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Jüdische Rundschau · 1907-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite I3G!JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 13/M Wir aber, die Zurückgebliebenen, die Ungebildeten, die wir dem Mittelstände und dem kleinen Bürgerstands angehören, feiern noch das Pessachfest als das Fest der Freiheit und sind zurückgeblieben genug, zu glauben, dass das Judentum, das einstmals der Welt eine Bibel gegeben, dass einen Moses und einen Jesaia. einen Jesus und einen Spinoza aus seinem Blute hervorgebracht hat, wert genug ist, um es unsern Kindern zu vererben und so 7.u überliefern, das auch diese Kinder es ihren Kindern, Enkeln und Nachkommen vererben. Wir sind ungebildet genug zu glauben, dass es der grösste Dienst ist, den wir der Menschheit leisten, wenn wir diesen Kulturfaktor erhalten und stärken, und wenn wir ihm das stammestümliche Rückgrat geben, dassen er bedarf, um für die Zukunft und die Ewigkeit erhalten zu bleiben. Darum pflanzen wir von neuem die Hoffnung in die Herzen der Jugend, die man unter dem Vorgeben eines Liberalismus, der nicht liberal war. aus den Herzen der früheren Generation hcrausgerissen hatte. Denn das war den Feinden des Judentums in unserer eigenen Mitte und unter den Feinden ringsum klar und unverkennbar, dass das Judentum, dem man den Oaraus machen wollte. so lange fest und unerschütterlich aufrecht stehen würde als es an der Hoffnung a u f c i n e nationale Zuk u n f t festhaltcn würde. Daher der blindwütende H:׳st der Judenmisslon, der Sonntags-Reform und der Anti- Semiten gegen den Zionismus und alles Jiidischnalionalc. Daher die Verleumdungen, die uns so oft zuteil wurden, wir untergrüben die staatsrechtliche Stellung der Juden und daher der bittende Wink des bekannten Berliner liberalen Repräsentanten an die Regierung, uns die Staatsbürgerrechie zu entziehen. Wir begreifen diesen Hass gegen uns; denn es' gibt freilich keinen grösseren Gegensatz, als die bewusste allmähliche und beschlcunigte Auflösung des Judentums und unsere Arbeit zu Steiner Erhaltung und Erstarkung. Das Pessachfest mit seinen grossen nationalen Erinnerungen, mit seiner einzigartigen Hoffnung, dass es einmal in Palästina eine Zeit geben soll, w0׳ es eine Ehre sein wird, der Jüdisehen Nation anzugehören, ist das nationale Geburtsfest!‘des Jüdischen Volkes, ist die Erinncrungsfeier, dass בעת ר-יג ,unser Lehrer Mos*s. der nationalste Mann, den das Judcnvolk hervorgebracht hat, das Volk von der Knechtschart zur Freiheit, aus dem fremden Lande ir. d£e eigene Heimat geführt hat Masaismus und jüdischer Nationalismus sind identische Begriffe. Aber der Mosaismus mit dem Begriffe der imbestcchliehen Gerechtigkeit, mit seiner ■nationalen Abscnlicssitng soll veraltet und durch die höhere Moral des Christentums abgelöst worden sein. Das \v:׳d uns in demselben Atemzuge von denselben angeblichen Gelehrten zugerufen, die gleichzeitig einen krassen Chauvinismus predigen und die einem nationalen Egoismus huldigen, wie er dem Wesen des jüdischen Nationalismus schnür, stracks zuwiderläuft. Wir wollen gar nicht über die 1 heorie streiten. Wir wollen cs nicht betonen, dass das Christentum das Gegenteil dessen ist, was mau national nennt, und dass es eine für den Historiker seiu eigentümliche Paarung ist, wenn man Wörter wie christlich-germanisch bildet, — Jesus und Paulus waren keine Germanen, sondern Juden, und Hermann, der Chcruskerfürst, kein Christ - wir wollen die Tatsache hinnchnien, dass sich die christliche Welt uns gegenüber als die fortgeschrittenere, als die höhere Stute betiachtet und und dass die Juden, die siel« — oder, wenn sie auch dazu zu feige sind — ihre Kinder taufen lassen, damit diese als höhere Stufe anerkannt, das heisst die niedrigere des Judentums, also die Berechtigung des Antisemitismus, zugeben. Aber die Theorie hat deutliche praktische Folgen: In Marokko ist ein französischer Arzt gelötet worden, der der höheren Stute angehört, und sofort er■ gieifcn die europäischen Staaten energische Massregeln um Sühne zu schaffen. Gleichzeitig wurden hundert tausende von jüdischen Bürgern von einem christliche! Volke, dass auf viel niederer Kulturstufe steht als dies» Juden, mit allen Gräueln des Bauernkrieges gehetzt und geplündert, erschlagen und vergewaltigt, und kein europäischer Staat wird auch nur einen Finger rühren, um diesen Greueln Einhalt zu tun. Es sind 1a nur Juden. Zwar ist diesem Königreiche Rumänien im Jahre 1878 auf dem Berliner Kongress die Unabhängigkeit nur gewährt w׳orden unter der ausdrücklichen Bedingung, dass es auch seinen Juden, die es in niedrig barbarischer Weise vergewaltigt hatte, die gleichen Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. Zweites Kapitel Drei Geier. (Fortsetzung.) In den letzten vier Jahren lebte hier der Schenker Zodek mit seiner Familie. Anfänglich gingen seine Geschäfte nicht Übel; er ernährte seine Familie und legte sogar manches Tausend Gulden zurück — für einen Unglückstag. Für die Arrende zahlte er dreihundert Gulden jährlich. Allein vor etwa zwei Jahren trat in die herrschaftliche Administration ein Schlachziz namens Jan Woickowski, ein praktischer Exploitotor, ein giftiger Judenfresser, ein Despot, ein Räuber, ein. Mit federn Halbjahr erhöhte er den Mietszins, und im letzten Jahre zahlte Zodck schon tausend Gulden Pacht. Aber das war noch nichts, Pan Woickowski hatte ausser dem Mietszins zugunsten des Besitzers noch für sich solche Summen dem Schenker erpresst, dass der arme Zodek nicht nur in bittere Anput, sondern auch ln drückende Schulden geraten war. Trotz aller Anstrengung vermochte der Schenker nicht alle die Geschenke zu geben, der er dem Pan Woickowski für das letzte halbe Jahr versprochen hatte, so dass Woickow׳ski beschlossen hatte, den ..Gauner“ Zodek aus der Arrende zu jagen, koste es. was es wolle. Nachdem ein passender Jude, der dem Pan Woickow ski goldene Berge versprach, gefunden war, begann letzterer nach einem Vorwände zu suchen, um den Schenker davonzujagen. Zodek aber kam dem schriftlichen Vcrtrage regelmässig pünktlich nach; man konnte ihm darum nichts anhaben. Da ersann aber Woickowski mit Hilfe des Juden, der nach der Zwantzer Arrende haschte, ein schlaues Stückchen. Nach dem Vertrage war nämlich Zodek verpflichtet, den Pachtzins an jedem Ersten bis zum Lichtziindcn, d. h. also bis zum Abend, wo gewöhnlieh Lichte angezündet werden, pränumerando zu entrichten. Am Vorabend des letzten Zahltages nun, lang: vor Sonnenuntergang, trug Zodek seine neuem silbernen Guldcnstücke in einem Taschcntuclic zum Pan Woickowski. Das Vorzimmer des Pan betretend, sab! der Schenker zu seinem Erstaunen, dass dort schon so zeitig Lichter angvzündet waren. Er wurde dem Pan j Woickowski gemeldet. Dieser erschien vor dem j Schenker, mit der Reitpeitsche in der Hand. ״Was stchl 1 'zu Diensten, Pan Rcndar?“ trug «er freundlich fächelnd Zodek verneigte sich tief.

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