Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 13/14 Seite 134, ־. . ... JÜPISCHE, RUNDSCHAU non mehr aufs ernsthafteste rechnen musste, um mitzukommen. Von dem, was man sah, gaU es, sieb so viel als nur möglich anzueignen und zwar schnell anzueignen, denn die Zeit blieb der .Öftnung des Ghetto wegen nicht stehen. Da konnte nicht fmmer eine Auslese des für den Rassenfcharaktcr Passenden getroffen werden,, und es entstand sehnen ein gewisser Kulturmischmasch, der innerlich noch ziemlich getreu an der alter Überlieferung fcsthiclt, äusserliclt aber die Merkmale der west- ‘europäischen Kultur etwas ostentativ zur Schau trug. Daher kommt es, dass heute so viele Juden ,der Meinung sind, sie wären *Deutsche Jüdischen Glaubens“. Was. darunter cigcnt-!ich zu verstehen ist, hat so ganz klar noch niemand gesagt. Die Betreffenden nehmen eben das Kleid für den Körper, die Schale für den Kern. Ich halte für einen Deutschen jüdischen Glaubens einen Menschen, der Jude sein möchte, ohne davon die Konsequenzen zu tragen. Es scheint, als fingen wir jetzt an, den Weg der Klärung tu beschreiben.'Ehre, wem Ehre gebührt, ein Teil Dank dafür gebührt wohl dem wissenschaftlichen Antisemitismus, de!, gerade wie wir — seine Rasse vor Mischung schützen möchte. "Das Meiste haben wir aber wohl uns! selbst zu verdanken. Wir haben von der neuen Kultur, die sich wahrend unserer Einsperrung im Ghetto entfaltete, das Menschenmöglichste ii* sehr kurzer Zeit uns zu eigen gemacht. Nun sind wir aber auch zu der Einsicht gekommen, dass Auslese gehalten werden muss, und dass all diese Kultur für uns au dann einen iruchtbaren Boden bedeutet, wenn wir sic in Konzentrierung auf uns in Form einer selbstständigen Nation mit unserer alten Kultur verschmelzen körnten. Diese Bewegung Ist der Zionismus. Seine Bedeutung für die Entwickelung einer selbständigen indischen Kunst kann gar nicht hoch genug eingewertet werden, die Keime dazu sind da. Man betrachte die osteuropäischen Dichter, etwa Sc ha Ion! Asch*. Da ist ein wirkliches starkes Talent, aber es Ist so sehr unreif und fremden Elementen vermischt, dass es seine stärksten Gaben in Form von Birchpfeiferiaden verausgaben muss. In solchen Fällen zeigt sich der Mischmasch, die Schädigung durch die infolge der Umstände ungenügende Verdauung der fremden Kultur aufs Bedaucrlichste. -- Alle diese Hinderungen selbständigen künstlerischen Schaffung kann nur ein selbständiges Volk beseitigen. Darum liegt im Zionismus die Zukunft jüdischer Kunst Noch sind wir. nicht originelle Künstler; unsere Komponisten wagnem, unsere bildenden Künstler, selbst die bedeutenderen, wie Lilien, Nossig,. französein und engländem. Aber haben wir nicht schon Spuren durchaus jüdischer Kunst? Ich meine Levithan und Lesser Ury. Hier bringen die Landschaften bereits farbige Elemente, die keiner anderen Nation zu eigen sind, und weisen selbstscliöpfcrisch in die Zukunft. Seid erst ein Volk, und Ihr werdet auch eine Kunst haben! Aus Rumänien Von iinscrin Berichterstatter. Das grosse, von manchen vorausgesehene. Unglück ist nun flber die rumänische Judcnhcit gekommen! Die ganze Bauernschaft der Moldau ist in Bewegung, sie will ״Land‘* und das sollen die Juden hergeben. Die Bewegung trägt bereits nur einen ausgesprochen antisemitischen Charakter, während die agrar-ökonomische Seite nur den Vorwand bildet zum furchtbaren Unglück, das die. Juden ruiniert. — Zu Anfang wandten sich die Bauern gegen die jüdischen Outspächter, beute gibt es für sic keinen Unterschied mehr zwischen reichen oder armen, alten oder jungen Juden, Männern oder Frauen! Alles muss leiden, jeder wird geschlagen, allen werden die Scheiben cingcschjagen. die Möbel zertrümmert, das gesamte Hai» und Gut vernichtet. Der bis J»eute angerichtetc materielle Schaden beläuft sich schon auf viele Millionen. Ganze Städte sind total ruiniert. — Unsägliche Trauer! - fn erster Reihe steht das Städtchen Podul-Iloalel da. Von Juden Ist keine Spur mehr dort, alles M *ort nach Jassy, zu Wagen oder zu Fuss, um das nacKtc Leben za retten . Auf den Strassen liegen noch Reste Waren, die die Bauern noch nicht in ihre Wohnungen transportieren Konnten. — Die Keller wurden mit Gewalt geöffnet, Wein und anoere Getränke aus den Fässern abgelasseh; — Da das* Städtchen zumeist von Juden bewohnt war. Ist e$ letzt ganz öde. Nur Soldaten patrouillieren in den Strassen. — Ebenso schlimm ist cs der Distriktss*adt Botosani ergangen. An den Fenstern der Häuser sind statt Scheiben Bretter geschlagen, denn cs wurde auch hier in rohester Weise gehaust. Eine grosse Anzahl Juden sind geschlagen worden, viele liegen in den Krankenhäusern. Bis heute sind 3 gestorben, darunter ein Kind! — Ganz besonders wurde das prächtige Maus des Guts- und Fabrikpächters Leon Costiner hergenommen. Hier verlangten die Bauern keine ,.Erde“, hier wollten sie bloss die Leistungsfähigkeit ihrer Bestialität beweisen. Alles haben sie zugrunde gerichtet, absolut alles, feine Möbel, Spiegel. Kissen. Wertgegenstände. Wertpapiere, selbst das Automobil und die Picrde im Stalle wurden nicht verschont. Wo gestern ein Palais stand, sind heute Trümmer zu sehen. -י Ebenso erging es den anderen Brüdern Costiner. ferner Mel/er etc. etc. etc. Ganz ähnlich erging es der Stadt Vaslul. wo nach russischein Muster geplündert wurde. — Ganz besonders nuifallemJ ist die Anzahl Lipowauer (K 11 i n r u s s e t ). die speziell irr. Distrikt Botosani die Bauern auf hetzten. Ausser ihnen beteifigte-n sich, an der Propaganda gegen Juden auch das Gesiüdcl aus den Städten. EinLosungswort überall: ״Auf die Jude n!“ — Das ganze Städtchen Bticecea ist von einem Ende bis zum andern total vernichtet. Kein einziges jüdisches Haus wurde geschont. Die Einwohner sind teils nach Jassy, teils über die Grenze gefluchtet. — Die Revolution zieht sich weiter gegen die Distrikte Ncamtzu (Hauptstadt Piatra), Bacau. Tecuel und Putna. — Im Bezirk Niamtzu fanden Ausschreitungen statt ui Podoleni, Rosnov und SlebozD. Ganz besonders wurde im jüdischen Städtchen Buhusl gewütet. Der dortige, irr! ganzen Lande bcrühmte Wunderrabtmer Friedman ist geflüchtet, ebenso viele andere Familieu. An manchen Punkten der Stadt wurde Feuer gelegt. — Im Grenzorte Burdujenl (Städtchen) wurde ebenso wie in in den anderen Oiten geplündert und geschlagen. Da wurde auf Kosten der Juden gegessen, gesoffen. Weiber und Kinder der Bauern beteiligten sich am Plündern, namentlich letztere haben gestohlene Waaren ganz offen nachhause zu befördern, um dann wieder zu kommen und weiter zu operieren. Alle Christen des Ortes stellten an den Fenstern Heiligenfcilder 3us. um verschont zu werden. Geplündert wurde im Distrikt Suceacoa in Dolhcstt, RIsca, Lespccl. Im Distrikt Bacau wurde in Secucenl der Mühle des Juden Hercovici Feuer gelegt, ebenso verbrannte man ihm 210 Klafter Holz, 30Q Säcke Weizenmehl ctc. — Auch in andern Orten wütete man gegen Juden. — Aber auch Christen sind nicht .verschont geblieben. Die Bauern machen heute weniger Unterschied. Viele Gutshöfe und Schlösser wurden total vernichtet, so z. B. des Kammer- Präsidenten Cantacuzino-Pasccmti, Carp, Const. Mille (Direktor des ADF.YERUL) etc. etc. — Das Militär tut zumeist seine Pflicht. Fs ist die gesamte Reserve bis inkl. Jahrgang IS9S (!) einberufen. — fn vielen Orten sind die Telegrafcndrähte vernichtet worden. sodass Nachrichten fehlen. — Es herrscht vielerorts die Ansicht vor, dass der Präfekt von Botosani. Vasescu. die Schuld trägt, diss die Bauernbewegung nicht auf der Stelle unterdrückt wurde und sich darum übers ganze Land verbreiten konnte. Auf die Vorstellungen des Premier-Ministers C ה n t a c u 7. i p o w2gte dieser bereinigte Antisemit die Aeasserung, dass er für alle Rumänen garantiere, dass ihm aber eine ganze Million jüdischer Seelen nicht wie die eines einzigen Christen gelte. Leider wurde gegen diesen Musterprtifekten nicht energisch vorgegangen und ^rst ietzt. nachdem ־Jas ganze Land vollständigem Ruine entgegensieht, ist man sich der Herrn Vasescu gegenüber bewiesene Schwäche vollkomr1.cn klar. Leider ist cs jetzt zu sp.it! Was einige ehrlose Leute verschuldet, muss vor allem die ganze JuJenbeit büssen. sthUcss* lieh aber auch die Leute, die den Juden das Grab graben wollten. — ln den letzten Tagen konnte man sehen, dass die Bauern lieben rein antisemitischen und agraren Motiven ifuch von niederster Habsucht geleitet werden. Man kann hier gehörig studieren u׳ozu die menschliche Bestie fällig ist.