Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 1ה JÜDISCHE KUNDSCHAU konnte man in den jung-jüdische» Dichtungen am.besten verfolgen. ■; ' , ' ' ‘ ־ ־ : , ■ Wenn wir weiter ״.lung-lsracl“ von Bcrthold Feiwel lesen, so haben wir'den ganzen Kampf der Bewegung vor uns. Wahrend hier der Kampf mit unseren eigenen Brüdern, aber auch der unbesiegbare Mut und die starke 'Jugendkraft zum Ausdruck konuht, behandelt Feiwel ln seinem Gedichte ״BcruHa*4 die Schönheit und Poesie der "religiösen Etiipfindüngen. . . '״ ‘ ־ ־ Etwas, wie *die Weihe eines' Tempels; wie t*בית י הבקר Stinimimg l'st’in diesem Gedicht. Die bekannte1 Erzählung' von Rabbi Meir, dessen Söhne an einem־Sabbat starben, wifhrthd er tm Schulhause mit seinen Schülern lernte. Beruria, sein Weib empüngf den heimkehrenden OattcnT weil noch Sabbat isf, und Jede Trauer verboten, mit heiter sorglosem Gesicht,'' während tausend Qualen umj Schmerzen ihr Herz durchlxjliren und zermartern. ‘ ‘ ' Erst nach Schluss des Sabbats, nach der Habdäla. da erzählt Beruria, indem sic noch gewaltsam die eigenen Tränen niederkämpft, in schonendster Weise ihrem Gatten von dem entsetzlichen Unglück, das ihr Haus getroffen. Die ganze Kraft und die Grösse des indischen Weibes wird in diesem Gedieht verherrlicht. h'ine Welt von Liebe und Güte und Heldenmut, wie sic nur dem indischen Weibe eigen ist, spricht aus diesem Gedicht. ״Vom Heimwege** heisst die Gedichtsammlung von Theodnf ZIncisti. Zlocisti ist kampfesmüde. Line unbeschreib- 1iciic* Sehnsucht liegt in fast all seinen Gedichten. Ich möchte sie Golusscluncrzcn nennen. Ls ist die Sehnsucht nach endlicher Ruhe und Frieden, die man nach langer, mühevoller Wanderung verspürt. Jener Frieden, den man auf dem Wege zur Heimat im Voraus ahnt und empfindet. Sabbatlieder bringen diese Stimmung so recht hervor. Weit sonniger und heiterer schaut Martin Friedländer in die Zukunft. Seine Gedichte suchen nicht wie Zlocisti den Sabbat-Frieden, sondern eher die Sabbat-Freude. Die Freude der Hoffnung. Ihm leuchten die Sabbatkerzen hell und freundlich durch all das Dunkel der Nächte in die Zukunft. Etwas wie Vcrheissung spricht aus ihnen. hin anderes Genre ist Max Jungmann, dessen Gediehtsammlur.g ״Dornen * vor kurzem erschienen ist. Dornen ist die richtige Bezeichnung für seine Dichtungen. So spitz und stachelig reissen sie ein, und verwunden ״Nein.“ ,״Er,-mein seliger Vater, hat Dutzende von Kommentarien geschrieben. Er hat Sehaare Hapninim Hattocltosch verfasst —• habt Ihr’s gelesen?“ ״Ich habe weder Euren Vater gekannt, noch seine Schriften gelesen. Aber das gehört ja auch gar nicht hierher. Ich will mit Euch nur von einer Schenke und einer ■unglücklichen Familie reden.“ ״Wenn Ihr von einem so berühmten Gaon. wie mein seliger ,vater war, nichts gehört, heilige Bücher wie Schaare hapninim und Pi hanochosch nicht gelcscr. habt, was seid Ihr da für ein Rabbiner? Es passt mir gar nicht, mit Euch weiter zu reden.“ ״Hört, mein Bruder! Wollt Ihr vielleicht mit Absicht einer direkten Antwort attsweichen?“ ״Hört, Rabbi, oder wer und was Ihr sonst sein ntöget. fch weiss selbst, was ich zu tun habe und verlange von Niemandem sonst Rat.“ ״Nicht um Euch zu raten, bin ich gekommen, sondern um Euch zu bitten, anzuflehen im Namen Gottes: mordet Eure Nebenmmschen nicht, bringt nicht eine ganze Familie an den Bettelstab.“ Seite 145. mit ihrem feinen Spott und ihrer bitterer. Satyre wohl manches hypergermamschc Herz unserer modernen Halbjudcn. Ich möchte ihn den Heine und Saphir unserer Gegenwart nennen. Jungmann behandelt meist Tagcsfragcu politischer und sozialer Art. ' Selbst den eigenen Freunden versetzt er manchen Hieb, w enn es .Not tut. Man nimmt diesen Stich der Dornen aber gern hin, weil man zugleich den Duft der Rosen atmen darf. 'י Nun *komme ich zu lenen Dichtern, die ich als unsere kraftvollsten und bedeutendsten bezeichnen möchte. Das sind diejenigen,' die in dem vorher erwähnten Jüdisch-deutsch geschrieben haben, wie Boruchowitscli, Frug u. v. a. An ihrer Spitze stellt zweifellos Morris Roscnfcld als der hervorragendste. ' Die Jüdisch-deutschen Gedichte sind meist von •Bcrthold Feiwel und Theodor Ziocisti übersetzt. Einiges hat auch Buber ins Deutsche übertragen. Morris Rosenfeld ist ein armer russischer Jude, der sich mühevoll durchs Leben geplagt hat. Vor Jahren wanderte er von Russland nach Amsterdam aus, woselbst er sich durch Diamantschlcifcn ernährte. Doch dort ging es ihm auch nur sehr kümmerlich und er beschloss, mit seiner Familie nach Amerika überzusiedeln. Aber auch hier war ihm das Glück nicht hold. Als Sclmcidergeselle suchte er sein Brot zu verdienen und arbeitete, wie er selbst sagte, vom Morgen bis zum Abend wie eine* Maschine. Seine einzige Erholung war. wenn er abends, nach des Tages l-ast und Mühen, all seine Empfindungen in Dichtungen zusammenlassen konnte. Man weiss hei Rosctifeld nicht, was stärker ist. seine Empfindungen oder seine Sprache. Wie glitzerndes Geschmeide reihen s׳'ch die Stimmungen aneinander. Sehnsucht und Freude, Ruhe und Leidenschaft, alles, alles führt er uns in abgeschlossener Harmonie vor Augen. Ob er von der Vergangenheit spricht, ob er die Not und Qualen unserer Gegenwart schildert oder in lebhafter Phantasie unsere Zukunft malt, alles tritt wie ein Gemälde vor unser Auge und lässt einen bleibenden Eindruck zurück. Mit geradezu elementarer Gewalt packt das Gedicht ״Sturm*‘. Rosenfeld führt uns auf das Meer hinaus. Plötzlich erhebt sich ein gewaltiger Sturm, ein Krachen und Brausen erfüllt die Luft. Das Schiff bäumt sich und droht jeden Augenblick unterzugehen. Ilin fruchtbares Entsetzen packt alle Reisenden. Verzweifelt jammern und beten und schreien sic, den grausigen ״Ich bin unserem Gotte teurer, als Euer schmutziger Zodek, denn ich bin ein Ben-Talmid-Ciiocliom, und was :st er? Ein Scheusal, ein nichtsnutziger Wurm.“ ״Wenn Ihr Gott teuer seid, dann wird er Euch sicherlich auch ohne diese Schenke nicht verlassen Zodek wohnt hier schon länger denn drei Jahre und ihm steht auch das Recht der Chasaka zu.‘* ,41m, mein seliger Vater, der grosse Gaon, hat sie!» gegen die Chasaka ausgesprochen, und auch ich erkenne dieses Recht nicht an. Und ich habe keinen Wunsch, noch länger mit Euch zu sprechen.“ ״Rabbi,“ schrie die. durch die Frechheit des Roten wütend gewordene Menge, ״tut doch diesen frechen Kerl, diesen Asus-Ponin», in Chercm!“ ״Psch . . . psch ... ich werde an meinen Bruder, den Poscner Rabbiner, schreiben, und er wird euer ganzes schmutziges Nest in den Chcrem tun; mit mir macht ihr, Zwantzer, keine Scherze.“ ״Meine Brüder,“ rief schliesslich auch der geduldige Rabbiner zornig. ״Schade um jedes Wort, das man an diesen Menschen verliert. Das ist kein Jude, nein, das ist irgend ein Kosak aus der Horde des Popen NaHwaiko.“