf einen von Gott zu ihrer Rettung gesandten Engel. Zodek war geradezu sinnlo svor Freude: seine Wangen bedeckten sich mit flammender Röte, seine Augen leuchteten und sogar ein Lächeln schlängelte sich um seine welken blauen Lippen. Er war durch die plötzliche Wendung der Dinge und die Augenscheinlichkeit seiner Befreiung von einem gefährlichen Konkurrenten so verblüfft, dass er ganz vergass. seinem, unerwarteten, w?c vom Himmel gefallenen Retter zu danken; er war in sich selbst versunken und machte sich schon mit der Hoffnung vertraut, auf der Zwantzcr Arrendc verbleiben zu dürfen. Nur seine Frau, obwohl nicht minder glückselig, dachte an die Dankespflicht: schweigend, mit Freudentränen in den Augen eilte sie auf den greisen Pinte zu und presste ihre Lippen auf seine Hand. Der Marwicher sah düster auf seine von Tränen der Frau feucht gewordene Hand und wendete sich an den Rabbi. ״Gebe Gott, dass diese Tränen nur ein wenig meine Hand abwaschen, wenn ich vor .das Gericht des Höchsten treten werde. Viel, viel hafteten ihr seit sechzig Jahren. Wie denkt Ihr darüber, ehrwürdiger Rabbi?״ zu nehmen und erhält so und soviel für die Aufsicht über das Vieh und für Essen und Futter. Das Geld kann er verwenden, wie er will, und intnlgcdcsscii ist die Vc rsuchung für ihn sehr Kross, recht billig dabei wcRZukonuncn. billig arbeiten zu lassen und billiges Essen zu liefern. Die jüdischer! Emigranten werden durch die Aussicht auf eine kostenlose Rückreise verlockt. Viele von ihnen denken, dass die Jahrkartcn übertragbar sind und dass sie filier diese verfügen können, wenn sic hier ankommen. In Wirklichkeit aber enthält jedes Billet die genaue Beschreibung des Inhabers, so dass es nahezu umuöglieh ist, das Billet an einen anderen weiterzugeben. Die Leute auf den Ochsenschiticn sind in der Gewalt der Matrosen, welche sie sehr schlecht behandeln, da nach Meinung der Matrosen die Juden die englischen Arbeiter schädigen. Bei dem Kapitän sich zu beklagen, ist unmöglich, da er unnahbar ist." . ץ ״Kann die Regierung nichts dagegen tun?'״ ־Obwohl sehr grosse Schwierigkeiten zu überwinden wären, denke ich doch, dass etwas getan werden konnte, um die Leute schon drüben zu warnen und die Schiffsoniziere hier sollten ihre Augen offen halten und der Polizei über jede verkommende Misshandlung Bericht erstatten." In derselben Nummer des Blattes findet siel; noch folgender Brief des Herrn J. Hyams ans Liverpool. Herr Hyams schreibt, dass er das vom ״Jüdischen Volksverein’* in Berlin veröffentlichte Material sowie ajich eigen gesammelte.־» dem Handclsministcr unterbreitet habe, der ihm auch versprach, die Angelegenheit zu untersuchen. Herr Hvams bittet um Zusendung von neuem Material, das der YoJksvetcin ihm hercits zugesichert hat. Soeben gebt diesem noch die Nac::ric!1t zu. dass das Handelsministerium, au welches sich Herr Hyams wegen der Ochsetisch itigraiisnuikei teil gew andt hatte, die Angelegenheit dem Marine-Departement in London überwiesen hat. Herr Hyams erhielt folgendes Schreiben: Marinedepartcmcnt. WI1ite!1all Gardens. London, SW. 20. Februar 1907. Geehrter Herr! ln Erwiderung Ihres Schreibens vom 15. d. Mts. betr. die angeführten Fälle schlechter Behandlung der indischen Emigranten auf atlantischen Ochsenscltiffen. teile ich Ihnen auf Veranlassung des Haudehninisteriums hicrJurcU mit. dass, wenn Sic die Güte hätten, uns mit genauen Details der einzelnen Fälle zu versehen, wir Untersuchungen ir. der Angelegenheit cinlciten werden. J. A.: Walter J. Hmvel. Bekanntlich fliehen immer gewaltigere Massen von jüdisehen Proletariern aus dem Osten Europas, vor allem in die tibc!stoischen Gebiete. Um welche Zahlen es sich hier handelt, welche Wichtigkeit diese Wanderungen nach jeder Richtung hin beanspruchen können, ergibt sich mit einer bisher nicht vorhandenen und deshalb um so dankenswerteren Deutlichkeit aus dem 5. lahresbericht, den der Hilisvereln der Deutschen luden soeben für seine Mitglieder erstattet ״Gott ist barmherzig. Er straft, aber er verzeiht auch. Leget oft, mein Bruder, solche gottgefällige Taten in die Wagschalc des allerhöchsten Gerichts —■ sie sind schwerwiegend, . . . vielleicht iiberwiegen sie gar .... Doch das betrifft, wie Ihr selbst gesagt. Eure Rechnung mit Gott. Mein Herz drängt mich aber. Euch brüderlich die Hand zu drücken und Euch von Herzen eine gute Reise zu wünschen ״. . . Ihr versteht doch, mein Bruder, welche Reise ich meine?" .,Zu spät, zu spät, Rabbi! Für mich gibt es nur eine Reise — aufs Schaffot, an den Galgen, oder wenn sich Gott erbarmt, auf einen jüdischen Friedhof. Ist auch ganz gleich; dort —- muss ich la doch vor einen strengen Richter treten." ״Brüder. Rabbi!‘‘ schrie ein Jude entsetzt, den Rabbi an dem Aermel zupfend. ״Es scheint. Reiter kommen hierher. Am Ende ist es der Mörder Woickowski mit seinen Haiducken! Kommt weg von hier, sonst passiert noch ein Unglück!“ Die Juden blickten sich erschreckt um und ergriffen die Flucht; nur der Rabbiner, Chaitn und etliche mutige Juden blieben am Platze und nahmen den abermals halbtoten Zodek in ihre Mitte. Seine Frau nebst seiner Familie schickten sie in die Schenke. Pinte war mit