Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 15 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 143 halten in bezug auf die staatsbürgerliche Gleichberechtigung innerhalb der Partei nicht wesentlich ändern. Es liegt mir fern, überzeugten jüdischen Sozialisten, •besonders •denjenigen, die sich als Proletarier kraft ihrer ökonomischen Lage dem Sozialismus angeschlossen haben, ihre blosse Zugehörigkeit zu dieser Bewegung zum Vorwurf machen zu wollen. Mit einer chinesischen Matter kann man äie Juden nicht von der Kultur ihrer Zeit, vom Ringen und Streben der Gegenwart abschltesscn; aber es mttss von unserer Seite immer wieder als Verblendung gegeissclt werden, wenn der Sozialismus die Parole zur Assimilation bildet und von dem Sieg sozialistischer Ideen die Erlösung der Juden erhofft wird. Die durch die heutige Lage der Juden bedingten ehernen Gesetze des Judenhasses weichen auch der Ideologie des Sozialismus nicht. Mögen wir uns in der Gegenwart limschen, mögen wir i« die Vergangenheit zurückblicken, überall sehen wir, dass man sich bei allen Bestrebungen die Juden als Mitstreiter gefallen liess, wo man opferfreudiger Kampfer bedurfte, und dass man ihnen gegenüber nach errungenem Siege von dem Recht der vis a tergo Gebrauch machte. Die Ursache des Antisentitismus. dfe Existenz von ethisch und anthropologisch diffcrenzferlcn Volksbestandteilen inmitten einer andersartigen Umgebung, würde auch in einer sozialistischen Ge- Seilschaft bestehen bleiben, und diese Annahme wird auch durch das Pracludium im Hamburger Hafen bestätigt. Für Deutschland haben diese Fragen nur akademische Bedeutung, denn hier existiert keine jüdische Proletarierniasse. die im Sozialismus ihr Zukunftsideal erblickt. Aber im ostjüdischen Leben, von dessen Entwickfung auch die fernere Gestaltung des Judentums abhängt, tritt der Sozialismus mit einer dem Westeuropäer ganz unbekannten Kraft der Propaganda auf. Mit fiebernden Augen bückt dort der junge Jude in die Folianten des ,wissenschaftlichen Sozialismus, aus denen vor seinen entzückten Augen lockende Traumbilder von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit anisteigen, und er w׳ird zum .Märtyrer für ein Volk, das ihm in glücklicheren Tagen mit Undank lohnen und vielleicht auch von einem Gegensatz des ״Rassenempfindens“ sprechen wird. Die Blüte der jüdisenen Jugend Russlands opfert sich im Kamfe gegen den Zarismus für das. russische Volk. Sic hat dem Menschheitsgedanken einen reichlichen Tribut gezahlt und ist durch ihr Heldentum geadelt. Darum soll jene kein Wort des Tadels treffen. Aber wir haben'das Recht und die Pflicht, tinserc Stimme warnend zu erheben, dass ein solches Uebcrmass von Selbstverleugnung von keiner: Nation geübt werden darf, wenn sie nicht von feindlichen Mächten wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben werden soll. Ist es nicht eia tragikomisches Schauspiel, wenn jüdisch-russische Studenten deshalb aus Deutschland verwiesen werden, weil sic für die deutsche Sozialdemokratie bei den Wahlen SchUpperdienste geleistet haben? Wahrlich, ein Vorgang, der im kleinen die Politik eines grossen Teiles der Juden wiederspiegelt. Jüdische Sozialisten Russlands! Noch habt ihr nicht die traurigen Enttäuschungen erlebt wie die deutschen Juden nach ihrer Beteiligung an den Freih'eitskämpfen, noch vertrauet ihr denen, die, selber Unterdrückte, jeden Helfer willkommen heissen; stellt die Kraft und Begeisterung, die ihr in so ungeahnter Fülle gezeigt habt, auch in den Dienst eures eigenen Volkes, damit auch euch selbst nicht die Wogen des Hasses d:reinst verschlingen. Vcstra res agiiur! Dicite, moniti! Hamburg. D r. Max Besse r. Aufruf Die ganze zivilisierte Menschheit steht unter •Jem Eindrücke der schauerlichen Ereignisse, welchen Tansende und Abertausende unschuldiger Juden der Moldau zum Opfer gefallen sind. In vielen Städten und Dörfern sind Existenzen ver-!lichtet und Unglückliche, die ohnehin schwer den Kampf um’s Dasein führten, ihrer letzten Habe beraubt worden. Kleine Kauflcute sind von ihren geplünderten Läden vertrieben, Handwerkern sind ihre Werkzeuge teils entwendet, teils vernichtet worden. Der Verzweiflungs- Kampf der Obdachlosen, der Hungernden. Gemarterten und Geängstigten und nicht zuletzt der Deklassierten — der Vielen, die beim Gedanken erbeben, dass sie nicht mehr wie bisher ihre Familien werden ernähren können, sondern zum Bettelstäbe greifen müssen — dieser gel- ״Ist dir recht geschehen, Chain!. Was mischst du dich in fremde Angelegenheiten?“ schalt ihn irgend ein naher Verwandter, ״was geht es dich an?“. ״Aber Isser, bist du ein Jude oder auch so ein Mordgeselle wie der da? Ich mische mich in fremde Angelegenheiten, sagst du? Man mordet, schlachtet eine ganze Familie ab und da sollen wir ruhig Zusehen?" ,Er verdient es nicht besser!‘ ״Wer?“ ״Der Schmutzian Zodek.“ ״Warum bist du ihm feind, wras hat er dir getan?" ״Was kann der Lump mir tun?“ ״Nun, wenn er es nicht kann, so hat er dir wohl nichts getan, und wenn er dir nichts getan hat, warum bist du ihm böse?“ ״Er ist reich geworden, der Saukerl, und hochnäsig.“ ״Hm . . . reich geworden! Da möchte ich einen Bettler sehbn. Jagt man ihn aus der Arrcnde, so kann er einen Sack nehmen und betteln gehen mit allen seinen Kindern.“ ״Der Teufel wird ihn nicht holen. Er ist ein abgefehlter Bursche.“ ״Und Ihr meint, Reb Chain!, dass Zodek arm sei?" frug jetzt ein zerlumpter Jude wütend, der sich an der Unterhaltung bisher nicht beteiligt hatte. ״Was denn, reich?“ ״Ei, ei, schön arm, hat sich in diesem Sommer schon die vierte Ziege gekauft!“ ״Eh,“ bemerkte ein anderer, noch mehr zerlumpter Jude abwehrend. ״Wenn ich und du, Todres, das besässen, was Zodek zum Ankauf dieser Ziegen geborgt, wir w ären reicher als er.“ Der rotbäckige Graukopf schüttelte sich vor Lachen. ״Kinder,“ rief er seinen Reisegefährten zu, ״kommt her, ich w׳erde euch zwei reiche Leute zeigen, wir ihr sie im Leben noch nicht gesehen." Aus der Schenke drang ein.Geheul und klang in die Ohren der Leute da draussen. Die erwachsenen Kinder Zodeks sahen den neuen Rendar und riefen es der Mutter zu. Da drinnen begann ein Jammern. Chaim und noch einige Juden stürzten sich in die Schenke. ״Brüder, man muss doch etwas für Zodek tun. damit er in der Arrcnde bleibt,“ fing einer von den Zurückgebliebenen an. ״Nicht um seinetwillen, das Rindvieh -- sondern um seiner Kinder willen; es sind ia elf Stück, eines