Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jk -1. No. 9 _ JÜD ISCHE fast 9p Prozent aus Mitgliedern, die entweder ungetaufte Juden sind oder den dort herrschenden und forcierten Traditionen mutwilligster Taufen gefolgt sind. Es ist selbstverständlich nicht Sache der Unterzeichneten Korporationen, irgendwem ein politisches oder nationales Bekenntnis vorzuschreiben und cs könnte ihnen von diesem Gesichtspunkte aus gleichgiltig sein, ob diese Herren alljährlich, wie bisher, einige indifferente jüdische Akadcmike! anlocken, um sic systematisch dem Judentum 7.11 entfremden und ihnen ein erlogenes Deutschtum suggerieren. Nicht gleichgültig aber ist cs uns, wenn diese sogenannten ״deutschfreisinnigcn“Studenten den jüdischen Namen, welchen zu Ansehen zu bringen die Unterzeichneten mit allen Kräften und nicht ganz ohne Erfolg bemüht waren, dadurch entehren, dass sie den deutschen Ariern ihre Anhängerschaft und unwillkommene Gefolgschaft trotz allen moralischen Fusstritten (Ehrlosigkeitserklärung gegen luden und Judcnstämmlingc, prinzipielle Ausschlicssung von allen Aktionen und Kundgebungen der deutsch-arischen Studentenschaft, u. dgl.) immerfort aufdrängen. Bezeichnend für diese würdelose Stellung sind zahlreiche Erklärungen von Deutschnationalen über die ethische Minderwertigkeit und politische Charakterlosigkeit des deutsch-jüdischen Standpunktes gegenüber dem jüdischnationalen. Gleichgültig ist es ferner nicht, wenn deutschliberale Korporationen den Mut der Lächerlichkeit auibringen und jüdisch ־ nationalen Verbindungen Satisfaktion mit der famosen Begründung verweigern, dass ..sie ihre deutschen Klingen mit ihnen nicht kreuzen, weil sie deutsche Art und Sitte an der ahnu nuter verunglimpfen". Jeder Unbeteiligte wird zugeben müssen, dass der Kampf, der unsererseits Juden gegenüber am liebsten vermieden wird, unter solchen Umständen notwendig, nützlich und unausbleiblich ist. Wir haben den Kampi um das Ansehen und die Ehre der jüdischeu Studentenschaft, um die Ehre unseres Volkes gegen numerisch weit überlegene Gegner unter den schwierigsten Verhältnissen nicht gescheut und werden gewiss auch einen Weg gegen Juden, welche als solche eine würdevolle und selbstbewusste Haltung Schritt für Schritt vermissen lassen, zu finden wissen. Wir werden ihn zähe, rücksichtslos bis zur letzten Konsequenz verfolgen. Dies diene zur Aufklärung der jüdischen Ocffentlichkeit und speziell der jüdischen Jugend, die durch tendenziöse Berichte und leere Aeusserlichkeiten irregeiü’nrt werden könnte. Die jüdisch-akademischen Verbindungen: ״lvria'\ .,Kadinali“, ...Maccabäa". ״Unitas". Judenrein Itn April vorigen Jahres wurde bekanntlich die Brunner Landwirtschaftliche Spar- und Vorschuss-Kasse, registrierte Genossenschaft mit unbeschränkter Haltung bei einem Spareinlagestand von vier Millionen Kronen und einem unbedeckten Defizit von drei Millionen insolvent. Dank dem ener• gischen Eingreifen wackerer Männer wurde das die Existenz hunderter Familien gefährdende Unglück gemildert. In dem Sanierungskoniitee waren es insbesondere unsere Glaubensgenossen, die Herren Dr. M. Stein und kais. Rat L. Black, welche Dank ihrer Sachtmd Fachkenntnis die Aktion in solche Bahnen lenkten, dass unter Mithilfe der anderen nicht uuverdienten Mitglieder des Komitees und unter kräftiger finanzieller Förderung seitens der Stadt und des Bezirkes eine glückliche Beendigung mit Sicherheit zu erwarten ist. In das Liquidationskomitee wurde Herr kais. Rat Black fast einstimmig gewählt, auch von bekannten Antisemiten, und auch in dieser Eigenschaft entwickelt derselbe ein allgemein ancrkanntes Wirken. Die Leiter der verkrachten Kassa standen anfangs dieses!Monats vor dem Scliw urgcrichte und erhielten für ihr hetrügerisches herostratisches Wirken sechs und vier Jahre schweren Kerkers mit Fasten. Schon die -Anklageschrift war interessant, indem die Staatsanwaltschaft konstatierte, dass die vielseitig angeregte Wahl des kais. Rates Black immer damit liintertrieben w'urdc. dass man die Kassa Juden rein" erhalten müsse, während der wahre Grund der war, dass man die Tüchtigkeit des jüdischen Kaufmannes fürchtete, der den ganzen Schwindel erkennen und aufdcckcit könnte. Als Zeuge vernommen, wies Herr kais. Rat Black aus den Protokollen der Generalversammlungen nach, dass er schon vv>t 25 Jahren gegen die holten Dividenden Stellung nahm. während er in den ferneren Jahren die verschiedensten, dem Institute zum Vorteil gereichenden Anträge stellte, welche immer abgelehnt wurden, weil solche von ihm kamen. Auf die Frage des Verteidigers des einen Angeklagten wieso cs komme, dass Uhl, der ein Führer der Fortschriftlichen und nach der Aussage des Zeugen nicht iudcnfeindlich war. seine Wahl unter der Ausrede, die Kassa RUNDSCHAU Seite 91 müsse j u d c n r c i n sein. in den Verwaltungsrat verhinderte, antwortete Jer Zeuge: ״Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Fortschrittlichsten der Fortschrittlichen einem konservativcnZuge folgend, den Juden Zurücksetzungen zu teil werden lassen, die man schweren Herzens empfindet, an die man sich aber, da man es nicht zu ändern vermag, resigniert gewöhn t." Es ist nicht uninteressant, dass sämtliche sögenannten fortschrittlichen Zeitungen diese Aussage nicht bringen, während die antisemitische BRUNNER VOLKSZEITUNÜ sie wörtlich abdruckte. Die Kassa war bis zu ihrem Zusammenbruche judenrein. Pogrom in Odessa Mit Bangen und Besorgnis haben svir dem allgemeinen Wahltag in Russland tntgegengesehen. Wir wagten cs nicht, vorher die Befürchtung zu äussern. die wir doch nicht zuriiekdrängen konnten; dass der Weg zu einer neuen Etappe des russischen Staatslcbcns wieder mit jüdischem Blute bespritzt werden würde. Leider waren die Befürchtungen nicht grundlos. Kurz vor Schluss unseres Blattes erhalten wir Telegramme aus Odessa, die von einem regelrechten Pogrom berichten. Schon seit etwa zwei Wochen haben sich gefährliche Molken über dem Süden Russlands zusammengeballt und sich vor: ca weit übers Land gezogen. In mehreren Zentren: Kiew, Simicropol, Jekatcrinoslaw, Kischinew, in denen das Schwarze Hundert seine Hauptquartiere hat, sind die Juden während der Wahlkampagne in stets gesteigertem Masse von den Echt-Riisscn bedroht und cingeschtiehtert worden. Der Sieg der Reaktion an Orten wie Kischinew und Kiew, die Wahl eines Kruscheuan. durch Terror und Gewalttätigkeit er* kauft, schienen — doch wenigstens das Eine in sich zu schlicsscn, dass die Sieger kerne weitere Entladung iiir ihren Judenhass suchen würden. Aber cs erweisst sich, dass die Genngtuung über die Wahltriumphc bei den Schwarzen Banden doch geringer war als ihre Enttäuschung lind ihr Zorn über ihre schmählichen Niederlagen in Moskau und Odessa. Besonders Odessa ist ja geradezu eine Metropole der Pogrombandeit. Furchtbare Erinnerungen an barbarischen Massenmord und grässliche Massakers verknüpfen sich für uns mit der blossen Nennung des Namens. Seit den Oktober• tagen J9t5׳ ist die Bestie dort auf der Lauer in unstillbarem Blutdurst. Selbst zur Zeit, da im übrigen Russland der Pogromgeist sich in die dunklen Winke! verkrochen hatte, feierte er am hellen Tage in den Gassen Odessas seine Orgien. Attacken und Inst.ltierungcn und ab und zu ein Mora anschlag zeigten, dass dfes clrwarze Bande nicht ans Abrüste,, denken wolle, und so mussten Juden und Intellektuelle immer auf den plötzlichen Ausbruch eines Pogroms gefasst sein, zumal der famose General Kaulbars der Lenker der Stadt war und der Kriegszustand die beste Deckung für ihn und seine Proteges bot. Die klägliche Wahlniederlage der Schwärzen war schliesslich das Signa! für den Beginn einer neuen Schlacht. Die letzten Nachrichten die wir erhalten, besagen io!gc;1dcs: Die Odessaer Uiirversifütsbehorden sandten gestern den 10. ein Telegramm an den Minister der Volksaufklärung, dessen wesentlicher Inhalt lautet: ״Die Gewalttaten des ״Verbandes des russischen Volkes“ gegen Studenten und Bürger hören nicht aui, trotz aller Protestdepeschen, die der Universitätsrat an Sie und an den Ministerpräsidenten geschickt hat. Die L'cberiällc werden im Gegenteil iri'riiet verwegener und zahlreicher. Die Erregung der Studenten wächst unter diesen Umständen, daher sah sich der Universitätsrat gezwungen, die Universität zu schlicsscn“. Gestern iand in Odessa auch eine Versammlung alle! ausländischen Konsuln statt, bei der die gefährliche, durch Gewalttaten des ..Verbandes des russischen Volkes״ g> sehafferie Situation besprochen wurde. Da auch die Ausländcr schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, so wurde eine telegraphische Berichterstattung der Konsuln an ihre Regierungen beschlossen. Die Konsuln werden den Regierungen erklären, dass die Bchö־ len trotz aller Versprccluiugen nichts tun. um Gut und Leben der Ausländer zji schützen. Ein Telegramm aus Petersburg bestätigt, dass, nachdem die ״echten Russen" vier Tage lang ihr schändliches Handwerk getrieben, die auswärtigen Generalkonsuln zusammciitraten. uni eine Protestresolution gegen das Verhalten der Behörden zu fassen und Massregeln zum Schutz der Ausländer zu treffen. Die Konsuln haben sieh sofort telegraphisch an ihre Regierungen gewandt. Gestern wiederholicit sich, wie uns unser Korrespondent weiter berichtet, die skandalösen Szenen in den Strassen Odessas. Auf im