Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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» Na 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 123 Dr« inc 11. Heinrich Sinter: Albcemeitu; und spezielle 1 Krunhbcitslduc der Jaden. Leipzig -191h. ' Dr. Wallach: Notizen zur Diabetessterblichkeit 111 Frank- .*־'־/־ ■fnrt a. M. Deutsche mcd.־ Wochenschrift 1893. .J,׳. , - ■■■ - _ . . Das Entstehen der jung-jiid. Dichtung Von Frau Lina Wagncr-Tanber. ־* Es h»t eine durchaus frrige Behauptung, wenn man die Jurist als international bezeichnet. Jede Kunst, sei cs die Malerei, Bildhauerei, Mnsik oder Dichtung, ist national. Ein Künstler ist nur dann ein wahrer Schöpfer, wenn er iudi־ vid'iell ist, wenn er seine ureigent Individualität, seine Seele in seine Schöpfungen hineinlegt. ' , Wir werden,, wenn wir .verschiedene Gemälde vor .uns sehen, sofort sagen: ״Das ist ein Licbcrinann, das ein Leistikow, das ein Mcn/cl usw. L’m wieviel mehr «werdet» wir deutsche Malerei von holländischer, italienischer und französischer unterscheide!!. Wir werden sofort das Nationale in der Kirnst sehen. Uebcrmani» bt zwar Jude, doch seine Knust ist deutsch, Antokoiski ist zwar Jude, doch seine Kunst ist noch lauge nicht Jüdisch. Anders ist es mit Lilien. Israels, Struck; Schatz tisw. Sic sind Jidcn und auch ihre Kunst ist Jüdisch. Sie sind N’aÜonaljuJen und habet: t!:rc jüdisch». I11diviuualtt.it. •h*־e Jüdische Seele in ihre Kunst hiucingeiegr. .Auch in der Musik fühlen wir sofort eine jede Nationalität heraus. Die französische .Musik ist leicht, prickelnd und pikatii, die ungarische leidenschaftlich und!eitrig, die siavischc. russische schwermütig und getragen, die deutsche sornehm. kühl usw . Weit nationaler abe״.;’s jede andere Kunst ist die Dichtung: dein» hier gibt der Künstler jede Regung, jede Entpiin־ dnng seines Volkes w ieder. Ein wahr er Dichter ist gewissennassen der Ptilsschlag seines Volkes. Er weint um die No* seines Volkes, er zittert in Sehnsucht mit seinem Volke tuul iattcltzt in seinem Siege. Nur ein in Ketten geschlagenes, tyrannisiertes Volk wie die Russen, konnten einen Tolstoi, einen Maxim Gorki hervorbringen. Ein hclssbintiges. sinnliches Volk wie die Italiener konnte einer: d'Anunzi״ sehaiieu. Ibsen konnte n u r ein nordischer Dichter sein, wie Schiller und Goethe mir deutsch sein konnten. Sie alle sind wahre,''unsterbliche Dichter, weil sie tief in Ihrem Volke wurzelten, weil sie ihres Volkes Seele atmeten. Aber auch die Volksseele hat ihre Schwingungen und «Regungen: und diese Scitw ingungc» und Regungen gleichsam hnit'/uerlcben. ist die Aufgabe des Dichters. Jedes Zeitalter;r«n:l jede!־poche im• Leben־ eines Volkes hat ihreDichter und Säuger. ’Auch das jüdische Volk hat immer die Dichter seiner;Zeit gehabt. ... Schon in den Zeitabschnitten der Bibel finden wir feine Niianzicrungcn der Sprache .und■ Empfindungen. Neben dem herrlich, feurig geschriebenen Liede Schir ha schirim und neben den leise, melancholischen, philosophischen Bctrachtungeu des Kohcfeth, scheu wir die lieblich poetische Sprache des Buches Ruth. Neben den flammenden Worten des Jesaias, dyr mit seiner kühnen, furchtlosen Wahrheit selbst vor Königen nicht ztiriickschrcckf. sehen wir, nach der Zerstörung des Tempels Jeremias in nncndlich erschütterndem Schmerze. Ein Schmerz, so gross und so stark, dass er nicht nur jammern und klagen kann, sondern seinen! Volke' l’röstungcn zuspricht. Die Dichtungen des Mittelalters, während der spanischen Epoche Italien wieder ihr eigenes Gepräge. Infolge der Freiheit und Gleichberechtigung, die die Juden zuerst in Spanien genkssen durften, konnten sie sich geistig zur vollen Grösse entfalten. , Die spanische Epoche hat uns sicher unsere grössten, bisher unübertroffenen Dichter geschaffen. In erster Linie lehuda HabLcvi, dcssvi! Hauptdichtung die Zionide ist. Die starke, unübervvinü'tiche Sehnsucht nach dem Wiederaufbau des Jüdischen Staates. Darm Ibn Gabtrol. Ihn Esra, Schnuicl Ha החח gid. \I-Cbr»mi 1!r!d viele Andere. Alle haben teils religit-sc. teils veltliclie IN•esie geschaffen. Al-Charisi liat viel Humoristisches, sogar ausgelassene Trinklieder verfasst. Alle! haben in hebräischer Sprache geschrieben, mir wenige spanisch. Allen aber ist ein starker, nationatmdiseher Charakter eigen. Alle smechcn aus der jüdischen V olksseele, aus dem jüdischen Volks! 1e!v.en. Und wie unendlich lief musste•» diese Dichter »u» V olke gew ur/cit haben, w enn sie zu einer Zeit, die an Assimil.ttim: genau so verheerend und vielleicht noch .schlimmer als die!;einige war, so tief etnpiundene wahrhaft jüdische Diclmuigen!!ereorbracliteii. Die spätere jüdische Dichoiag nach den unbarmherzigen Austreibungen ans Spanien und den gtässlicheii Verfolgungen steht nicht auf der Höhe. Das deutsche Mutelaher wiederum* mit seinen Kreuzzügen und sonstigen Beweisen christlicher Nächstenliebe hat trübe- und verdüsternd auf die jüdische Poesie gewirkt. Die Poesie des deutschen .Mutekiltcrs ist fast durchweg rein religiöser Natur. Klagend, voller tiefer Resignation und doch wiederum veiler Sehnsucht nach J«_־!n alten, zerstörten Vaterlande. Die Nacli-Mendelssohn'sehe Zeit, die Zeit der Emanzipation hat wiederum gross••, ut»vergängliche Dichter geschaffen, aber keine jüdischen Dichtungen. Der Weit haben wir wohl einen Moser, einen Hitzig eine Fanny Lcwald geschenkt, aber das jüdische Volk als solches, kann sich nicht mit den Blüten ihrer Dichtungen schmücken. . . ־ - Im Strudel der Assimilation und Reformen sind tuts die besten Kräfte verloren ge angeu. 111 den Salons der Rabe! dann wird Grossmiiticrchen dich fein machen und wir•! gehen, die!,ans zu sehen und Musik zu hören. Ja, mein •Kind?‘‘ ״Aber wo gehst du denn-hin, Grossväterchen?“ ,.!Mein Kind, ich gehe einem Geier seine Beute ab- Jagen. Küchlein retka. Ol» ich so glücklich sein werde, v ie du. ist eine andere Frage.“ ״Möge dir Gott beistellen. Benjamin.“ ..Den Stock, (irossväterchen! Vergiss den Stock nicht! Ha. ha. ha! Wie der böse Vogel den Stock gefürchtet! Feigling! Den Küchlein wird er schon nachjagen. . . . sie sind ja so klein, so schwach. Als er aber mich, die Grössere, sah, riss er sofort aus. Ha, ha. ha!“ Ohne dem Geplauder des Kindes znznliörcii, ging der Rabbi eiligst aus der Hütte »ach der‘ Richtung, die vor einer Stunde der Jude. Reh Chaim, welcher den Rabbi und seine Gattin alte Narren genannt, eiligeschlagen hatte. i Zur selben Zeit, als im Rabbinerhause auf ein seeli- 1 sches Gewitter wohRtwtules heiteres Wetter gefolgt war. hatte sich einem;»deren, grossen Hause ein furclttbarer Sturm entladen.; Am ünssersteii Ende des Städtchens, wo mehrere Porrmul Landstrasxcn »;ich kreuzen, und baufällige Windmühlen, die bei der völlig׳.■!! Windstille ruhten, Viel!• weiden, ein schmaler. scliimpzigcr Fluss mit attsgefahreuim Urem und der ..neugeborene■־ Wald zu sehen waren, stand ein Maus. Fs war dies ein zaunloscs, plumpes, langes und schiefes Gebäude, zusammengesetzt aus rohen Ziegeln,!»!getüncht, ohne jeden Bauplan, ohne jede architektonische Symmetrie zu verraten. Wäre nicht aus einem der zahlreichen Schornsteine ein tiiialmeiider dicker' Rauch gekommen. Wäre» nicht vor dem Tore riesig:• lleurentcr aufgesfapclt, bewegten sich nicht vor der Türe lebende Geschöpfe - mau würde diese riesige, mtharmouische Ziegclmassc eher für einen verödeten Schatstall, als fiir eine menschliche Behausung gehalten haben.: Wie eine Aussätzige wurde dieses Ge*