Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651515--04566-2661545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lOUISCilü RUNDSCHAU Seite 148 No. 15 —- י״■ ■». -.—l sie nie geahnt hätte. — Dass sich die rumänische Bauernschaft J »n trauriger Situation befindet, kann niemand bestreiten., aher 1 hiefur die Jeden, den ewigen Sündenbock aller Regierungs־ Parteien, verantwortlich zu machen, ist wirklich grausam. Will man schon die iirdischcn Pächter, deren Zahl im Verhältnis zu den christlicher gering ist, beschuldigen, so kämt man das doch nicht auf alle Juden verallgemeinern. Was haben aber denn -die' armen Juden von Burdufenf, ßucecea. Barabant, Negrcstl Botosanl. Bacestl etc. etc. an der Verarmung der ru* mänischci! Bauern für einen Anteil? ~ Die rumänischen Juden, die hier im Lande geboren und erzogen wurden, die hier absolut sämtliche Bürgerpflichten (Steuern. Militärdienst etc.) leisten., selber aber jedes Rechtes, selbst der freien Niederlassung auf dem Lande, entbehren, können doch nicht dafür, dass alle Regierungsparteien die politisclte Erziehung und Verbesserung der Lage der Bauern absichtlich vernachlässigt haben! — Darum schert sich aber der rumänische Gesetzgeber nicht, sondern macht den Juden verantwortlich. — Um die Bauern zu .beruhigen, hat man in aller Eile Gesetze dekretiert. die es der Regierung gestatten, mit den Juden zu machen, was sie will. Der Minister des Innern, Herrjonel Bratiann. ha! bereits allen Präfekten Weisungen gegeben, die ״Fremden“ aus den Dörfern zu vertreiben und in Kurzem werden wir hören, dass es eine An ah! unglücklicher jüdischer Familien gibt, die in die Städte ziehen müssen, um sich dort eine neue Existenz zu gründen. — Leider wird cs niemanden einfallcn. heute den ernsten Vorschlag zu machen, den rumänischen Juden, die ihre samtliehen Bürgerpflichten erfüllen, die hier zu Lande geboren sind und unter dem Schutze keines anderen Staates stellen, die Bürgerrechte, die ihnen selbst nur auf grund des Berliner Kongresses gebühren, endlich zu gewähren! Keine Grossmacht Europas rührt sich, um den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen und auch von de:׳ jüdischen Bankiers, die hei der •cizigen finanziellen Lage des Landes Vieles, ja Alles, erw irken kennten, weiss man nicht, ob sie ihren Einfluss in diese׳ Richtung geltend machen würden! — Eine kräftige Agitation der westeuropäischen Juden (Alliance, Hilfsverein. Bnc-Brith-Logen) bei den kompetenten Stellen — eventuell auch auf der Haager Konic’rcnz - könnte die rumänische Regierung sehr wohl veranlassen, ihre aui dem Berliner Kongress übernommene Verpflichtung zu erfüllen. Aut fluchte, dass die 6 Millionen zählende Bevölkerung eine Gleichstellung der 250 Tausend Juden ungerne sehen würde, dürften gar nicht geduldet werden und die Umgehung der Verpflichtung müsste ein iür alle Mal ausgeschlossen werden. Jetzt, wo den Juden so viel Unglück seitens der Rumänen zuteil geworden, wäre es der günstigste Zeitpunkt, auf diese gerechten Forderungen mit aller Energie zum Ausdruck zu bringen. Wird dieser Zeitpunkt nicht ausgeniitzt. dann können sich alle rumänischen Politike«־ in’s Fäustchen lachen, denn dann sind die Juden zu cwigeiiFrohndicnsten in Rumänien vordämmt. -- Jetzt hätten die westeuropäischen Juden Gelegenheit, ihreriichtjädischcrseits so sehr angepriesene Solidarität zu beweisen! --- Wehe uns. wenn sic cs nicht tun! — Man teilt aus sicherer Quelle mit. dass die Rcgjcrufjg die Absicht hat. an alle rumänischen und ״fremden'* (1. c. jüdi-־ scheu' Gutsbesitzer und Pächter, die infolge der Bauern-Re- \ciution Schaden erlitten haben.‘ den Appell zu richten, dass sie heim Staate keine Entschädigung fordern mögen, da der Staat selber infolge dieser Erhebung mehr Schaden als jeder gehabt habe, in materieller sowohl wie in moralischer Bc- Ziehung — In vielen Orten w ollen die Bauern solange nicht vom Pliir. dern ablassen. als bis man sic von den in den Kirchen ge* leisteten Eiden, gemeinschaftlich zu rauben und zu sengen, entbunden haben wird. Daraufhin hat der Metropolit-Primas in Bukarest allen Geistlichen telegraphiert, sie sollen die Bauern versichern, dass sie sich von solchen Eiden entbunden betrachten mögen, da ein Eid. böse Taten gegen Kirche mul Staat zu verüben, ein Verbrechen sei, welches Gott und Gesetz nicht unbestraft lossun können. Fortwährend kommen Nachrichten, dass auch solche chrislUche. Gutshcsitr.ev geplündert werden, die bis nun mit den Bauern im besten Einvernehmen gelebt haben. Nur in seltenen Fällen werden die Besitzer und Pächter von den Bauern gewarnt und können so ihr Leben retten. — Der Wahr heit entsprechend müssen wir konstatieren, dass es einige wenige Fälle gibt, wo auch Juden von den Bauern geschont Mild sogar beschützt worden sind. Die Zahl solcher Fälle ist aber verschwindend klein im Verhältnis zu der. w׳o arme jüdische Familien ohne jeden Grund ihrer ganzen Habe beraabt werden sind. Ein Telegramm besagt, dass in der Petmleumgcgcnd Cämplna über 5 russische Arbeiter, die nach der Meuterei auf dem Schiffe ״Potemkln“ hier,. Gastfreundschaft gefmukn haben, verhaltet worden sind. Es dürfte das mit den gegenwärtigen Unruhen im Zusammenhänge stehen. Eine grosse Anzahl auf dem Lande ansässiger Juden habe», dem Ministerialbcfehlc gemäss seitens der Präfekturen Wcsimg bekommen, in ganz kurzer Zelt die Dörfer zu verc lassen und in die Städte zu ziehen! Das ist das Debüt des Ministers des Innern.Jonel Bratlanu. urfter der neuen ״liberalen“ Regierung des Herrn D. Sturdza. Es wird nicht w׳eitcr gefragt, ob die betreffenden Juden in den Dörfern geboren sind, aus denen man sie ausweist, es kümmert sich keiner darum, dass alle rumänischen Juden ausnahmslos sämtliche Bürgerpflichten erfüllen und dass alle Gewerbe betreibet!. die der Landbevölkerung nicht nur keine Konkurrenz machen, sondern ihr fast unentbehrlich sind. Die meisten Juden auf dem Lande, die zum Teil in׳ den betreuenden Dörfern geboren sind oder der grössten Teil ihres Lebens dort Zubringern sind Handwerke!־ (Schneider, Schuhmacher. Tischler, Bäcker) oder Kaüiicute, niemals aber Schankwirte, da als letzte nur Ru- 111iir.cn bescfiäftigt sein dürfen. Es ist somit zur Evidenz erwiesen, dass es sich nicht um Leute bandelt, die den Bauern gefährlich sind, sondern dass man den Juden einfach infolge seiner Nationalität aiistreiben will. 1111 Erlass des Präfekten wird allcidings nur von ..Fremden'* gesprochen, doch geschieht wiiklich fremden Ausländern, ja selbst ausländischen Juden absolut nichts, denn Jcr Sinn des Ter!1ti״us tcclmiciis ״Frcri.de'*. ist den Behörden %ollkom:ne11 bekannt. Es ist einfach. c!:1pörcml zuzu.sehen.* wie Bulgaren. Pulen. Ungarn und andere Staatsangehörige sich ohne Naturalisation lamdbesitz unter den Augen der Behörden erwerben, was gegen die rumänische Konstitution ist, während den seit Jahrhunderten in Rumänien wohnenden und ihm ebenso wie alle Bürger dienenden Juden der blosse Aufenthalt am der.1 Lande auch ohne Besitz v<»1! immobilen. Vermögen verboten wird! — Die Verzweiflung der aimen Leute kann man sich schwer verstellen. Inzwischen befindet sich unter den Staatsmännern niemar.d. der sieh der rumänischen Juden nnnehmeii würde. Nu״ Herr Peter P. Carp. der Chef der Jimimistischcn (jnugkonservativen) Partei, der in der Judenfrage ziemlich liberal denkt, gibt einem Intcrwicwer der FRANKFURTER ZEITIN'G zu. dass man für die Juden etwas tun müsste. Er meint, man musste für die jüdische Intelligenz ähnliche Massrcgeln ergreifen, wie es Preussen nach dun Freiheitskriege anlässlich der Angliedcrung der Provinz Posen getan. Das wäre, sagt Herr Carp, ein Ansporn für die Tüchtigen und fürs Land ein grosser Gewinn, da so viele Intelligenzen für die rumänische Kultur arbeiten würden Die Massen, der arme Teil der jüdisehen Bevölkerung, müssten unter den Schutz des Gesetzes gestellt werden, was ihnen bis beute nicht gewährt worden, ii.ciem sie so eine Beute der Agenten der Regierungsparteien gebheben seien. In diesem Interview spricht sich Herr Carp über die Baucrn־Un1uhcn aus und schreibt den grössten Teil der Schuld der jetzt ans Ruder gekommenen Partei der Liberalen zu. Aut deren Veranlassung hätten Dorflehrer. Pfarrer und Gemeindeschreiber die Bauern aufgercizt. ihnen das Blanc vom Himmel und sichern Erfolg versprochen. Wenn die Ervignisse die Absichten der Hetzer iibertroffen haben, so könne sie das noch nicht entlasten. ־ Er gibt ferner zu. dass der Kiedit des Landes stark erschüttert ist und bezweifelt, oh vmand so bald neue Kapitalien in das Fass Pulver einlegen wird. Herr Carp erklärt sich bereit, einer europäischen Konimissioit zu beweisen, dass der rumänische Bauer nicht unter den Gutsbesitzern oder Pächtern leidet einige Ausnahmen zugegeben - sondern nur unter der s<»genannten Verwaltung der Präfekten. Gendarmen, (lemeindeschreiher, Geistlichen und Lehrer, welche alle miteinander von der schweren Arbeit des Bauern leben. Das sei des Lindes Unglück! Bei der hrnemnitig \on Beamten gelte den Regierungen nicht die l üchtigkeit der Bewerber im Fache, sondern ihre Leitung bei den Wahlen als Kriterium. Dieses Iplcrvicw mit dem bekannten Staatsmann erregt hier grosses Aufsehen, dessen Programm wird aber von der Regierung kaum beherzigt werden. ־ In Slatina (WaUachei) wurde der christliche Gymnasialdirektor Tlberius Popescu auf grund konfiszierter Korrespondenz als Anstifter der Revolution im Distrikte Olt verhaftet. Diese Verhaftung erregt grosses Aufsehen und die Regierung hofft, dadurch auch einer Anzahl Personen aus Bucarcst, die mit den Unruhen im Zusammenhänge stehen, auf die Spur zu kommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.