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Jüdische Rundschau · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 147 1 No. 15 erinnert an die verübten Untaten der Bauern und des mit ilmcn vereinigten Gesindels. In vielen Ortschaften, die wir ausführlich im letzten Berichte dieser Zeitschrift angeführt, herrscht Ruhe, denn es gibt keine jüdische Seele mehr darin. Et le combat ccssait faute de combattants. Was nicht nach Österreich flüchten konnte. Ist zumeist ih in die Bczjrkshauptstädtc geflohen, da sich dort viel Militär aufhält und die Ruhe viel gesicherter Ist. So feiern tausende Juden das hentige Pessachfest! — Hin end ־wieder hört man in der Moldau noch von Nachspielen, die aber geringere Bedeutung haben. Aus allem lässt sich ab er erkennen, dass die Erhebung der Bauern eine organisierte war und dass man nach echt russischem Muster vorgegangen. Ebenso ausser Zweifel steht es. dass die Revolution eine Eolge der von der Beamtenschaft geduldeten und sogar geförderten antisemitischen Propaganda ist. Dass an manchen Stationen die Eisenbahnzfigc von Bauernrotten anfgchaltcn und nach jüdischen Reisenden gesucht worden ist, ist nach dem Geschehenen eigentlich klar. — Ebensowenig kann uns heute erstaunen, wenn man z. B. in Jassy von Pogromen an den Pessachtagen spricht. Das alles gehört ja zum russischen Programm, das hier als Muster benutzt worden ist! — Das im Lande verursachte Unglück lasst sich heute un* möglich abschätzen, soviel ist gewiss, dass viele reiche Leute heute keine Unterkunft mehr haben und dass die Armen auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen worden sind. — Wir hoffen zwar, dass mit der Zeit Rune cintrctcn wird, das verursachte Elend kann aber schwer gut gemacht und namentlieh die Erinnerung daran ausgelüsebt werden! — Es hat sich diesmal so recht gezeigt, was die rumänischen Juden von »liier Zukunft erwarten dürfen. — Schöne Träume über dereinstige Gleichberechtigung, Erhebung zu Vollbürgcru mit glcidien Pfli'eUcn und g!eichen Rechten wagen heute nicht einmal die enragiertesten Assimüanten von früher zu träumen. Der Wille des ״friedlichen, harmlosen rumänischen Volkes hat sich heute in seiner ganzen Leistungsfähigkeit gezeigt! — Nun ist cs in der Moldau verhältnismässig ruhig. Im südlichen Teile des Landes, wo sich — ausser in den Distriktsstädten gar keine Juden aufhalten — geht es toll zu. Wie erklären das die biederen Leute, die alle Schuld der Verarmung des rumänischen Bauern- Standes lediglich den Juden zur Last legen? — ln den Distrikteil Vlasca. Tclcorman. Dolj etc. gibt es weder jüdische Pächter noch jüdische Gutsbesitzer und doch leisten sich die Bauern Grausamkeiten, die einem die Maare zu Berge stehen machen — Es wird nicht blos zerstört. Peuer gelegt, durch Jahrzehnte erworbenes Vermögen vernichtet, sondern in grauenerregender Weise gemordet, geschlachtet. Eine grosse Anzahl Gutbesitzer. -Pächter und -Verwalter sind so ums Leben gekommen! Einem wird der Kopf gespalten, dem anderen werden die Augen ausgestochen, einem andern wird das Maus über dem Kopf angezündet und dergleichen mehr. Viele Soldaten und selbst Offiziere werden von der rasenden Menge niedergehauen, was zur Folge hat. dass man auf die Bauern erbarmungslos schiesst. So haben eine grosse Anzahl Baccrn ihr Leben eingebüsst. Das jüngste Telegramm besagt, dass auf Ortschaften, wo Militaristen von Bauern ermordet worden sind, mit Kanonen geschossen worden ist, und zwar Ira Distrikte Vlasca auf die .3 Ortschaften: Vieru, Odlvodla und Stauest!, welche dadurch vollkommen zerstört worden sind. Die Grausamkeiten, die sich der immer als mildherzig dargestellte rumänische Bauer leistet, spotten jeder Vorstellung. Ein Regierungswechsel lässt im allgemeinen die rutnäni* sehen Juden ziemlich kalt, da die Juden, die bekanntlich als ..Fremde** betrachtet und behandelt werden, von beiden ״historisdien" •Parteien — den Konservativen und den ״Liberalen" — das.Gleiche erwarten dürfen. Diesmal hat sic aber der Wechsel der Partei weniger angenehm berührt, da Herr Sturdza. trotz seiner Gegenbehauptung. Antisemit ist, und die Absicht hat. die Gesetze betreffend den Aufenthalt der ״Fremden" G. e. Juden) auf dem Lande mit Strenge zu ״handhaben“. Auch wurden bereits vom neuen Ministerium vongelcgtc Gesetzentwürfe zu Gesetzen erhoben, so dass die Juden dies andere eher als eine rosige Zukunft Im Lande gewärtlgen'düifcn. Infolge des Regierungswechsels gibt es jetzt 32 neue Präfekten -■ für {eden Distrikt einen — im Lande. In Bacni! ist zum Präfekt Herr Radu Porumbaru ernannt worden, ein Antisemit der gemeinsten Kategorie, der den B a c a u e r Juden alles mögliche Leid zuffigt. Dieser Hurrapatriot hat vor einigen Jahren ohne jeden Grund einem jüdischen Droschkenkutschcr das Gesicht mit Vitriol verbrennen lassen und dergl. mehr. In letzter Zelt hat er eine systematische Boykottierung jüdischer Kaufleute zu erwirken gestrebt und auch viele jüdische Kleinhändler, speziell Bäcker, in ihrer Existenz geschädigt — Vielleicht wird Herr Ingenieur Porumha ru in seiner neuen Stellung seinen früheren Prinzipien untreu? Das »st ein sehnlicher Wunsch der Juden! -- Zum Glücke kann man von den anderen Präfekten nicht das Gleiche wie von Herrn Porumbaru behaupten. — Eines steht aber fest: die finanzielle Lage Rumäniens, die infolge der inländisehen Revolution sich gewiss verschlecbtert hat. wird in Kurzem verbessert werden! Esgibtja noch im Auslände, speziell in Deutschland, jüdische Bankiers, die der rumänischen Regierung unter die Arme greifen werden! — So war es schon früher, so wird cs auch diesmal sein! — II. Die Revolufioii der Bauern, die im Morden des Landes ihren Anfang genommen, hat sich rasch auf das ganze Land verbreitet. In der Moldau ist es jetzt wieder ruhig, aber in der Wallache! gährt es weiter. Während in der Moldau wenige Menschenleben unigckommcn sind, ist im südlichen Teile des Landes die Zahl der Todten sehr gross. — Zu An• fang hatte die Bewegung der Bauern einen ausgesprochenen antisemitischen Charakter, heute aber kann dies nicht mehr behauptet werden, da auf dem Lande •der Wallachei keine Juden wohnen u»1d es trotzdem so furchtbar zugeht, dass man die Artillerie gegen die Revolutionäre, in Anspruch nehmen musste. Ausser den in unserm. letzten Berichte genannten 3 Ortschaften sind noch im Distrikte Mehcdlrii (in der Nähe von TurnusSeverin) die Dörfer: Gvardiniia. Oprlsori. Timtiia und Balncitza durch Kanonenschüsse total zerstört worden. Die Zahl der umgekommenen Menschen ist kolossal — Die Bewohner dieser Dörfer, die zumeist hinreichend Boden bcsüssen. hatten Grausamkeiten verübt, die der menschliche Geist kaum fassen kann. Es wurde erbarmungslos gegen Gutsbesitzer. Pächter und deren Familien vorgegangen. Nachdem die Männer verwundet oder getötet. Frauen und Mädeben geschändet w׳urden. setzten die Bauern Häuser. Stallungen und Getreidemagazine in Brand. — Der im Lande verursachte materielle Schaden soll bereits 300 Millionen ausmachen, doch־ lässt sich noch nicht alles übersehen, da die Unruhen fortdauern. allerdings mit geringerer Wucht als früher. Das ganze Infanterie-Militär einschliesslich Reserven vom Jahrgang IMS ab steht unter Waffen, ebenso wurde bei den anderen Truppengattungen ein Teil der Reserve einberufen. Fast das ganze Militär aus der Moldau ist jetzt nach dem Süden abgereist, um die Ruhe wieder hcrzustcllen. Es sit!d ungeheuer viele Tote unter den Bauern zu verzeichnen. Die Gefängnisse reichen zur Aufnahme der Verhafteten lange nicht aus und so sind alle Militärarreste mit Bauern überfüllt. Man teilt mit. dass z. B. in Botosani auch Kirchen als Gefängnisse benutzt werden. — ln seiner letzten Sitzung hat das Parlament der Regierung das Recht cingcräumt. nötigenfalls vom Standrecht Gebrauch machen zu dürfen. — Unter den Verhafteten befinden sich vielerorts die Monoratioren der Dörfer, als Bürgermeister. Geistliche und Lehrer, welche die Bauern aufgehetzt haben. Viele der betroffenen christlichen Gutsbesitzer und Pächter machen ausser dem be rüchtigtei: Expräfcktcn Vasescu auch den antisemitischen Universitätsprofessor Jorga für den ihnen entstandenen Schaden verantwortlich, denn durch ihre Propaganda und die der ״Antisemiten-LIga“ der ein Staatsbeamter, namens Sakelarle versteht, sind die Bauern ursprünglich gegen die Juden auigehetzt worden Herr Jorga hat um polizeilichen Schutz gebeten und ihn bekommen. Rumänische Patrioten beklagen es natürlich, dass sich die Bauern nicht blos auf die Beraubung der Juden beschränkt haben und so mancher Gutsbesitzer beruft in seiner Angst um sein Leben und seine Habe die Bauern um sie zu beruhigen, indem er ihnen klar macht, dass doch nicht alle Christen für die Schandtaten jüdischer Pächter. ..welche das arme rumänische Volk aussaugen" autkommei• könnten. — Es ist aber hinlänglich bekannt, dass sich die Bauern unter jüdischen Pächtern zumeist besser stehen als unter christlichen Besitzern, geschweige denn Pächtern. Kommt cs vor, dass jüdische Pächter die Bauern zu sehr ausnützen, so haben die christlich-orthodoxen Besitzer Ihre Hand mit im Spiel, denn nur dadurch erzielen sie nie dagewesenen Pachtzins. Der Jude ist in solchem Falle blos das Instrument der Bojaren. — Dass sich das tatsächlich so verhält, bcw'cist zur Genüge die Wallache!'. wo von indischen Pächtern gar nicht die Rede ist un^l die Revolution Formen annimmt, wie man 4

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