Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 9 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 89 in Berlin? Wo anders als in jenem Viertel, in dem das Elend als Norm und die Verkommenheit als höchstes Gesetz Kilt? Wo anders als im Scheuncnviertcl? Dort hat es sich in einer einzigen Strasse allmählich und unauffällig hcrausgcbildct. dort ist es unbemerkt entstanden, als die russische Revolution die Juden über die Gren7.cn jagte, als die Flüchtigen in der Hauptstadt des Deutschen Reiches entweder ein Asyl oder einen Schlupfwinkel suchten. Denn die Flüchtlinge, die eine gemeinsame Gefahr aus der Heimat vertrieb, teilten sich schnell in zwei Hälften sobald sie den sicheren Boden unter ihren Füssen fühlten: die Reichen bevölkerten die grossen Hotels in der Friedrichstadt, und die Armen, die wenig mehr als das Leben aus dem Ruin gerettet hatten, oder auch retten konnten, weil sic wenig mehr als das armselige Leben besassen -- die Armen wanderten ins Scheuncnviertcl, in die Grenadierstrasse, um im dunkelsten Berlin ihres Lebens wieder froh zu werden. Wie cs kam, dass sie gerade die Grenadier- Strasse stiebten und fanden? Das Bestreben, wenig aufzufallen, der Wunsch, recht billig zu leben, führten die erster, in diesen Schlupfwinkel; und die ersten zogen die anderen nach. Geschäftsleute kamen, um Läden zu öffnen, deren Ware sie den rituellen Bedürfnissen und dem Gescfnnack der Fliichtlingc anpassten, um Herberge und Pcnsionatc — wenn man diesen Namen aut die Institute dort anwenden darf — zu gründen, und seitdem wurde der Zuzug noch stärker, seitdem entwickelte sicli die Grenadierstrasse zum Ghetto von Berlin. Das Sciieunenviertc! ist dem Untergang geweiht; auch die Häuser der Grenadierstrasse werden fallen. Da wäre also das Berliner Ghetto beinahe wieder verschwunden, ohne dass irgend einer von seinem Dasein irgend etwas gewusst hatte, aber man konnte eine Annonce 'm Blatt lesen: ..Zwei hübsche Jungen, mosaisch, werden verschenkt - ־* Die Adresse unter der Annonce wies in die Grenadierstrasse, und die Regung des Mitleids, die den Menschenfreund in die Strasse führte, wurde zur Entdeck er in. Es ist zwar nur Tünche, aber cs beruhigt, wenn über den Schmutz des Lasters und der Verkommenheit der Luxus seinen flimmernden Schleier breitet; cs ist Lug und Trug, vielleicht schlimmer als das. denn verhüllte Abgründe bedeuten grössere Gefahr als gähnende Schlünde: aber furchtbar ist cs, wenn Armut und Not sich mit dem Laster in eine Stätte teilen, wenn der Kummer scheu aus dem Winkel hervorblickt und die Vcrkontmenheit frech an ihr vorüber stolziert. Dann wird das Mitleid zurn Entsetzen, und der Widerwille zum Ekel. Aber so sieht es im Ghetto von Berlin aus. in der Grenadierstrasse, wo einst das Geschrei schimpfender Dirnen und die Flüche Ihrer Buhlen den Ton angaben. Jetzt mischt sich in das Geschrei das Geschwätz salopp gekleideter, schwarzhaariger Frauen, jetzt wandern auf dem Bürgersteig ganze Trupps junger und alter Männer mit kurzen schwarzen oder grauen Bärten, und die Kinder, die auf dem Fahrdamm *niclcn. rufen einander Worte in fremder Sprache zu: jetzt liest man an den Schaufenstern neben den deutschen Inschriften lange Anköndigungen in hebräischer Sprache, jetzt hat man leerstehende Läden in Rcsaurants verwandelt, in denen ..koscher״ gekocht wird, fast in jedem zweiten Hause eine Herberge eingerichtet, die den Namen irgend einer russischen oder polnisehen Stadt führt, jetzt hat es selbst ein Buchhändler fiir nützlich gehalten, eine Handlung für jüdische Literatur, sogar für jüdische Ansichtskarten einzurichten. Aber jedes Antlitz, jede Inschrift, jeder Laden — alles trägt den Stempel der Armut und der Erbärmlichkeit. Wer aber das Elend genau kennen will, muss in die Behausungen gehen. Da hocken §ic beieinander, Weiber und Kinder, und fragen sich hündermgend: Was soll aus uns werden? Sind ihre Männer bei ihnen, so geht es an, denn der Mann sucht einen Erwerb: er erfährt auch die Namen von wohltätigen Glaubensgenossen, aber so manches Weil» hat den Mann daheim un.er den Bajonetten der Soldaten fallen sehen und nichts gerettet als sich und ihr Kind. Wovon sollen wir leben? Ihre Wirtin, eine Glaubensgenossin, ist mildherzig genug, sic nicht zu drängen, doch lange geht es so nicht weiter: sie muss ihr Kind verschenken, um selbst einen Beruf ergreifen zu können ... Oder man geht in die Gaststube, einer der Herbergen. Der W irt sitzt mit einem Gaste am Tisch und spielt Domino. Beide tragen die schwarze Pelzmütze, trlrken Bier und essen Sonncnbliimcnkerne. die in zwei kleinen Porzeilanscnalen vor ihnen stehen. Das Zimmer ist finster, ein unbeschreiblicher Duft erfüllt den Raum: an der Tiir aber hängt die Gehctrolle und im Ncbenraum sitzen plaudernd drei oder vier Kinder, Öde und armselig! Man setzt seinen Weg iort. kommt in ein richtiges Wirtshaus und sicht Leben. Die Stube ist voll von Menschen und die leidlich saubere Wirtin hat viel zu tun. ,Ihr Schanktisch ist mit Speisen besetzt, die Gäste kommen, fordern und — handeln, bald in fliessendem. bald in gebro ebenem Deutsch. Über dem Büffet an der Hinterwand prangt ein Plakat mit vielsagender Inschrift. ״Geld und Wertsachen bittet man bc׳m Wirt abzugeben". Darunter liest man aber eine zweite, nicht minder charakteristische: ״Mache Dich ehrlich, ehr Du fortgehst־* .... Im Hir.tcrzimmcr wird Billard gespielt und gesungen, galizisch. russisch, deutsch. Vorn aber sitzen an: Tisch drei junge Leute und machen wehmütige Gesichter, und vor ihnen steht ein älterer und redet zu ihnen. Sie wollen alle nach Amerika, aber das Geld langt,nicht für alle. Schadet nichts: der Ältere weiss einige Quellen. Da geht die Tür auf und ein Greis mit weissem Bart tritt ein. Er setzt sich nieder und stützt trübselig das Haupt, er fordert kein Getränk und niemand fragt ihn. Aber?!eich nach ihm kam ein anderer, ein junger, flotter Bursche von hoher Statur. Er hat ein hübsches Gesicht, aber einen frechen Zug um den Mund, er wird bejubelt u1־d antwortet mit einer Zote. Mau merkt, wess Geistes Kind er ist und welch’ Gewerbe er treibt. Als er einen ärmlich gekleideten Gast begriisstc, reichte das Laster der Armut die Hand. —e. lieh unangebrachte Verbeugungen und Zugeständnisse | dem sogenannten Zeitgeist gegenüber machen, tragen in ihrem blinden Hass gegen die nationalen Bestrebungen auch viel dazu bei, dass soviel Indifferentismus unter den Juden herrscht. Sehen Sie sicli nur in Ihren eigenen Kreisen utn und Sie werden finden, wohin eine derartige Erziehung führt. Wenn auch eine atimasscude Verächtlichmachung alles dessen, was jüdisch ist, nicht wie bei den Assimilaticnsjudcn anzutreffen und die Jugend dem Wesen des Judentums, aus begreiflichen Gründen, nicht ganz.entfremdet ist, so ist doch auch bei ihnen vielfach ■eine gewisse Ueberhebimg und Geringschätzung den heiligsten Gütern des Judentums gegenüber wahrzunehmen. Deren Nachkommen gelten, indem die Rücksichten sich lockern, noch einen Schritt weiter und nach einigen Generationen haben auch sic, soweit sic nicht durch den Zionismus in andere Bahnen geleitet werden, die Schar der Feinde Israels durch ihren Zuwachs wesentlich verstärkt. Alle diese Verkehrtheiten in der Erziehung, die womöglich eine nichtjüdische sein muss, wobei folgerichtig eine beschämende Unkenntnis der jüdischen Geschichte und des Wesens des Judentums zutage tritt, werden unter dem Schilde; ״Kosmopolitismus“ als | scheinbar berechtigt und erstrebenswert gehegt und gepflegt. Dieses an und fiir sich wirklich hohe und erstrebenswerte Ideal wird indessen zur uiclitsagenden Redensart, durch grenzenlose Uebertrcibnng und Hintansetzung der eigenen Ideaie und der heiligsten Lebensinteressen des eigenen Volkes. Die Voikstcile verschiedener Nationen, die sich geistig ziisammengcfunden, um dieses in weiter Fern י liegende ideale Eila.id auf dem Weltmeere zu suchen, ziehen nach und nach die Segel ein und lenken ihre stolzen Schiffe in die sicheren Haien ihrer Nationen, in der richtigen Erkenntnis, dass das Ziel nur nach vorangegangener zielbewusster Arbeit i־.t der Ausrüstung und Stärkung der eigenen Flotte auf heimischem sichern! Boden, zu erreichen sei. Nur das winzige, armselige Schifflein Israels schaukelt allein und verlassen auf dem weiten Meere und schwankt als Spiclhall der Weilen, zum Hohn und Spott der Menschen hin und her. Bald vorwärts, bald rückwärts treibend, vom Sturm geschleudert und dem Zerschellen nahe, wird es oft durch einen unbarmherzigen Tritt noch schwankender gemacht. Hier Verachtung und Holm, dort allenfalls etwas Mitleid, das ist sein Loos! Was Wunder, wen« Viele, der Unsicherheit, des *»ayuwf ין!׳* .#!וייימ״י׳?!.s׳^״1