Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 152 JÜDISCH!» RUNDSCHAU No. 16 lung dem Beobachter nicht entgangen: während damals die Verquickung des Studcntenlebcns mit dem einseitigfortschrittlichen Parteileben etwas ganz Selbstverständliches war, will der Nachwuchs heut wenig mehr davon wissen. Und hferin liegt der Keim der Oesundung des jüdischen Staatsbiirgcrlcbcns. Akademiker sind in allen Verbünden die Wortfiihrcr. So war es immer, wo grosse Fragen die Welt bewegten, und so wird es sein, solange es noch ״Fragen״ gibt. Deshalb ist es unsere Pflicht, der Studentenschaft dauernd unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Um nun Art und Wesen des Studenteatums für die gesamte Nation richtig würdigen zu können, darf man sich weder mit einem kurzen Blicke in die akademische Republik begnügen, noch darf man an den so mancherlei Aeusscrlichkeiten, Resten mittelalterlicher Sitten, unmodern für unseren Geschmack, haften bleiben. Das frei-fröhliche Leben des Studenten, das Streben für den Beruf und — der ernste Lebensgang des Philisters. wie viel Poesie auf der einen Seite, wie viel tiefer Ernst auf der anderen. Und wer als Jude der alma mater huldigt, der soll der goldenen Blüten studentischer Freiheit doppelt sich freuen. Dean seiner harrt der Ernst des Lebens in vielfach trauriger Gestalt. Er muss schon als Student sein Streben verzehnfachen, um dereinst den Kampf ums Dasein glücklich bestehen zu können. Die Studentenzeit ist die Lehrzeit für das ganze kommende Leben. Wer in ihr sich freut, dem bleibt die Freude eine dauernde Erinnerung und Stütze in trüben Tagen. Aber ebenso unauslöschlich sind die Schmerzen der mancherlei Enttäuschungen, unter denen gerade die jüdische Akedemikerschaft zu leiden hat. Daher sei es einem, der gerade in der Zeit seine Studentenschaft verlebt hat, in welcher der Bruch zwischen jüdischen und christlichen Studenten sich vollzog, gestattet, Vätern und Söhnen ein Wort des Rates zuzurufen. Je schneller der Student seine Illusionen von interkonfessionellem Verkehr ablegt, den er als Gymnasiast wohl noch pflegen konnte, um so weniger schmerzlich wird ihm die Enttäuschung sein. Der Verkehr auf der Universität regelt sich heut nach der Zugehörigkeit zur Konfession. Wie der einzelne darüber auch denken und fühlen mag, an der Tatsache selbst ist nicht zu rütteln. Die wenigen Ausnahmen in der freien Studentenschaft und die noch geringeren in einigen Korporationen bcstätigen nur die Regel. Der Christ, der heut als Rcnommiergoj in eine paritätisch sich geberdende jüdische Korporation eintritt. wird in Bezug auf den ״Stolz des freien Mannes“ ebenso eingehend mit der kritischen Lupe betrachtet werden müssen, wie der Jude, welcher — bis die Grenze der prozentualen Duldung ,erreicht ist — iti einen paritätisch-christlichen Verband sich aufnehmen lässt. Qualitativ sind Rer.ommierchrist und Konzessionsjtid von genau derselben Minderwertigkeit. Der Jude, welcher heut die Universität bezieht, soll daher seinen Verkehr ausschliesslich in iiidischen Kreisen suchen, sich freilich nicht grundsätzlich den nichtjüdischen Kommilitonen vcrscliliessen. welche seinen Verkehr suchen. — Die Notwendigkeit dieser Stellungnähme wird nicht durch unser Bedauern geändert, dass sie eben im Laufe der Jahre, mit der Entwicklung des Antisemitismus zum Ascmitismus eingetreten ist. Fur beide Teile förderlicher wäre der gute alte inter* konfessionelle Verkehr in seiner alten Harmlosigkeit. — Die Studentenzeit soll nicht nur die Vorbereitung■; zeit für den Fachberuf sein, sondern auch für die spätere Stellung im bürgerlichen Leben. Sind es doch gerade die Akademiker, welchen in mittleren und kleinen Ortei! die Aufgabe zufällt, Leiter und Mitberater in allen die Gemeinde betreffende״ Angelegenheiten zu sein. Haben sich hierin in den letzten Jahrzehnten W andlungcn vollzogen, so lag die Schuld hieran an den Akademikern, die nach der Iuterkonfcssionalität dürsteteu, deren Durst hiernach aber in den letzten Jahren durch die Abweisung seitens der christlichen Gesellschalt vergangen ist. Die Aufgabe, die Mitglieder der Gemeinde zusammcnzulialtcn, ihnen geistige Anregung zu geben, sie zu beraten, in ihnen das Gefühl des freien Menschen selbst bei der gesellschaftlichen Acchtuug, h der wir Juden heut alle leben, nicht vom Ghettogefüh! unterdrücken zu lassen, in ihnen vielmehr das Stolzgefühl des altadligen Judcnvolkes zu pflegen, sie anzu- I spornen, ihre geistigen, moralischen und sittlichen Letzter Wunsch Krank, heimatlos, gehetzt von Ort zu Ort, So wank’ ich müde meine Strasse fort. Wo ich auch anpoclf und um Obdach fleh', Stösst man zurück mich rauh in Sturm, und Schnee Trostlos und öde liegt vor mir die Welt. Im Leichentuch das schneebedeckte Feld; Die Raben krächzen, wie an jenem Tag, Da sterbend Weib und Kind am Boden lag. Da der Kosacken rohe Henkershand In unser Haus geschleudert Fcucrsbrand, Und des entmenschten Pöbels blinde Wut ' Die Erde hat gefärbt mit ihrem Blut. Als ein gebrochner Mann, so zieh ich nun Von Land zu Land, hab keine Statt* zu ruhn. Man stösst mich weg von dort und drängt mich hier, Als wär kein Mensch ich, nein, ein räudig Tier! 7.um letzten Mal hab* ich mich aufgerafft; Ich kann nicht mehr, — zu End’ ist meine Kraft! Schaddai, so mach ein Ende meiner Not, Gib mir nur Ruhe, endlich Ruh* .... im Tod! Hans Goslar. Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. (Fortsetzung.) Der rotbärtige Greis, der bisher mit keinem W'orte, keiner Bewegung an der sich vor ihm abspielenden Szene teilgenonunen hatte, schüttelte energisch mit dem Kopfe und berührte sanft den Aermel des Rabbiners. ״Rabbi. . .“ ״Ach, ein Orach.“ sagte der Rabbi, den Fremden bemerkend und ihm die Hand zum Grusse reichend. — Verzeiht, mein Bruder, dass.ich Euch bis jetzt nicht bemerkt; Ihr seht ja das Unglück, das uns betroffen. ״Verehrter Rabbi, ich danke Euch, aber . . . Eure Hand kann ich nicht annchmen, denn ich bin nicht wert, diese ehrwürdige Hand zu berühren.“ ״Ich verstehe Euch nicht, mein Bruder.“ sagte der Rabbi betroffen, unwillkürlich einen Schritt zurückweichend. ״Ihr werdet mich schon verstehen; ich werde es Euch selbst sagen und nichts verheimlichen und — unsere Leute werden mich doch wohl nicht verraten. Und tun sie es dennoch, . . . nun, dann komme ich an den