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Jüdische Rundschau · 1907-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜ BiSC'Hfe^^ÜNPSC-H^Ü;• -:•.. *jäcitc:)33 <Hoi tf/14, v Werken 1realistischer Dichtkunst IiöcHster' Art Man beirachte '׳’ die wundervolle' Ve’rscinnetearig *beider’ Elemente •etwa trp < Buche Hiob urtd tt!an ׳wird in' der liitetitur anderer Völker schon za *den •allerersten Werken; greifen müssen, um . Parallelen zu finden. Auch die Art, Wie die Gestalten geformt und lebendig gemacht sind, dürfte als meisterhaft anerkannt werden, lind einen Mangel an Phantasie' kann man: den Werkon jüdischer Kunst durchaus nicht verwerfen. Ich denke also, alle bedingenden Faktoren künstlerischen selbständigen Schafr lens, Gestaltungskraft und Phantasie, Abstraktion und Wirklich' keitsgefiihl sind der Kasse gegeben. Steht man ihren neueren künstlerischen Leistungen mit Misstrauen gegenüber, so wird man die Gründe hierfür nicht aus den Eigentümlichkeiten ihrer , Veranlagung, sondern nur aas ihrer. Entwicklung nehmen . können., .» - . . -. Man hat in neuerer Zeit häufig den Einwurf gemacht, das Judentum habe die Stoffe und Grundaufiassungcn des alten Testamentes anderen Völkern entlehnt. Ich. sehe nicht ein, was damit irgend wie Stichhaltiges gesagt sein soll. Noch' nie habe ich gehört, dass man Shakespeare seiner vielen Anlelimmgcn wegen für minder original geh Heu hatte oder dass Moücre darum weniger ein Genie st, weil er eine der wirkungsvollsten Szenen seines ״Scapin״ ans einer Komödie des Cyruno von Bergcrac abscltrieb. Die Erfindung des Plagiats ist eigentlich eine Erfindung kläglicher tmnkfner Impotenz. Eri'1! ere Zeiten kannten sie nicht. Sie beurteilten ein Werk nach der Kraft seines Schöpfers, nicht nach seinen Quellen. Der Weg, den die jüdische Rasse ging, ist so beispiellos, s׳» einzigartig In der ganzen Weltgeschichte, dass auch der ihr feindlich Gesinnte seine Wertungen eigentlich nur nach schärfster Prüfung und durchaus mit Reserve geben dürfte. Ihre mome'ntane künstlerische Stellung mit dem M. assstabe anderer .Völker messen zu wollen, beweist einen ganz hervorragende Kurzsichtigkeit. Das Urteil ist hier schwer wie nur irgendwo anders. Die Verhältnisse und Umstände, unter denen ein Böcklin entstehen konnte, sind ziemlich leicht und klar festziistcllen. die Erscheinung eines Levithan etwa ist eine unendücl» kompliziertere. Es soll hier nicht von den schlechten und guten Eigenschaffen, die der Jude bereits »n sehr reichem Masse besitzt, die Rede sein, denn das werden nicht einmal für die Konst der Zukunft ausschliesslich ausschlaggebende Faktoren sein. Ich gebe vielmehr vollkommen zu, dass wir eine jüdisch-nationale Kunst noch nicht besitzen, oder besser• gesagt, nicht mehr besffzen:‘ Om *die• Möglichkeit eigener 'Kunst bändelt es sieb also. Und da scheinen mir Anfänge sich' bereits‘ überall za ־zeigen.; '׳’■' ־ f •* V*'J. : 1 ’ '־ : ■ '־; ' V ** Man nelgt'zu leicht'däzai die Schwierigkeiten, welche sich Jüdischer Kanstbetiitigung von vornherein bieten, zti unterschätzen. Die Ktinst ist ein Kuiturgipfel, sie ist die Spitze der Entwickelung einer Nation, welche dann in ihr reiche, In schweren Kämpfen um die Eigenart entwickelte Kräfte zur schönen Blüte auscinaudcrfaltet. Von diesem Standpunkte aus betracchtet, zeigt sich die moderne Jüdische Kultur lediglich als eine Halbkultur. Wir Juden haben bereits zwei wirklich grosse Kulturpcr joden hinter uns, die unserer biblischen Vergangenheit und die Höhezeit des Ghettos. Beide sind durch ausserordentliche, durch originale Literaturperioden charakterlsiert. Dazu hat sicli im Ohctto eine von der Forschung noch viel zu wenig berücksichtigte Musik — durchaus keine Volksmhsik in reinem Sinne, souderneinc Kunstmusik — entwickelt, die völlig eigene Wege selbständig geht. Auch die־ bildende Kunst ist in wertvoller Weise vertreten, tirid es wird sicher auch eine Zeit kommen, wo ihre grossen Namen in Ehren wieder auileben werden. Wer über die Kunst eines Volkes urteilt, muss die Massstäbc aus dem Volke selbst nehmen. In der Bedingtheit des Ghetto lag es vorgeschrieben. dass seine Kunst ein *Mittelding von den beiden Gebieten wurde* die der moderne Europäer als hohe Kunst und Kunstgewerbe unterscheidet. Besonders die alten Handschriften weisen einen ausserordentlichen Reiz auf. Sie sind voll künstlerische»: Nervosität in der Anordnung der Schrift und in der Gestaltung der Seite und stehen darin zweifeltos seihst im Durchschnitt genommen, den besten der altfran/ösisehen Mönchmanuskripte und den besten modernen englischen Büchern in keiner Weise nach. Wer die Oeschichtc des Ghetto verfolgt, wird in d־׳״ Ent- Wicklung seiner Kirnst ein ständiges Aufwärtsschreiten bemerken, bis dann mit Aufhebung des Ghetto die westeuropaischte Kunst des Judentums plötzlich einen Knick bekommt und neue grundverschiedene Wege cinschiägt, die mit Judentum und indischem Wesen an sich wenig oder garnichts zu tun haben. Es ist hier nicht die Rede davon, ob die Aufhebung des Ohetto für die jüdische Rasse eine Erhöhung oder Schädigung ihres Wertes bedeutete, für die jüdische Kunst bedeutete sie jedenfalls zunächst eine Schädigung. Im Kampfe ums Dasein ging zunächst der Kampf um künstlerische Kultur unter. Man geriet in eine bisher fremde Entwickelung hinein, mit der man ,.Dann ist es sicherlich so oben bestimmt, und gegen Gott kann man nicht ankämpfen.“ « - Der rotwangige Qraukopf trat unbemerkt an die Zwantzer Juden heran; - . . . ־ ״Guten .Tag, Brilder!“ ... ״Danke,“ antworteten die Juden einlgermassen verblüfft, einander fragende Blicke 1 zuwerfend, ob der Premde ihrer für ihn wenig schmeichelhaften Unter-1 haltung zugehört haben mochte. ״Sagt'mir, liebe Leute, ich bitte euch, was geht dann hier in ,der Schenke vor? Ist da jemand gestorben oder schwer erkrankt? Ich habe mit meincii Kameraden aas ganze Nest abgesueht, aber nicht ein Hiind war zu finden. Nur eine Frau sitzt da, weint und janimert. und gibt keine Antwort. Wir wollen eilt ‘ Schnäpschcn trinken und etwas essen, und nun scheinen wir In eine . Wüste zu geraten.“ . . ־•*; Der ־uns wohlbekannte Reb Chaim י teilte ihm den rigen .Vorgang ..mit־ und schloss seine Erzählung:: ״Ausserdem hat sich noch ein Schuft dataeingemis ־ht^ :der!einen höheren Pachtzins bot Und; den;Verwalter, bestach.“ ,, .; •<1;ö י; ',J ■ Wer Kt dieser •Hallunkc?^ •׳»;:>• * ״Man sagt, ■einer der" Unsrigen — ein Jude." ״Dacht* ich mir. doch!“ lächelte der Fremde. ״Nicht umsonst sagen die Bauern: ״Ohne Juden . kein Jahr״ ׳־.markt“י י* ־ ־ ״Reb Chaim,“ flüsterte einer, ״Reb Chaim. seht doch dorthin .. . Am Ende ist er es, der neue Rendar.“ ״Wer?“ . ״Dort. . . Seht doch, Jener Rothaarige, der mit dem Wagen jetzt angekommen.“ ״Ei, ich glaube, Ihr habt Recht. Das ist er —- und der Bnsewicht hat auch schon sein Gerät mitcebracht. Hat sich beeilt, das muss man ihm lassen.“ ״Ja, er ist es! Seht ... im zweiten Waeea eine Frau mit Kindern . . . Das heisst also er ist hei gekommen, um hier zu bleiben,“ ״Und wie er stolz einherschreitet!“ ' ״Wie ein Kranich im Kot!“ . ' ׳ (Fortsetzung folgt.) ־. .

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