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Jüdische Rundschau · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · page 22

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1 "*יק• I | . i 1;! :! I! » i I •1 ן 1• ו Seite 58 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 15 Nun gibt es aber Leute, die da meinen, dass, wenn sich in einem Staate mehrere Nationalitäten befinden, diese in die herrschende Nationalität aufgehen müssten, wenn sie als patriotisch gelten wollten. Ganz abgesehen davon, dass cs eben vielen Nationalitäten, nämlich den starken. Icbcnskrüttigen unmöglich ist. in einer anderen zu verschwinden, ist nicht recht ersichtlich, weshalb der Patriotismus mit dem Aufgeben der nationalen Eigenart erkauft werden muss. Ist doch begrifflich Patriotismus schon allen denen eigen, die ihr Vaterland lieben und dementsprechend sein Bestes fördern I Dafür die Worte des deutschen Kaisers, die er in Posen sprach: ״Das Königreich Preussen setzt sich aus vieler! Stämmen zusammen, die stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart. Das hindert sic nicht vor allem gute Preussen zu sein.“ Das ist um so selbstverständlicher, als es gar keine geschlossenen Nationalstaaten in Europa gibt. Vorausse.tzung natürlich ist, dass die nationalen Bestrebungen eines Volksstammes nicht mit den Interessen des Gesamtstaates, dem er eingcglicdert ist, kollidieren. Ist nun eine solche Kollision unserer zionistischen Pläne mit den Interessen unseres Vaterlandes zu* befürchten? Keinesfalls Unsere nationalen Wünsche gehen nicht über das hinaus, was den anderen Nationalitäten in den einzelnen Ländern gewährt ist. Wir verlangen in Nationalitätenstaaten wie Österreich dieselben Rechte wie die anderen Völker. Wir begnügen uns in Ländern, in denen die Verschiedenheit der Nationalitäten staatsrechtlich nicht zum Ausdruck kommt, mit der Piiege unserer nationalen Zusammengehörigkeit im Rahmen des bestehenden Vereins- und Versamnrlungsrechts. Darüber hinaus geht unser Streben nicht. Vor allem beabsichtigen wir nicht irgend ein Stück eines Landes von diesem loszureissen und dort einen jüdischen Nationalstaat zu gründen, auch in der Türkei nicht, denn wir wollen nicht den törichten Versuch machen. Palästina seinem derzeitigen Herrscher gewaltsam zu entreissen. sondern wir hoffen, dass er uns freiwillig den Charter erteilen wird, der uns die Möglichkeit der Behauptung des Landes sichert. Derselbe Dichter, dessen schöne Worte über das Wesen der Vaterlandsliebe wir zun» Ausgangspunkt unserer Betrachtungen gemacht haben, ruft uns auch zu: ״O lerne fühlen, welcher Stamms Du bist.'* Und iri der Tat wird Lob immer denjenigen zuteil, die sich noch in fremden Landen ihre nationale Eigenart bewahrt haben, und werden mit Recht die getadelt, die sich ihrer entäussert haben. ..Eine solche Verworfenheit nationaler Selbstentwürdigung ist geradezu ent• setzlich“ meint unser grosser Gegner Treitschkc. indem er sich missbilligend über diejenigen Deutschen in Ungarn aus- ■ spricht, die sich ihr Deutschtum nicht bewahrt haben. Sollte man annchmen, dass er von diesen Leuten verlangt hat, sie sollten gute Deutsche und schlechte Ungarn sein? Nein, gute Deutsche und gute Ungarn. Ebenso wollen wir Zionisten gute Deutsche, Engländer, Franzosen etc., aber auch gute Juden sein. Hier gibt es kein Entweder-Oder, denn eines schlicsst das andere nicht aus. ״Der Mensch ist eben nicht nur ein Teil einer einzigen Gemeinschaft, cs ist ihm vielmehr wesentlich, dass er vielen Gemeinschaften zugleich angeboren kann, ohne in einer ■von ihnen mit seiner ganzen Persönlichkeit aufzugehen.“ Wir Juden gehören nicht nur staatsrechtlich zur deutschen, englischen, französischen etc. Staatsnation, wir fühlen uns auch innerlich als ein Stück des Volkes, in dessen Mitte wir leben, durch die gemeinsame Sprache und durch die gemeinschaftliche Kultur, die uns Juden und Nichtjuden, als Gebende und Empfangende ve«einigt. Andererseits aber gehören wir auch der jüdischen Nationalität an. Aus unserer Zugehörigkeit zu jeder dieser Gemeinschaften folgt zugleich, dass wir Pflichten gegen beide zu erfüllen haben, und dass die Vernachlässigung derjenigen gegen die eine so schlimm ist, wie der gegen die andere. Unsere Pflichten gegen die verschiedenen Staatsnationen haben wir bisher vollkommen erfüllt. Wir haben redlich mitgearbeitet an der Grösse unseres Vaterlandes aut dem Gebiete der Politik wie des Gewcrbefleisses, der Kunst wie der Wissenschaft. Wir haben unser Vaterland auch nicht in den Zeiten der Gefahr verlassen und für seine Ehre und Machtstellung gekämpft. Kein Zionist will, dass es hierin anders wer den soll. Haben doch sogar in der englischen Armee während des südafrikanischen Krieges zwei zionistische Vereine bestanden und befanden sich doch unter den 40 000 jüdischen Kriegern auf den Schlachtfeldern der Mandschurei nicht wenige Zionisten, unter Urnen sogar einige Mitglieder des Aktionskomitces! Aber was wir Zionisten fordern, ist. dass sich die Juden auch ihrer Pflichten gegen die JtTdischc Nation er- Innern mögen, die sic bisher nicht erfüllt hafien, dass^ sie stolze Juden werden wie sie stolze Deutsche. Engländer. Frantosen etc. sind, und dass sie alle mitheifen ihren unglücklichen Brüdern eine gesicherte Heimstatt zu gründen in dem Lande, das unsere historische Heimat »st Aus den Ortsgruppen Versatnmlungsanzeigc. Berlin. Montag, den־ iS. April. 9 Uhr abends, findet in Dräscls Festsälen. Neue Fricdrichstr. 35. eine zionistische Ver- Sammlung statt. Herr Rechtsanwalt D r. H a 1t t k c wird über das Thema: ..Was erwarten wir vom VIII. Kongross“ sprechen. In der Versammlung werden Schekelblocks für. die ausliegcn. welche im laufenden Jahre noch keinen Schekel gezahlt haben Auch werden neue Schekelblocks zur Fortsetzung der Scliekelsanuulungeh ausgegeben werden. . Parteigenossen welche am Erscheinen verhindert sind, werde»! gebeten, ihren Schekel baldigst an unseren Kassicrci. Herrn J. H. Wagner, Prenzlauer Allee 9. in bar oder Briefmarken cinzuscndcn. Besondere Einladungen zur Versantmjung crRcn.cn nicht. Gäste sind willkommen. Berlin. Herr i)r. B l o c d e - Nürnberg, über dessen Vortragsturnee in dieser Zeitung bereits mehriach berichtet wurde, hat in der letzten Zeit noch in folgenden Städten gesprochen: in Bremer, am 17. März über״ Die Entwicklung der Juden zun! Zionismus“, in H a in b 11 rg am 18. März über ״Jüdische Kolonial-Politik“. in Lübeck am 20. März über ״Physische Regeneration der Juden", in Wilhelmshaven am 23. März über ״Grundlagen der Zionismus‘■, vormittags in der Synagoge. Am selben Abend in Ein den über ״Jüdische Tagespolitik*'. Überall erfolgten Beitritte. In Wilhelms- 11c vc n wurde eine Ortsgruppe gegründet, der sofort 2U Mitgileder beitraten, in Bremen 10 neue Schekelzahler ge- Wonnen. Der Erfolg der Versammlung zeigte sielt ausser in den positiven Resultaten, in dem überall lebhaft geäusserten Wunsche, recht bald wieder einen zionistischen Redner zu hören. Berlin. In der ״J üd i s c 11 - n a t i o n a! e n Frauen- Vereinigung sprach atu Montag, dem 18. März Fräulein Charmah Margarete Sachs über ״Jüdische Kulturpionierc in! mittelalterlichen Martyrologiurn". Die Vortragende iührte in ihrer tiefen und geistvollen Art aus. welch einen grossen Einiluss die Juden auf die Kultur des Mittelalters ausübten, trotz des Martyriums und trotz der qualvollen Verfolgungen, denen sic gerade in dieser Epoche der Geschichte ausgesetzt war&n. Der Vortrag machte einen tief ergreifenden, doch auch einen erhebenden Eindruck auf alle, die ihm beiwohnten.!Das Bewusstsein. dass der jüdische Genius trotz Not und Gefahren und Peinigui'geu nicht erstirbt, ist ein erhebender Trost in aller Drangsal. Frl. Sachs verdient unseren innigsten Dank und der reiche Beilall, der ihr am Ende ihres Vortrages zu teil wurde, zeigte ihr den Eindruck, den ihre Worte auf d.e Zuhörer gemacht hatten. ob. Königsberg 1. Pr. ln der hiesigen Zionistischen Vereinigung sprach am Dienstag, dem 26. v. Mts. in der Bürger-Ressource der ehemalige Dumaabgeordncte Dr. Sch. Lew in über die Juden in Russland und in Amerika. Unser Ehrenpräsident Dr. meJ. Hoppe eröffnet die sehr stark, zum Teil auch־ von ftichtjuden besuchte Versammlung mit Worten des Schmerzes und der Empörung über die rumänischen Greuel. :111 der die europäischen Staaten mitschuldig seien, da sie nicht auf die Erfüllung der Verträge vom Jahre 1878 gedrungen hätten; man müsse sich daher an den Haager Friedenskongress wenden. mit dem Verlangen, dass endlich auch gegen die Juden abgerüstet und ihnen schliesslich der Friede gegeben' werde. Alsdann eigriff Herr I)r. Lew in das Wort, ■der übrigens in Berlin studiert hat und in Königsberg promovierte, zu einem Inständigen Vortrage, der durch seine Lebendigkeit und Gedankenfülle ausserordentlich interessierte und einen tiefen nachhaltigen Eindruck auf die Zuhörer machte. Die Lage der Juden in Russland, so begann der Redner, ist hier in der Nachbarstadt ja genügend bekannt, ausserdem ist kaum eine besondere Veränderung im alltäglichen Leben der Juden zu bemerken, denn man hat sich, wie an die Bewegung der Erde schon an die Schäden und Leiden gewöhnt, dass man sie nicht mehr spürt. Die Hoffnung, die man auf die Duma und das verlichene Wahlrecht gesetzt hut.ist nicht erfüllt wollen. denn die jüdische Minderheiten werden in den 15 Gouvernements, in denen sie ein beschränktes Wohnrecht haben, nnj'orisicrt und haben jetzt selbst, die. in der Mehrzahl von Juden bewohnte Stadt Wilna verloren. Man hat sogar den Kampf gegen die Juden dazu benutzt, um bei den diesmaligen Wahlen zwischen 0

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