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Jüdische Rundschau · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 142 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Hochburg der Sozialdemokratie geworden. Deren wirtschaftliche Organisationen machten sich besonders den Herren des Hafens, die sich im Hafenbetriebsverein zusammengeschlossen haben, unangenehm fühlbar. Darum hietteli sie, an deren Spitze Baliin, der Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, steht, angesichts der politischen Niederlage der Sozialdemokratie den Zeit- Punkt .für gekommen, einen Vorstoss gegen die wirtschaftliche Organisation der Hafenarbeiter zu unternehmen. Sie stellten darum den Schauerleuten Arbeitsbedingungen, die diesen unannehmbar schienen, und so kam es zu־ einer Aussperrung .der Arbeiter und zur Herbeischaffung eines minderwertigen englischen Streikfcrechcrgcsindels. Eine Darstellung der Einzelheiten des Kampfes sowie eine Entscheidung darüber, auf wessen Seite das Recht ist, halte ich an dieser Steife nicht für angebracht. Es genüge die Feststellung, dass von beiden Seiten n,it ausserordentlicher Erbitterung gekämpft wird, und dass die Arbeiter das Vorgehen der Reeder als - einen brutalen Angriff auf ihre Rechte und Lebensinteressen betrachten. Bis hierher hätte die Angelegenheit noch kein spezifisch jüdisches Interesse. Sie erhält es erst durch das Hereinzerren iudcnteindlichcr Agitation. Für den Verband der Schaucrlcute genügt die Tatsache, dass an der Spitze des verhassten HafeiibetriebsVereins ein Jude steht, durch den sie sich in ihren Rechten verletzt fühlen, um das Heer verborgener antisemitischer Empfindungen in Schlachtordung vor der Ocffcntlichkeit aufrücken zu lassen. Eine aus zwiefachem Grunde bcmerkenswerte Erscheinung, weil durch Partcidogma hinwegdisputierte Rasseuinstinkte ebenso wie beim Freisinn sich stärker erweisen als theoretische Pri.izipien, und weil in diesem •Falle hinter dem Juden als Führer des Arbeitgeberverbandes eine nichtiüdische Gefolgschaft, die Wocrmann, Sloman, Blohm, Vcss etc. stehen! Doch mit Logik hatte ja bekanntlich der Antisemitismns niemals etwas zu tun! Wenn ich aus der sozialdemokratischen Presse einige wenige Proben der gegen Ballin herrschenden Stimmung wiedergebe, so möge das nicht den Verdacht erwecken, als hätte das Judentum ein Interesse an der Verteidigung dieses Mannes. Aber diese Dinge verdienen Beachtung, weil sie zeigen, wie absurd es ist, die Sache der Juden immer wieder mit irgend einer unter freiheitlichen Gcsichtspunkten kämpfenden Bewegung zu verkoppeln. Schon lange sind die Sozialdemokraten bestrebt, den Namen Ballin um das Wort'״leben“ zu verlängern*, in ihrer Presse liest man also meistens ״Ballinkbcn“. Man redet von ihm auch meist schon im pluralis majestatieus, denn ein von den Schauerleuten unter den englischen Arbeiternyerbrcitetes Flugblatt sagt diesen, dass sic von ״querköpfigen fetttriefenden deutschen Juden“ nach Deutschland gelockt worden seien. Das HAMBURGER ECHO bereichert den deutschen Wortschatz ständig, indem es z. B. vom ״Kapital: Rebbach“ des Herrn Ballin, von ״Shylock: Kapitalismus“ spricht. Doch das alles sind nicht tragisch zu nehmende Eruptionen einer instinktiver» Abneigung. Ganz anders klingt es schon, wenn der Genosse Hörlitz in einer Gewerkschafter- Sammlung in bezug auf die Forderung der Sonntagsarheit durch die Reeder sagt: ״Das Rassenempfinden stelle hier in Widerspruch mit den christlichen Feiertagen.“ Sozialdemokraten, deren christliche Gesinnung mit dem jüdischen Rassenempfinden in Widerspruch steht! Diif<cib est, saMram non scribere. Das haben sich Lassalk und Marx von ihren Epigonen wohl nicht träumen lassen! Den jüdischen Genossen cröünet sich hiermit eine angenehme Perspektive iiir die Zuki/oft. Es wäre ein Lichtes, diese kleine Bfüteniesc durch ähnliche Beispiele zu vermehren: man hört ja allemhalben von gehässigen Aeusscrungen in der sozialdcnrikraiischtn Presse. Und dass von dieser Seite, die so energisch für die Rechte der Polen Eintritt, für die nationalcn Bestrebungen und Bedürfnisse der Juden nicht d is geringste Verständnis zu erwarten ist, das ist wahrlich schon oft genug dnrgelegt worden. Es wäre allerdings verkehrt, w ollten wir auf Grund aller dieser Vorfälle annehmen, dass die Sozialdemokratie in der Zukunft ihre theoretische Steilung gegen die Juden ändern wird. Solange sie sieh als emporstrehendc Partei in der Opposition gegen die Herrschaft privilegierter Klassen befindet, würde sic durch eine Einschränkung der Gleichheitsidee den Gegnern eine willkommene Blosse bieten und sich wertvoller und intelligenter Kräfte in ihrem Kampfe ' berauben, ln absehbarer Zeit wird sich also ihr Ver- Spinnen und Fliegen Roman von B a g r 0 f f. Aus d. Russ. übersetzt. Zweites Kapitel. Drei Geier. (Fortsetzung.) Ein wenig abseits von den Wagen ging ein brandroter baumlanger hagerer Jude mit der Regelmässigkeit eines Wachtpostens auf ur.d ab. Den rechter. Daumen in seinen breiten Gürtel gesteckt, kräuselte er mit der linken Hand seine Peies und zupfte an seinem langen struppigen Barte. ״Kömmt, Brüder, wollen mal schauen, was das für ein Vogel ist,“ sagte Chaim und näherte sich dem Roten, ihm folgten zwei, drei Zwautzer Juden. ״Scliolem aleichcni, Rcb Korew!“ ״Alcickcm Scholen!!“ ״Woher führt euch Gott?“ ״,Woher er will.** ״Seid ihr auf der Durchreise begriffen, oder . . ״Qeht euch nichts an! Frage ich euch denn aus?“ ״Ihr seid aber so . . so stolz.“ ״Kommt mir auch zu; bin ich doch ein Ben-Talruid Chochom; aber wer seid ihr?“ ״Wir sind . . .“ ״Nu, ich sehe es ja: Ihr seid Am’-haarazim und ich habe schon genug mit euch zu tun gehabt.“ ״Aber so hört doch . . .** ״Nu, ihr wollt wissen, wer ich bin? Ich hab’s euch gesagt. Ihr wollt wissen, wozu ich hier bin? Auch das will ich euch sagen: Ich bin der neue Rendar. Und nun lebt wohl, bleibt gesund und vergesst nicht zu schreiben,“ höhnte der Rote frech, fing an. ein jüdisches Liedchen zu summen und ging an den Wagen, wor.n die neue Zwantzcr Rendarin sass. Die Juden, welche stehen geblieben waren, hörten die Unterhaltung Wort für Wort mit an und empfingen nun den verdutzten Reb Chaim und dessen Begleiter mit einem schallenden Gelächter. Nur der graue, rmwangige Fremdling lachte nicht, sondern errötete heftig, und aus seinen Augen schossen Blitze. 0״, dieser bissige Emporkömmling! Mit solchen Leuten muss man ein ernstes Wörtchen reden!“ zischte er, sonderbar lächelnd. ״Ha, ha, ha,“ lachten nun die Zwantzcr Juden. ״Nun, Reh Chaim, der hat Euch Mores gelehrt!“ ״Wisst ihr, Brüder, das ist ein Raubmörder, ein Asus-Mecliuzaf-Ponim!“

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