Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jahrgang tiochmais: ״Wir und dis Sozialdemokratie“ Die durch das Ergebnis der letzten Rcichstagswahlen geschaffene Situation bedeutet auch eine Umwälzung derjenigen althergebrachten Anschauungen, die bisher iür die politische Stellung der deutschen Juden niassgebend waren, ln der allgemeinen Stagnation des innerpolitischen Lebens Deutschlands auch an ein bequemes laisser aller in jüdischen Angelegenheiten gewöhnt, sehen sie sich zu ihrer Ueberrascliung nunmehr vor neue Probleme gestellt. Bisher konnte der deutsche Jude mit iiriem Schein von Recht von ‘einer immer günstiger werdenden Konstellation des Reichstages eine Besserung seiner Stellung erhoffen. Die ausgesprochen antisemitische Partei zu völliger Bedeutungslosigkeit zusamniengesclirumpft, das Dogma von der Judenfretmdhchkeit des Freisinns nur von unverbesserlichen Schwarzsehern angczweih.lt, die Sozialdemokratie als Vertreterin radikaler (Heichheitsidecii gefeit gegen %ien Verdacht von Rassenantipathieen! Da konnten gclegentliehe antisemitische Allüren der Rechten und des Zentrums nicht als ernste Gefahr betrachtet werden, da musste derjenige, der die Juden nicht zum unangenehm empfundenen Ballast der Parteien degradiert sehen wollte, mit dem Vorwurf politischer Unreife büssen. Und nun steht man beschämt, verwirrt vor den Trümmern gestürzter Götzen; allein mit Hilfe derer, denen man ehrliche Begeisterung, Kraft und Geld ge* opfert, sind zwölf unserer Feinde in den Reichstag eingezogen. Ein Spassvogel könnte allerdings meinen, dass vielleicht die Konservativen nunmehr die Rolle der Judensehutzpatrone übernehmen würden, nachdem einer der ihrigen den ״christlichen“ Kolonialdirektor Dcrnburg gegen die ״antisemitischen“ Angriffe der Sozialdemokratie in Schutz genommen hat. Doch Scherz beiseite! Gegenwärtig drängt sich doch wohl manchen! deutschen Juden die Frage auf, ob angesichts der vollkommenen Aussichtslosigkeit einer selbständigen jüdischen Politik eine politische Reserve nicht ehrenvoller sei als Tralantcndienste für einen mit dem Antisemitismus paktierenden Freisinn. Bleibt die Sozialdemokratie! Der Zweck dieser Zeilen ist cs, meinen auch in diesen Blüttern veröfientlichten Ausführungen über ״Judentum und Sozialismus‘ einige Details aus der Gegenwart hinzuzufügen, die für die Sachlage bezeichnend sind. Ich versuchte damals darzulegen, dass Zionismus und Sozialismus nicht prinzipielle Gegensätze sind, sondern zwei parallel neben• einander lautende Bewegungen darstellen. Ökonomische Umwälzungen im Sinne des Sozialismus könnten nicht als Weg zur Lösung der Judev.irage betrachtet werden, ln meiner Argumentation glaubte ich einen Hinweis auf judenfeindliche Strömungen im sozialistischen Lager entbehren zu können. Im Gegenteil! Jene Ausführungen enthielten folgenden Passus: ״Wenn man sich auch nicht darüber hin wegtäuschen soll, dass bei einzelnen Führern wie bei den Massen antisemitische Instinkte nicht erloschen sind, so sind doch die Verdienste des Soziaüsums um die Abschwächuag von Rassen- und Nationalitatsgegensätzen unverkennbar, und Mathias Achcr hat nur bis zu einem gewissen Grade Recht, wenn er in seiner Schritt ״Jüdische Moderne“ sagt: ״Man nehme ein bischen Psychologie zu Hilfe und studiere, wieviel von der übrigens recht flauen Betätigung internationaler Ge*, si.nmng gegenüber den Juden Parteidrill von vorübergehender Wirkung, und wie wenig davon und bei wie wenigen ein endgültig errungener Standpunkt ist. Man frage, wozu die sozialistischen Parteiblattcr trotz ihres prinzipiell gegenteiligen Standpunktes antisemitisch schillern müssen, wenn es nicht deshalb geschieht, um die Arbeiter, bei welchen man offenbar judcnfeindliche Stimmungen voraussetzt, nicht vor den Kopf zu stossen.‘* ich habe Mathias Achcr mit meiner Einschränkung unrecht getan. Doch die Feststellung der Tatsache, dass die Sozialdemokratie im Punkt Antisemitismus gegenüber anderen Parteien mir einen quantitativen, keinen qualitativen Unterschied beanspruchen kann, dari in uns Zionisten nicht kleinliche Genugtuung über die Bestätlgütig früherer Behauptungen hervorrufen; aber auch nicht wehleidige Lamentationen darüber, dass fromme Wünsche vor dem rauhen Liifthaiicb der Wirklichkeit wie Seifenblasen vergehen. Eine Feststellung von Tat• Sachen im Interesse einer kritischen, objektiven Dar- Stellung unserer Lage kann auf Sentimentalitäten keine Rücksicht nehmen, denn wir haben darnach nüchterner Blickes unser Handeln 7,11m Wohle der jüdischen Gesamtlicit einzu richten. Gegenwärtig wird Hamburg durch einen Streik oder vielmehr durch eine Aussperrung eines TeiLs der Hafenarbeite!, der sog. Schaucrlcutc. in Atein gehalten. Die alte Hansastadt, deren kommerziellen und industriellen Verhältnisse zu einer ausserordentlichen Vermehrung dar Arbeiterbevölkerung geführt haben, ist zu einer