Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 96 ___JÜDISCHE RUNDSCHAU No. lü haben, und da sie es nicht erreichen können, dass die deutsche Politik der Regierung und der Parteien, abgescheu von den Antisemiten, die Judenfragc zu einer entscheidenden Frage der Politik machen, so werden sie ־niemals aus ihrem circulus vitiosus herauskommen. Gewiss, die Abwehr ist schon aus dem Grunde notwendig, weil wir noch ganz anders ins Hintertreiicn kämen, wenn wir sie beiseite lassen wollten. Aber ebenso *wie nicht im entferntesten der Erfolg dem Zentralvcrtin bcscliieden sein wild, den er in seinen Träumen erwartet, ebensowenig ist es möglich, in Deutschland die Judeufrage zu lösen, die keine deutsche, sondern eine internationale Frage ist. Man kann das Schicksal der Juden eines Landes nicht von dem eines andern trennen. Was den Juden eines Landes Gutes oder Schlimmes widerfährt, wirkt aut die Juden aller andern Lander zurück. Darum weisen ganz natürlich die deutschen Juden darauf hin, wenn in Holland oder Italien ein ungetaufter Jude Minister und General wird. Darum haben die deutschen Antisemiten den Anstoss und die dauernde Nachicucrung iiir den Judenbrand in Russland und Rumänien gegeben. Die Judenfragc ist eine internationale, •- soweit es ־die andern, eine nationale, soweit es die Juden betrifft. Aber gerade weil sie für uns eine nationale Frage ist, müssen wir die Angriffe auf unsere nationale Für*״ zuriiekweisen, müssen wir für unser Judentum mit unserm Leben und unserm Blute einstchcn. Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass die Nation nichtswürdig ist, die nicht ihr alles freudig an ihre Ehre setzt. Und wir würden Lumpen sein, wenn wir es zuliessen. dass man unsere Nation beschimpft und ihre Ehre weiter freventlich in den Staub und Kot zerrt. Aber die Abwehr der Angriffe auf die Judenehre ist doch nur ein negatives Tun. Und wenn unsere Tätigkeit nur darin bestünde, so würden wir dazu beitragen, dass wie bisher immer mehr und mehr die Kreise von unserem Stamme abbröckeln. die zwar durch ihren Reichtum und durch ihre Sucht nach äusseren Ehren am meiste,ך dazu beigetragen haben, den Judenhass neu zu beleben, aber sich mit edler Feigheit dem Hasse durch die Taute entziehen, den sie in erster Linte gesät haben. Denn trotz aller gelegentlichen Ausfälle Träumerei Zur Sonnenhöhe flattern die Gedanken. Ins lichte Wunderland der Träumerei .... Mein Geist ist iedig aller Erdeuschranken. In meinem Geiste bin icli gross und frei. Kein giildner Prunk lässt lüstern mich erbeben, Das Frei ge fühl ist meine stolze Pracht; Mir kann kein Fürstcuwille Freiheit geben. An meinem Reichtum birst des Gönners Macht! Um diese Wonne will ich schweigend bllssen Und dankbar dulden meines Daseins Los. — Ich sehe Völkerscharen mir zu Füssen Den Zwergen gleich, — und ich bin frei und gross! Und kehrt mein Geist vom Hochnug heim zur Erde, So bringt er Frieden mir und Fröhlichkeit. Ich lächle, wenn mit gnädiger Geberde Freund Michel mir ein Menschenrecht verleiht. .. '• ... I gegen die oiientalische• Phantasie getaufter Juden wolle man sich doch nicht einruden, dass diese dci Judenhass auch nur im geringsten trifft, unter dem wir leiden, die wir die alte viertausendjährige Treue־ bewahren. Von der rein negativen Abwehr, wie sie im Zcntralvereiu und selbstverständlich im Äbw.chrvcrcin zur Geltung kommt, muss man zu positiver Arbeit schreiten, damit das Judentum auch eine Zukunft habe. Von der Vergangenheit können wir nicht allein zehren und mau ist seit Jahrhunderten bemüht, dc*n Nimbus des Jüdischen Volkes zu zerstören. Diesem positiven Schäften einer Zukunft des Judentums und der Juden gilt, unsere dauernde Arbeit. Aber auch die positive Arbeit kann uns nicht der Verpflichtung überheben, die Angriffe auf unsere Ehre, r.uf die Ehre unserer Eltern, die Juden waren, auf die Ehre unserer Kinder, die Juden sein werden, zuriickzuweisen. Wir müssen uns immer mehr als politisches Ganze zusannnensehliessen, ohne Furcht, dass man uns den tu,•gerechten Vorwurf des Staates Im Staate!׳,acht. Da wir schwach sind, können wir auch heute diesem ungerechten Vorwurfe so wenig entgehen, wie mau andererseits dem starken Zentrum, dass doch w irklieh einem Staate im Staate verzweifelt ähnlich sieht, niemals diesen Vorwurf gemacht hat. Nur die Einigkeit macht stark und daran sollen wir uns durch getaufte Juden und durch solche, die es werden wollen, nicht beirren las^n. Nur müssen wir von der Abwehr zu positiver Arbeit für die Juden und das Judentum fortschreiten. Die einzige in Deutschland mögliche und zugleich notwendige Jiidenpolitik ist der einmütige Kampf um die Gleichberechtigung der Juden und des Judentums. Die praktischen Forderungen •müssen natiirlieh besonders behandelt werden. Denn die Voraus- Setzung für die Sammlung der Juden ist ein positives Programm. Nicht Abwehr des Antisemitismus, sondern die Durchführung der politischen Gleichberechtigung der Juden und des Judentums muss die Losung sein. Wir haben so lange uns dagegen gesträubt, in Deutschland eine Jiidenpolitik zu treiben. Die immer mächtiger anschwellende Judenfeindschaft, die immer grössere Not des Judentums zwingt uns, -eine Juden- Politik zu treiben Diese Judenpalitik. die sich auf dem 1N־a:h(lru<k verboten.) Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. Erstes Kapitel. Ein ungewöhnliches Geschenk. Es war ein heisscr Somtnertag des Jahres 1623. In dem gutsherrltchcn Städtchen Zwautz. das zu den zahllosen Stammgütern des angesehenen Magnaten Stephan Potoeki gehörte, herrschte schon am früh.11־ Morgen reges Leben lind Treiben. Neuigkcitsjäge!• und Gaffer von beiden Geschlechtern raunten von einer Gasse in die andere, von einer Hütte in die andere, riefen ihre Nachbarn und Bekannten herbei, teilten ihnen etwas sehr geheimnisvoll mit, beteuerten und schwuren, gestikulierten mit den Händen und schiitfclteil mit den Köpfen, wendeten das Gesicht g.u Osten und deuteten mit den Fingern nach einem und demselben dunklen Punkt, der sich vom Horizonte abhob. Die Zuhörer!.ahmen die Mitteilung mit verächtlicher Grimasse and ungläubigem Lächeln auf. •wendeten aber trotzdem den Kopf nach der von den Postern rägun angedeuteten Richtung, das Auge vor den Strahlen der "יי״יהיי״יי לי"