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Jüdische Rundschau · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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S*itej>2_י_ JÜDISCHE Schnee spielende jüdische Kinder wurde Beschossen. Wohnungtn von Juden wurden demoliert. Einem jüdischen Burger namens Weit*, der sich gegen seine Angreifer zur Wehr setzte, wurden die Arme ausgchrochen. Halbtot liess man ihn auf offener Strasse liegen. Seitdem scheint sich die grosse Qcfahr nicht auf Odessa beschränken zu wollen. Nachrichten, die uns in letzter Stunde telegraphisch zugehen, sprechen von dem drohenden Schrecken einer ganzen Serie von Pogromen |m Süden Russlands. Eine alarmierende Mitteilung, die das BER- LINER TAGEBLATT erhält, und die durchaus nicht unwahrschciniich amnutet, weist auf einen diabolischen politischen Endzweck hin, dem die Pogrotninszenicrung dienen soll: Nach allgemeiner Ucbcrzcugung wird die künftige Duma absolut oppositionell gesinnt gehalten. Eine Auflösung erachtet man für gefährlich. Unter diesen Umstanden suchen die reaktionären Kreise die Regierung davon 7.11 überzeuget!, dass es am besten sei, eine Tagung der Duma überhaupt nicht zustande kommen zu lassen. Uni dieses ins Werk zu setzen, beschloss die Pogromorgamnjtinn, die bereits die Oktobcrpogroiue inszenierte, in kürzester Zeit, angeblich am 27. Februar, in ganz Russland neue Jadenrr.ctzeleien hervorzurufen. Alsdann so!! dt». Regierung erklären, solange solche Zustände im Lande herrschten, könne eine Tagung der Volkswr:• fang nicht stattfindo! Stolypin hat Kenntnis von diese,!» P'ai.tr, er :»;.II ihn durch Stillschweigen guthassen. Honen wir wenigstens, dass c';e recl1uc:־.'g; Aii'.d.vke 1s •T:r Regierungs-Machinationen aas schwere Unheil in; '<:1;nc zctirfti. Die Intervention des AiuaanJes, die diesim.1 :*ns- .,iah ms weise sich reclitz.rr.g geltend macht, bestärk! uns in dieser Hoffnung. Russisches Elend Zahlreiche russische Judenfamilien flüchten aus Kischinew an die rumänische Grenze, weil eine Wiederholung der grausamen Metzeleien befürchtet wird. Die russischen Piaffen heten das Bauernvolk auf. Die Rabbiner aus Bessarabien depeschierten an den Odessacr Gouverneur und erflehten rasches Einschreiten, ehe es zu spät werde. Viele reiche Juden beabsichtigen, sich in Jassy und Galatz anzusiedein. Köln, 22. Februar. Wie dem Zionistischen Zentralbureau aus Odessa telegraphiert wird, ist dort die Ruhe jetzt wieder hergestdlt. Berlin, 27. Februar. NVic wir soeben erfahren, haben die Greuel unter Duldung des Militärgouvernturs Kaulbars von neuem begonnen. Die Sabbatfrage in Russland Durch die Massregeln des russischen Ministeriums fühlen sich viele Juden in ihren wirtschaftlichen Interessen ernstlich bedroht. Aus Ronmy berichtet man uns, dass sich die jüdische Ortsgemeinde an den Premierminister mit einem (jesuch auf telegraphischem Wege gewandt hat, er möge Aufklärungen hinsichtlich der jüdischen Rechte in dieser Be- Ziehung erteilen. Der Premierminister anwortetc. er überlasse es den Ortsbeliörde», darüber zu entscheiden, ob es angezeigt ist, für Jaden im Hinblick auf ihre religiösen Bedenken und auf ihre Sonderinteressen gewisse Ausnahmen zu machen. Es ist also gewissermassen eine prinzipielle Anerkennung der Berechtigung jüdischer Interessen, die durch ihre religiösen Satzungen bedingt sind; nichtsdestoweniger muss diese ministerielle Entscheidung als eine ungünstige betrachtet werden, denn die Tatsache, dass diese Frage dem Gutdünken lind vielleicht auch der Willkür der untergeordneten lokalen Organe überlassen wird, ist nicht beruhigend. Weiteres über die Sabbatfrage Einige jüdische Kaufleutc. die aus dem kleinen Städtchen Sochatschew (Gouv. Warschau) angekommen sind, teilen der WELT mit. dass die neuen Restriktionen bezüglich der Sonnlagsruhe gegen die Juden daselbst von den Ortsbehörden mit der grössten Strenge gchandhabt werden. Es ist dies, wie die Kaufleutc behaupten, eine Erschütterung der ökonomischen Stellung des jüdischen Handel- und Gewerbestandes. Die jüdische Kaufmannschaft ist ratlos. Vorläufige Wahlergebnisse in Russland Telegramme, die die WELT erhielt, berichten, dass diesmal leider die Chancen für die jüdischen Kandidaturen sehr ungünstig sind. Wilna (früher Dr. Lcwin). Minsk (früher Rosenbaum). Witebsk (früher Bruck) und Grodno (früher Jakcbsohn und Ostrogorski) dürften diesmal keinen Juden in die Duma entsenden.. In Polen siegte auf der ganzen Linie die Nationale Demokratie, die im letzten Moment wieder mit antisemitischem Terror arbeitete. RUNDSCHAU__ No, 9 Bisher sind drei Juden gewählt worden, und zwar Abramsohn in Kowno, Rabbinowitz in Jckat e r in 0 s I a w und der Z i o,n.i st S c h a p i r o in Mita w. Rumänische Zivilisation Auch in Rumänien entfaltet die antisemitische ״Propaganda der Tat“ neuerdings wieder ein förmliches Kesseltreiben. W'iiste Exzesse gegen die Juden, deren eigentliche Urheber, soi-disant Intellektuelle, sich fein im Hintergründe hallen, werden in vielen Städten nach allen Regeln der Kunst in Szene gesetzt. Der Blutdurst der rohen Massen wird mit teuflischem Raffinement geweckt, und es ist gar nicht abzusehen, wohin das stenmtische Schüren des Pogroimeucrs noch führen wird. Zudem ist eine Bereicherung der judenfeindlichen rumänischen Gesetzgebung in Aussicht genommen, indem eine ganze Reihe von Verfügungen Gesetzeskraft erhalten soll, die an den Lebensnerv der jüdischen Bevölkerung riihreu. Dem Situationsberieht eines gelegcntliehen Korrespondenten entnehmen wir die folgenden Einzelheiten: Auf Crajova, wo eine zionistische Versammlung gesprengt, jüdische Frauen und Kinder geprügelt wurden, folgte Bukarest, daun Jassy, wo ein zugunsten der jüdischen Schulen •.xranstaltetcs Ahcndrcst wegen antisemitischer Drohungen uuterMeibeii musste. N'im kommen schlimme Nachrichten aus Bei lad. Die Schüler des Lyzeums Codreanu rotteten sich 1דב J7. v. M. zusammen, zogen mit wildem Ocjoh! durch die Strassen, plünderten eine ganze Reihe von jüdischen Leder., zertrümmerten Fensterschiiben und haranguierten de־u Strassenmob, gegen die Juden loszuziehen. Auch in Focsani wird der Pöbel seit Wochen ״bearbeitet" und das lichtscheue-ste Gesindel zu Ausschreitungen gegen die Juden aufgestachelt. Vor kurzem wurden in dei jüdischen Mädchenschule die Fensterscheiben cingeschlagen, und die jüdische Bevölkerung sieht mit Bangen und Beklommenheit den^ kominenccn Tagen entgegen. Die freisinnige Zeitung ADEVERUL liess es sich angelegen sein, nach den Anstiftern dieser, das ganze Land umspannenden Hetze 7.u forschen und hat folgeude Tatsache ermittelt: Der Professor an der Universität Jassy. Jorga, bereist seit einiger Zeit die bedeutenderen Städte Rumäniens und hält Brandreden gegen die Juden. Namentlieh reizt er die Gymnasialjtigend aut. die seinen Worten begeistert lauscht und ihm allerorten zujubelt. Er fahrt eine ausgedehnte Korrespondenz mit den Gymnasiasten des Landes und lässt ihnen seine von gütigstem Judenhass durchtränkte Zeitschrift NEAMÜL ROMANESCE zukotnmen... Die jüdisehen Arbeiter gehen infolge der uengcschaftcncn Arbeitergesetznovelle der Brotlosigkeit entgegen; der grösste Teil von ihnen wird wohl in allernächster Zeit zum Wanderstabe greifen, und es stehen uns Ereignisse bevor, gleich denen, die sich im Sommer 1890 abspielten und auch unseren westeuropäischen Brüdern erinnerlich sind. Die Auswanderung wird aber schliesslich — sollte nicht bald Wandel cintreten — auch das letzte Auskunftsmittel der jüdischen Krämer und Kleinhändler sein, denen durch fortgesetzte legislative Massnahmen und administrative Chikanen der Brotkorb immer höher gehängt wird. Das jüdische Intelligenzprolctariat ist in keinem Lande so zahlreich wie in Rumänien. Mit jedem neuen l äge verschliesst sich der Studierenden jüdischen Jugend ein neuer Erwerbszweig. Bald wird ihnen auch die ärztliche Lautbahn unzugänglich gemacht werden . . . Das Ergebnis der Besuche, die die Herren Schneide, und Lueger aus Wien ihren Bukarcster Gesinnungsgenossen abgestattet haben, ist, dass sich hierzulande — Tierfreundschalt zu regen beginnt. Die Scliechitah-Frage befindet sich auf der Tagesordnung. Der zweite Bürgermeister von Bukarest, Herr Citircu, ii.hrt in der rumänischen Presse itn Namen der W isscnschaft tml Humanität einen Vernichtungsfeldzug gegen die barbarische, ״aller Menschlichkeit hohnsprechende'־ Prozedur des Sehächtens. Ihm akkompagmVit ein ganzer Chorus tierfrcunJicher Journalisten und Politiker. Den vielen Beschränkungen rein wirtschaftlicher Natur dürfte sich also in nächster Zeit eine Vergewaltigung unseres religiosen Gewissens in der Form des Schächtvcrbotcs angliedern ... So stellt nicht nach dem oben in knappen Federstrichen reproduzierten Situationsberichte die augenblickliche Lage unserer rumänischen Brüder dar. Unterdessen trifft das diplomalische Europa feierliche Vorbereitungen zur Haager Friedcnskonierciiz. Die erleuchtetsten Geister werden — sagt man — beflissen sein, Mittel und Wege zu ersinnen, um dem Moloch des Völkcrschlachtens Opfer zu entreissen und die Menschheit in Stufengängen zum ״ewigen Frieden“ emporzuführen. Sollte da die Abrüstung in Rumänien nicht als eine der nächstliegenden Aufgaben, die des zivilisierten Europa harren, in Betracht kommen?

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