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Jüdische Rundschau · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite J46 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 15 Tod vor Augen sehend. Nur zwei Menschen sitzen still und rühren sich nicht, als ob sie nichts von allem sehen und hören. Beinahe unheimlich erscheinen sie in ihrer starren Ruhe. Wer seid Ihr,, fragt man sie, dass ihr in solcher qualvollen Not schweigen könnt? Habt ihr kein Haus, kein Heim, niewand, der nach euch Tränen weint? Ja, antwortet einer von den beiden, wir hatten ein Heim, ein Haus, liebende Eltern und Freunde, doch das Haus hat man zerstört, und alles, was uns lieb und heilig war, in Schutt wfd Asche verwandelt. Unsere Lieben hat man gemordet und uns verjagt Unser Heim war in Russland, jenes Land, wo man nur sengen und brennen kennt Und wollt ihr nun wissen, wohin war fahren? Wir wissen es selber nicht. Und mit der ganzen Pein seiner gemarterten Seele ruft er: ״Amerika treibt uns nach Russland zurück 1"- Das ganze jüdische Urania unserer Gegenwart liegt in diesem Gedicht ״Mein Jüngcle“ ist ein Stück sozialen Familienlebens. RosenfeWs Familienleben. ״Am tiefsten ergreifen ans die Lieder, in denen der zionistisehe Gedanke zum Ausdruck kommt“ sagte Frl. Dr. Hon rep, ciivo Christin, in ihrer Zeitschrift DIE FRAUENRUNDSCHAU. Rosenfeld wetss, dass es viele Juden gibt, die von Proletarierelend und Palästinaheirmvch nichts wissen wollen und dass der zionistische Gedanke noch Tausenden ein Acrgernis ist“ ״Wir aber,** sagt sie. ״grüssen die sehnsuchtdurchzitterte Romantik, wo immer ihre blauen Blumen erblühen.“ Mrt feinem Verständnis hat sic das Gedicht ״Wir waren nicht immer das Volk, das weint" zum Abdruck gebracht. Ich habe nun versucht, einen kleinen Teil jungjiidischcr Dichter vorzuführen. Dichter, die trotz verschiedener Sprachen spezifisch jüdisch sind, die alles das zusammenfassen, was unsere Seele bewegt und die jüdische Charakteristik hervorhebt. Jüdische Charakteristik Ist eigentlich ein schwer definierbarer Begriff, denn wir haben viele Gewohnheiten anderer Völker mit unserer Eigenart vermischt Wir besitzen die Schwermut der slavischen Völker, o(me Ihren Fatalismus zu kennen. Wir haben die Ruhe des Germanen, ohne ihre satte Behübigkeit Wir fühlen in uns die Leidenschaft der Südländer, ohne Ihre zügellose Wildheit Wir haben die lebhafte Phantasie und Verträumtheit der Orientalen, ohne ihre schlaffe Verweichlichung. . Wir haben die Fähigkeit der Sclbsterziehong und Beherrsebung in uns, trotzdem unser Geist leichter beweglich ist. Vielleicht Ist der jüdische Geist leichter beweglich, weil wir nicht sesshaft sind. Darum suchen wir nach einheitlicher Harmonie, darum ist unsere Sehnsucht eine grössere, unbezwinglicherc. In unserer Jungjüdischcn Dichtung tritt diese Sehnsucht mit wehmütigem Emst so recht hervor. Das ist die jüdische Volksseele der Gegenwart Auf eigener Scholle, auf sonniger Flur haben auch wir einst jauchzende Lieder gesungen, und süsser Harfenton durchzitterte unsere Seele. Dann sind die Siaiten plötzlich gc* rissen und tausende Jahre der Wanderung und Hcimaislosig- 1 keit liess uns das Lachen auf unseren Lippen erstarren. J Wenn der uralte Traum aber in Erfüllung geht, wenn i das ganze jüdische Volk erwacht sein wird, dann wird der I jüdische Dichter und Sänger auf eigener Scholle kein Lie-l voller schluchzender Sehnsucht nach Ruhe und Frieden singen, sondern kraftvoll und Jubelnd wird es ein Lied der Freiheit sein. Aus Rumänien 1. Im Bewusstsein ihrer Schwäche, die Baucrr.bcwcgunz zu unterdrücken, hat die konservative Partei des Herrn Cant?. - ettzino den Kationaliibcralcn Platz gemacht Herr D. S tu rd za steht nun an der Spitze der Regierung. In Anbc־ tracht der für das ganze Land gefährlichen Situation haben sich beide ״historische“ Regierungsparteien die Hände gereicht und das liberale Ministerium arbeitet mit einem absolut konservativen Pariament, um die Ruhe rasch wieder herzustellen Diese Eintracht, die beiden Parteien alle Ehre macht, hat sich zwar spät eingestellt, man muss aber auch damit zufrieden sein. — Die Bauernbewegung. die ursprünglich einen rein antisemitischen Charakter trug, ist jetzt ,.ausgeartet“ und man kann heute nicht mehr blos von jüdischen Betroffenen sprechen, denn die Zahl der Christen, die ihr Vermögen und sogar das Leben einbüssen wächst von Tag zu Tag. — Die dem Botosani’er Präfekten Vas esc u gegenüber bewiesene Schwäche rächt sich furchtbar, denn heute stehen lausenden unglücklichen jüdischen Familien fast ebensoviele christliche gegenüber. Für die einen wie für die anderen ajlcrdings ein schwacher Trost! — Die Bewegung der Bauern, die zuerst im Norden der Moldau entstand, hat sich auf das ganze Land erstreckt. Heute herrscht in der ' Moldau Ruhe — Grabesruhe ־- und nur patroullierendes Militär ״Rabbi, Brüder, was soll ich anfangen?'* jammerte, verzwciflnngsvoll die Hände ringend, Zodek, der in diesem Moment in Begleitung seiner Frau, die sich kaum auf den Füssen halten konnte, und einem ganzen Haufen todblasser Kinder auf die Strasse getreten war. Mit seinem zitronengelben Gesichte, seinen unheimlich glühenden, tiefeingefallenen Augen, schaumbedeckten blauen Lippen, den filzigen Pcies und seinem zerzausten Bart, seinem an der Brust breit offenen Hemde und dem zerrissenen Kaftan sah Zodek wie ein eben aus dein Irrenhause entsprungener Tobsüchtiger aus. ״Beruhige dich, mein Sohn, ״beruhige dich,“ tröstete der Rabbi. ״Qott wird dich nicht verlassen und unsere Brüder nicht deine Familie. Nicht wahr, Sohne Israels?“ ״Rabbi, ich nehme ein Kind in Pflege!“ rief der eine. ״Ich zwei!“ -- ״Und ich drei!“ sprach der Feind Zodcks. ״Und, Rabbi, ich verbürge mich dafür, dass wir alle Kinder Zodeks zu uns nehmen, sie wie unsere eigenen hegen und pflegen, die älteren in den Cheder schicken werden, bei Gott!“ ״Aber . . frug die Schenkerin, leise schluchzend. ״Du, gute Schwester, kommst zu uns,“ sagte der Rabbi mit unaussprechlich weicher Stimme und zartliebem Blicke. ״Meine gute Rahe! und meine geliebte Etja werden dich behandeln, werden dich lieben wie eine teure Freundin, eine nahe Verwandte.“ ״Sichst du, Zodek, du hattest keinen Grund, dich umzubringesn, den Kopf in eine Schlinge stecken zu wollen, wie ein trunkener Bauer,‘, bemerkte Reb Chair.1 lächelnd. ״Unter Brüdern wirst du nicht verkommen. Deine Frau und deine Kinder haben Obdach und Verpfilegung gefunden, und du kannst in die Welt gehen, etwas Passendes zu suchen. In Polen und der Ukraine ist die Zwantzer Schenke nicht die einzige, wirst schon noch eine andere finden und reich werden. Denk’ an meine Worte.“ Aber Zodek seufzte und liess den Kopf hängen - er schien nichts gesehen und gehört zu haben, was um ihn vorging. (Fortsetzung folgt.)

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