Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16 Seite 153 JÜDISCHE RUNDSCHAU grafte zu entfalten, um sich in der schweren Zeit konkurrenzfähig im Lebenskampf zu erhalten -- diese Aufgabe ist von so hervorragender Bedeutung für die Existenz und die Stellung der jüdischen Gesellschaft, dass die erziehliche Beeinflussung des jungen Juden wahrend seiner Studienzeit nicht hoch genug vingeschätzt werden kann.- Wir treten •nun vor die Frage, ob wir dem freien Studentcnlehen das Wort reden sollen oder dem Eintritt in eilte der vielen Korporationen. Schon die Einsicht, dass uns Juden allen die Einordnung in abgeschlosscne Gesellschaften, die bescheidene Unterordnung, der Zwang zur Pünktlichkeit und Exaktheit im täglichen Leben, kurz das, was ich gern mit einer gewissen Bewuuderung strammes Prcusseiutun nenne, welches dem, der es sich aneignet, so sehr wohltätig im praktischen Leben ist, dass uns alle diese Eigenschaften nicht von Geburt an in Fleisch und Blut übergegangen sind, erhält in mir eine Vorliebe zur Korporation, allerdings nur zu derjenigen, in welcher die strengste Disziplin herrscht, ohne welche ihr jede Existenzberechtigung abgeht. Das Korporationswesen bat für den obiektiveu Beurteiler im grossen und ganzen seinen früheren Schrecken verloren, die jüdischen Korporation!•.! haben durch blöde Nachäfferei des dem Juden gar nicht einmal eigentümlichen Trink- und öden Radau wesens nur kurze Zeit ihre kulturellen Pflichten vernachlässigt. Heute hält jede Korporation, welche Anspruch auf Geltung erhebt, mit grösster Strenge darauf, dass ihre Mitglieder ihre Arbeitspflichten eriülle.1. Der verbummelte Korporationsstudent gehört in das Reich der Mythe. Ich spreche also aus prinzipiellen Gründen für jüdische Studenten das Wort dem Eintritt in jüdische Korporationen. In ihnen findet er wahre Freunde, mit denen er für die Zeit seines Lebens in enger Verbindung bleibt Sie sollen nicht nur die Stätte sein, an welcher er im Kreise froher Genossen aus allen Gegenden des Reiches Anregung erhält, sich auch auf Gebieten fortzubilden, welche seinem Fachstudium nicht eng angehören, er wird gleichgestimmte Seelen finden, mit denen er die Freuden der Jugend geniesst. Das Leben der Finkenschaft bringt gewöhnlich nur die engeren Landsleute zusammen, und dies führt zur Einseitigkeit. Diese Jugendzeit, in welcher der Student am meisten don Eindrücken der Ausscnwclt zugänglich ist, .sollte ihm aber auch eine gesunde Basis für seine Eigenschaft als Jude geben. Diese muss fest sein und auch bei allen Wandlungen, welche das Leben mit sich bringt, fest bleiben. Nichts aber gibt hierfür eine solche Gewähr, als wenn sie in einem Bunde erworben ist, welcher durch immer neuen Nachwuchs zwischen Alt und Jung eine Kette bildet und das Bindeglied vieler Generationen von Akademikern ist. Der jüdische Akademiker findet die beste Erziehung für den uns Juden zehnfach harten Lebenskampf in der jüdischen Korporation. — Bei der grossen Bedeutung des einigenden Momentes, nämlich der Erziehung zu selbstbewussten ireuen Juden, die ihre Aufgabe im späteren Leben gern äriüJIcn, sind die Differenzen zwischen den einzelnem Verbänden von durchaus untergeordneter Bedeutung. Ob Verpflichtung zur unbedingten Satisfaktion geordert wird oder nicht, ob Mensuren zu schlagen sind oder nicht — ich habe hierin niemals den Kern der :üdischcu Studentenfrage finden können, trotzdem ich heut noch Anhänger d^r unbedingten Satisfaktion und der weitestgehenden Forderungen im Mensurwesen als Erziehungsmittel bin. Das Leben zeigt aber, dass der Wert des Akademiker nicht mit dem .Massstabc des Paukwcscns gemessen werden darf. Ohne ferner liier auf die Metisurfrage näher einzugehen, sei mir eines hervorgehoben: Die Satisfaktionsfrage zwischen Juden und Christen ist heut eine Chimäre für den sich selbst achtenden Juden geworden, seitdem die meisten fechtenden christlichen Korporationen die Waffen der Juden als ehrliche nicht mehr anerkennen — ein prächtiges Mittel von Selbstwehr! Die in der letzten Zeit so oft hervorgehobene deutsch-vaterländische Gesinnung jüdischer Korporationen schien mir ein erfreuliches Zeichen dafür zu sein, dass man anfangen will, als Studenten dem nörgelnden oppositionellen, politischen Parteiwesen Valet zu sagen, welches den staatsbürgerlichen Ruf der Juden Jahrzehnte lang untergraben hat. Bedauerlich ist cs nur, dass diese Hervorhebung notwendig ge- Galgen — einmal muss es ja sein . . . früher oder später, diese Tour muss ich tanzen. . . ».NVcr seid Ihr? Was sprecht Ihr?“ fragte der Rabbi verblüfft. ״Rabbi, ich bin ein böser Meusch, ein elender Sünder; doch ich tue auch manchesmal Gutes ... Uebrigens ist das eine Rechnung, die ich mit dem da oben auszumachen habe; ich habe gesündigt und werde meine Strafe empfangen. Und jetzt bitte ich Euch, bester Rabbi, erlaubt mir, mit jenem roten Hund ein Wort zu reden.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, trat der Fremde hocherhobenen Hauptes und festen Schrittes zu dem neuen Rendar. Ihm folgten die verdutzten Juden, die Gefährten des Fremden und * auch der Rabbiner. Jtiöre mal, Roter", begann der Fremde mit heiserer Stimme, mit drohendem Blicke und zusannnengezogenen Augenbrauen. ״Du bist ein Bcn-TaImid-( Chochom. nicht wahr?“ ״Nu?“ brummte der Rote grimmig. ..Und ich bin ein grosser Rabbi.“ ..Hi. hi, hi! Noch einer!“ .Warte mit deinem Grunzen. Laffe. Ich bin »ich( so ein Rabbi wie jener dort, der zu dir. Hund, mit den Worten Gottes auf den Lippen kam . ..nein, ich bin ein anderer.Ich spreche zu dir int Namen meines Genossen, des Teufels der Hölle. Wisse denn, ich bin der Marw ich er-Rabbi!*) Hast du mich verstanden oder nicht?“ i Der Rote wurde erdfahl und wich einen Schritt zurück. Auch die Juden schauerten zusammen, und der Rabbi erhob ängstlich seine Rechte, als wollte fcr die Gewalt des Teufels von sich abwehren. . ״Weisst du jetzt, wer mit dir redet So passe einmal ganz genau auf: hast du schon jemals von der Krakauer Marwicher-Bande gehört? Hast du von ihrem ״Rabbi“ Pinte Schlächter gehört? Der . . . bin ich!“ *) Die ״Marwichet-Üaudeu" waren organisierte Räuberbanden, die alle Jahrmärkte' in Polen und Russland unsicher machten. Ihr Hihrcr Hess iseh ״Rabbi“ nennen und erfreute sich der grössten Achtung und des blinden Gehorsams seiner Genossen. Wenn aber ein nachweislich armer Bestohlener sich an den ״Rabbi“ wandte, erhielt er die gestohlenen Sachen ohne weiteres unversehrt wieder zurück. . _. ״/ . ׳ ׳׳V-\ י f . / i