Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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I Beilage j JUEDISCHE RUNDSCHAU / ' ־ Aus der zionistischen Bewegung Jg.XII,N0.15 Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Der 8. Zionistenkongress. Laut Anordnung des Aktionskomitees müssen die Wahlen zum 8. Zionistenkongress, der Mitte August stattfinden wird, bereits in der Zeit von Dienstag, den 21. Mai bis einschliesslich Sonntag, den 26. Mai erfolgen. Wir ersuchen daher die Inhaber von Schekelblocks uni schleunige Einhebung der Schekelgelder. . Alle Schekclgelder müssen bis Anfang Mai a־n unseren Schatzmeister abgelicfert sein. Später einlaufendc Schekclgelder werden voraussichtlich bei Einteilung der Wahlbezirke nicht mehr berücksichtigt werden können. Das Aktionskomitee hat die Wahlen auf das oben ar.gegebene frühe Datum angesetzt, damit cs in der Lage ist, zu kontrollieren, ob die Wahlvorschriftcn genau inne gehalten sind. Wir bitten auf die Einziehung der Schekclgelder •die grösste Sorgfalt zu verwenden. Jeder Zionist, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechtes ist zur Zahlung des Schekels verpflichtet. Das Zionistische Zcntraibureau ist vom 9. April ab telephonisch zu erreichen durch: Amt I. 9391. (Georg Neuen־ fehl. Manefstrassc 2.) Patriotismus und Zionismus Von Ür. iur. Alfred Cassircr. Patriotismus ist mit ״Vaterlandsliebe“ zu übersetzen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr bedeutet das Wort als die Liebe 2um Vaterland, die Liebe zu Land und Leuten. In der Hitze des Parteikanipfes ist diese Tatsache leider ausser acht gelassen worden und Patriotismus zu einem nur allzu geläufigen Schlagwort geworden. Nur so ist es zu erklären, dass auch die Gegner des Zionismus sich seiner im Kampfe gegen diesen bedienen, um. wie die sog. Protestrabbiner, die zionistisehen Lehren in Gegensatz zu denen des religiösen Judentums zu bringen, da dieses ״seine Bekenner verpflichte, dem Vaterland. dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen“: oder gar. wie Professor Ludwig Geiger es tat. um die Hilfe der Staatsregierung gegen den ״unpatriotischen*• Geist des Zionismus anzurufen, . Den Juden ist ihr Patriotismus immer bestritten worden. Natürlich mit ebenso wenig Recht, wie er jetzt den Zionisten von ihren jüdischen Gegnern ahgcsprochcn wird. Aber es lohnt gegenüber den Ausstreuungen unserer Gegner, dass der Zionismus deshalb, für das Judentum K,döhrlich sei. weil er Zweifel an der patriotischen Gesinnung der jüdischen Bevölkerung hervarrufen könne, fcstzustellen, dass cs nicht des Zionismus bedurft hat, um diesen Erfolg zu erzielen. Die Juden haben stets an der Spitze gestanden, wenn es galt, ein vaterländisches Werk zu fördern, haben sogar auf den Schlachtfcldern ihr Blut für das Vaterland gelassen. Konnte man weitergelien in der Verleugnung des eignen Volkstums als es die Juden im vergangenen Jahrhundert taten, nur um keine Verdächtigung ihrer Loyalität aufkommen zu lassen? Und cier Erfolg? — Sie mussten sich immer gegen den Vorwurf des Kosmopolitismus verteidigen. Der ..roten“ Internationale wurde die ..goldne“ zur Seite gestellt, und die Alliance is• raölite sollte der Geheiinbund aller dieser dunklen internatio nalen Mächte sein. Jeder Pfennig, den wir unseren unglück- •ichen Sta in inesgenossen in anderen Ländern spendeten, wurde zum Beweis für die jüdische internationale Solidarität gestempelt und daran unsere Unzuverlässigkeit in vaterländischen Dingen demonstriert. Immer blieben wir verdächtige Gesellen, denen man nicht über den Weg trauen dürfe, denen jedes patriotische Empfinden abging. ..ein Element der nationalen Dekomposition“, der nationalen Zersetzung. So lagen die Dinge schon, als der Zionismus kam. 'Vic konnte er dort etwas verderben, wo nichts mehr zu verderben war? Wir Juden als eine in der Minderheit befindliche Natlo- 'nalität, deren Liebe zu den Konnaktionalcn an den Grenzpfählen irgend eines Staates nicht halt macht und naturgemüss nicht halt machen darf, werden immer von gewissen Chauvinisten als in punkto Patriotismus unzuverlässig angesehen und denunziert werden. Begnügen wir uns also mit unserem guten Gewissen und lassen wir uns durch antisemitische Verdächtigungen nicht darin beirren, unsere Pflicht zu tun. «Wie mächtig ist der Trieb des Vaterlands!" Dieses Wort unseres grossen deutschen Dichters zeigt die Bedeutung, die das Vaterland für das Leben des Menschen hat. Ihr kann sich keiner entziehen. Die Liebe zum Vaterlandc wurzelt so tief in der Seele des Menschen, dass keine Misshandlung sie uns aus dem Herzen reissen kann. Das haben wir Juden erlebt, die wir von Land zu Land getrieben wurden und dort Unrecht erduldeten, wo wir eine Heimat gefunden zu haben glaubten. So elementar wie die Liebe der Kinder zu ihren Eltern, hat sich auch bei uns die Vaterlandsliebe gezeigt. Wir waren und sind doch immer Patrioten geblieben, selbst wenn das Vaterland uns von sich sticss. Per Zionismus kann daran nichts ändern und will es auch nicht. Auch er erkennt an. dass unser Vaterland kein anderes Land sein kann als dasjenige, in dem wir geboren sind, in dem wir die Staatsbürgerrechte gemessen, dessen Kultur wir ln uns aufgenoinmcn haben und mit dem wir noch durch mancherlei andere Bande verbunden sind wie Sprache, gemeinsame langjährige Geschichte nsw. Wir Juden mögen cs gewiss bedauern, dass Palästina nicht auch das Vaterland des Einzelnen ist, wie es das Stammland des ganzen Volkes ist. Die ״Judenfrage'* wäre uns und unseren Wirtsvölkern erspart geblieben. Jedoch cs ist anders gekommen. Und wir lieben unser Adoptivvaterl&nd, wie Kinder ihre Adoptiveltern lieben, die nie ihre angestammten Eltern gekannt haben. Ein Dualismus wird freilich in der Seele derjenigen Juden fortbestehen. die im Lande, das sie ihr Vaterland nennen, keine Heimat gefunden haben. Die Macht der Verhältnisse zwingt heute viele Tausende auszuwandern und sich eine neue Heimat zu suchen. Audi sie sind gewiss gute Patrioten, solange sie sich in dem Lande befinden, in dem sie geboren sind. Aber wären sie es auch nicht: Wer w ollte es ihnen ver- Übeln? Der psychologische Grund für die Verdächtigung unsercr patriotischen Gesinnung durch antisemitische Gegner ist ja der, dass das schlechte Gewissen dieser Leute keine Anhänglichkcit bei denen vermuten lassen kann, die man täglich misshandelt. Es wäre schon möglich, dass in einer leidenschaftlichen Seele die Liebe zum Vaterland, das sich als Stiel- Vaterland erwiesen .hat, in Hass umschlägt. Aber das wird immer nur bei wenigen der Fall sein, und die grosse Mehrzahl selbst russischer Juden wird sich nicht anders als blutenden Herzens von der Heimat losreissen. Allen diesen Heimatlosen aber will der Zionismus eine Heimat bereiten in dem Lande,' das eigentlich nie aufgehört hat, ihre Heimat zu sein, weil sic keine andere gefunden haben: in Palästina. Und kann uns Zionisten ctw׳a daraus ein Vorwurf gemacht werden? Man hat wohl immer die Handlungsweise dessen, der Unglücklichen, die sich im Vaterhnde nicht wohl fühlten, zu einer llciimt verhalf. als eine edle bezeichnet und seine Vaterlandsliebe nicht zu verdächtigen gewagt. Aber sind nicht überhaupt gerade unsere Absichten die patriotischsten, die man sich denken kann? ״Ich glaube, sagt Theodor Herzl. dass man cs uns in den Ländern, wo man die Juden nicht mag und selbst in den anderen als ein patriotisches Verdienst anrcchncn wird, wenn wir die lästige alte Judenfrage endlich lösen, wenn wir die überflüssigen Juden ablciten und damit die Gefahr einer Revolution beseitigen, die mit den Juden anfingc und man weiss nicht wo authören würde." Ein Blick nach Russland belehrt uns. wie recht er mit diesen Worten gehabt hat. Wir Zionisten leisten also unserem Vaterlande einen unschätzbarcnDienst. wenn wir diejenigen Eiemente hlnwegföhren, die mit ihm nicht dauernd verwachsen können oder wollen -- mit einem Wort: Wir handeln patrio tisch. Sollte sich aber dereinst unser Traum eines jüdischen Gemeinwesens erfüllen, so wird der Patriotismus derjenigen Juden über allen Zweifel erhaben sein, die ihr Vaterland nicht verlassen, sondern in ihm ausharren werden, trotzdem ihnen die Möglichkeit eines freieren Auslchctts ihrer Persönlichkeit geboten Ist. Freilich werden sie mit ihren Sympathien die Fortschritt», des indischen Volkes in seinem Stammlande begleiten, aber dieses natürliche Ergebnis der nationalen Vervandtschaft ist nicht!״!patriotisch. Wir sehen überall in der Welt die gleiche, auch werktätige Anteilnahme stammverwandtcr Volker an dem Geschicke des andere״..