Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 90 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 9 Rundschau — Berlin. Als der jüdische Kaufmann M. vor einiger Zeit starb, hinterlicss er eine evangelische Frau und zwei Kinder, die im Einverständnis des Ehemanns M. evangelisch getauft waren. Als die älteste Tochter das schulpflichtige Alter erreicht hatte, bat die Mutter das Vortmindschaftsgericht, um die Erlaubnis, ihre Tochcr iu der christlichen Religion erziehen zu dürfen. Die Mutter betonte, dass ihr Ehemann gewünscht habe, die Kinder sollten iu der christlichen Religion erzogen werden Das Amtsgericht und Landgericht waren aber der Ansicht, dass die Kinder in der jüdischen Religion zu erziehen seien, welcher der Vater angehört hatte. Auf die Beschwerdt des evangelischen Geistlichen entschied aber das Kamtnergerjeht, dass die beiden Kinder, welche mit Zustimmung beider Eltern getauft waren, bis zum H. Lebensjahre in der Christ-! liehen Religion zu erziehen seien. In der Begründung wurde u. a. ausgeführt, noch im Jahre 1851־ habe das Obertribunal angenommen, dass eine Ehe zwischen Christen und Juden gesetzliclt nicht gestattet sei. wie aus £ 36 II. I. des Allgemeinen Landrechts gefolgert werden müsse. Die Vorschriften der Deklaration, betreffend den den Kindern aus Ehen zwischen Personen verschiedener Glaubensbekenntnisse 71! erteilenden Religionsunterricht können daher nicht schlechthin aui Kinder?ns Ehen zwischen Christen und Juden angewendet werden. Mithin müsse angenommen werden, dass Kinder einer Christin und eines Juden, welche mit Zustimmung des jüdischen Vaters die christliche Taute erhalten haben, nach Ableben ihres jüdischen Vaters während der Zeit, wo sie religionsuiimiindig seien, in der christlichen Religion erzogen werden müssen. Die Erziehung der Kinder Im jüdischen Glauben würde auch nicht den allgemeinen Rechtsanscltamiitgen und dem Rechtsgefühl des Volkes entsprechen. Der Fall an und für sich würde keinerlei Aufmerksamkeit eifordern, wenn hier nicht ausdrücklich auf die Ausnahmegesetzc zurüekgegrinen worden wäre, die im Anschluss an das Allgemeine Landrecht jüdische Kinder unter gewissen Bedingungen christhcher Bevormundung und christlicher Er- Ziehung überweisen. Wir waren der Meinung, dass durch das B. G.B. diese alten Bestimmungen beseitigt seien. Aber viel eklatanter ist es. dass es in der Urteilsbegründung heisst, dass die Erziehung der Kinder im jüdischen Glauben nicht den allgemeinen Rechtsnnsclnutmgen und dem Rechtsgefühl des Volkes entsprechen wurden. Diese richterliche Begrün düng sollte dem ..liberalen‘• Juden die Augen darüber öffnen, mit welchen Augen sie von den Nichtjuden betrachtet werden. Warum beruft sich kein Richter auf das Rechtsgefühl des Volkes, um die arme Wittwe freizusprechen anstatt sie zu Gefängnis zu verurteilen, weil sie wiederholt gezwungen ist. mit gestohlenen Brocken, den Hunger ihrer Kinder zu stillen? seelischen und des physischen Jammers überdrüssig, j den kühnen Sprung zur Rettung aus dir Not wagen, j Freilich gelingt es nicht jedem. Diejenigen, die zu ihren! j Stamme zurückkehren, denen ist der Weg .licht zu weit und besecligende, stolze Hoffnung und Begeisterung stählen ihnen den Mut und die Krntt sicher und untclilbar ans Land zu kommen; die aber nach der andern Seite ihre Rettung suchen, indem sie sich in die Arme ihrer Verfolger werfen wollen, vermögen meist auch da nicht festen Fuss zu fassen und gehen unter. Inzwischen ticibt das Schifffein weiter, ohne Kurs, ohne Ziel, geleitet von unbefugten,' u.u'äliigon Händen. Wie lange noch, Kinder Israels, wollt ihr entmutigt und verkümmert, Eure Heimat vergessend, einem 1111־ sichtbaren Phantom nachjagen und Euch zutu ()!!ter darbringen?! Euer Opfer ist gross und edel - aber nutzlos! Sollte es einst gelingen, das Reich aller Seligkeiten, ״Kosmopolitismus’ genannt, zu erreichen, so werden jene starken, früh genug in Sicherheit gelangten Völker in dem־ Reiche sich teilen, w ährend Ihr, verkommen, zerschellt, verschollen, nutzlos Euch geopfert haben werdet. Kehret um. Söhne Judas, noch ist es Zeit! Rettet Euch, Töchter Israels. Such.t festen Fuss auf sicherem Boden zu fassen, von wo aus Ihr im Rate der Völker an der Erreichung des grossen Zieles mit• Das zeigt, dass auch der Richter bei allen« Streben nach Gerechtigkeit das Rechtsgefühl des Volkes subjektiv auffasst und dieses subjektive Rcchtsgcfühl ist eben den Juden abgeneigt. Vom ״Bezalel“ Den ersten Abend ihrer Ankunft in Jerusalem verbrachten Herr und Frau \V o I f f s o h n im ..Bczalel". wo sie mit Gesang seitens der Schüler und Schülerinnen empfangen wurden. Der Saal war von Besuchern, die zu Ehren der Gäste eingcladen worden waren, überfüllt. Nachdem die Schüler und Schülerinnen des .״Bczalel“ ein hebräisches Begriissungslicd augestimmt hatten, hielt Prof. Boris Schatz in hebräischer Sprache eine kurze Rede und überreichte den Gästen eitle Bcgriissungs-Adresse und zwei Muster von Teppichen, die ihnen vom ״Bezalel‘•‘ zuni Geschenk gemacht wurden. Es wurden die zwei Lieder ״Be/alcl l.e-Pavid" und ״Schir Bezalel“. die speziell für diesen Abend verlasst wurden, im Chor gesungen, worauf Herr Josun Eisenstadt die Tribüne bestieg, mn eine sehr schwungvolle Ansprache an die Gäste in hebräischer Sprache zu halten. Herr Woh'isohn entschuldigte sich zuerst, dass er nicht hebräisch spreche, und bekundete vor allem seine Freude, dass die Palästinenser den Schutz einer sehr wohlwollenden Regierung genössen. Er besprach die Ziele des ״Bezalel'' und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der ״Bezale!•• Grosses für das jüdische Land wie für das indische Volk leisten werde. Hierauf wurde das Lied JTljrrr» gesmigen. Herr Kahalkiu deklamierte (deutsch) den״Traum“ von B o r u c I! o w i: z - F c i w e 1 und ברכת י<ס (hebräischI von B i a I i k. Während seines Aufenthaltes in lertisalem besuchte Herr i Woh'isohn den hiesigen Gouverneur, den neuen Chacham- . Baschi Jakob Meir und den Oberrabbiner der Aschkcnasiin- Gemeinde, die• den Besuch erwiderten. Herr und Erau Wolnsohn besuchten in Begleitung von Herrn Levontin die Unterrichtsrüume von ״Bezalel‘־, wo sie fast zwei Stunden verweilten, alle Einzelheiten genau besichtigtcn und ihre lebhafte Freude und vollste Zufriedenheit über das Gesehene ausdrückten. Herr Woh'isohn unternahm hier Schritte zun« Ankauf eines geeigneten G r u n d s t ft d k s für den ״Bezalel". Am 25. Januar verliessen die Gäste unsere Stadt, um die Kolanieii zu besuchen. Von den Wiener Studenten Anlässlich des Stiftungsfestes einer deutsch-liberalen Studentenverbindung haben an der Wiener Universität Demo!!- strationen stattgefunden, welche nebst anderen damit itn Zusammenhang stehenden Vorfällen die Unterzeichneten Verbindungen zur Feststellung ihrer prinzipiellen Haltung gegenüber den deutsch-liberalen Verbindungen veranlassen: Die paar deutsch-liberalen Korporationen bestehen zu?^beiten könnet. Werfet Eure Lenker, die falschen Propheten mul Assinsilanten-Parnossim über Bord, setzte au ihre Stelle zielbewusste Juden, die das <».11־ er und das Ruder mit kräitigem Arm treu und sicher führe! und Euch in den Hafen des Judentums zurück- Unken! ln diesem Paten werdet Ihr Ruhe, Frieden und Befriedigung finden, werdet gesunden, lebet! und gecleihen! Haltet aber stets den Kurs nach Osten, nach dem Lande Eurer Väter gerichtet, strebet unablässig danach, um mit vollen Segeln dereinst hinzusteuern, aut dass Ihr auf dem heiligen Boden, in dem Lande der Verheissung, als ein von Kraft und Gesundheit strotzendes, von edler Begeisterung und hohen Idealen erfülltes Volk lebet und von da aus das Banner der Menschenverbriklertmg in alle Winde wehen lasset! Und so werd;t Ihr zur Verwirklichung des Prophetcn-Wortes beitragen: Und cs wird geschehen in den spätesten Tagen, da wird das Haus Gottes amgefichiet stehen auf dem vornehmsten der Berge. Und cs werdet! zu ihm hinströmen alle Völker der Erde, sprechend: Auf. lasset uns wallen zum Hause des Gottes Jakobs, auf dass wir wandeln 1:1 seinen Wegen; denn von Zion geht die Lehre, von Jerusalem das Ciotteswort aus!'* אכפדיכה, t ־״Jf ימיו